Zürich
Sozialer Stadtrundgang: Obdachlose führen durch die Stadt

Seit Oktober führen Obdachlose und Armutsbetroffene durch ihr Zürich. Das Angebot des Vereins Surprise kommt an: Allein im Dezember gab es 30 Führungen.

Julia Wartmann
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Ruedi Kälin (links) lernte Peter Conrath an einer Würstchenbude im Niederdorf, wo dieser arbeitete, kennen
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Sozialer Stadtrundgang
Peter Conrath erklärt den Besuchern, dass der Engel in der Halle des Hauptbahnhofs exakt die Spitze der Bahnhofskirche bildet
Peter Conrath (rechts) und Ruedi Kälin verkaufen beide weiterhin das Strassenmagazin Surprise
Mit der Kultur-Legi der Caritas können auch der Armut nahe Personen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen
Jede verkaufte Zeitung wird bei Ruedi Kälin genau notiert
In der Gassenküche Speak-Out im Niederdorf erzählt Ruedi Kälin von seinen Leben auf der Strasse
Die Surprise-Verkäufer bedanken sich bei ihren Kunden - viele von ihnen kaufen die Zeitung regelmässig
Die Stadtführer sind unschwer an ihren leuchtend orangen Surprise-Taschen zu erkennen
Am Helvetiaplatz spricht Peter Conrath über das Wohnheim der Heilsarmee
Die beiden Freunde Ruedi Kälin (links) und Peter Conrath absolvieren die Tour seit zwei Monaten gemeinsam
Der Uraniabogen war über mehrere Jahre hinweg der Schlafplatz eines Obdachlosen

Ruedi Kälin (links) lernte Peter Conrath an einer Würstchenbude im Niederdorf, wo dieser arbeitete, kennen

Julia Wartmann

«Wenn man um nichts bittet, ist man auch nichts schuldig», sagt Peter Conrath über sein Leben unterhalb der Armutsgrenze. Conrath ist Stadtführer des sozialen Stadtrundganges in Zürich. Seinem Motto schliesst sich auch sein Kollege Ruedi Kälin an. Wichtig ist beiden vor allem eins: sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen und von niemandem abhängig zu sein, auch von keiner sozialen Institution.

Auf dem zweieinhalbstündigen Stadtrundgang, der in Zürich seit Oktober durchgeführt wird, erzählen sie aus ihrem turbulenten Leben. Bevor sie als Verkäufer des Strassenmagazins zum Verein Surprise stiessen, arbeiteten sie in den unterschiedlichsten Branchen. Die häufigen Job-Wechsel waren nicht immer freiwillig, wie beide frei zugeben.

Kälins Traum von einer Karriere als Eishockey-Goalie wurde mit dem Tod des Vaters abrupt beendet. Um die Mutter und die zwei jüngeren Schwestern zu unterstützen, blieb ihm nichts anderes übrig, als schnell Geld zu verdienen, unter anderem als Skilehrer, in einer Druckerei und als Zeitungsausträger. Schlechte Erfahrungen mit dem Vermieter seiner ersten eigenen Wohnung führten dazu, dass er schliesslich ein Leben auf der Strasse begann. «Hier bin ich mein eigener Chef und niemand redet mir rein», sagt Kälin.

Conraths Weg in die Schulden begann mit der Aufnahme einer Hypothek für einen Kollegen und kulminierte in einem Motorradunfall in der Karibik. Ohne Taggeld-Versicherung kostete ihn die einjährige Genesung seine gesamten Ersparnisse. Bis heute wird sein Lohn, den er sich als Lagerist in der Migros verdient, verpfändet. «Das sind meine Schulden, die ich mir selbst eingebrockt habe. Ich will sie eigenständig zurückzahlen können», sagt er.

Bewusstsein schaffen

Doch keiner der beiden stellt sich auf dem Stadtrundgang als Opfer der Gesellschaft oder ungerechter Umstände dar. Die Tour beginnt im Niederdorf und führt die Besucher über den Hauptbahnhof an den Helvetia-Platz. Das Ziel der Führung sei es, mittels der Geschichten Betroffener auf Probleme wie Armut und Ausgrenzung aus der Gesellschaft in der Schweiz aufmerksam zu machen, sagt Carmen Berchtold, Koordinatorin der Stadtrundgänge in Zürich. «Es findet eine Begegnung auf Augenhöhe statt. Der Besucher leistet seinen Beitrag, indem er den Führern zuhört und Fragen stellt. Oft entstehen dabei interessante Gespräche für beide Seiten», sagt sie.

Sybille Roter, Projektleiterin der Stadtrundgänge in Basel und Zürich, hat die Touren über ein Jahr lang entwickelt und aufgebaut. Als Erstes müsse Vertrauen geschaffen werden für die gemeinsame Arbeit mit den Stadtführern. Die Führungen seien sehr persönlich. Mithilfe der gemeinsamen Reflexion über die eigenen Lebensgeschichten, könne den Stadtführern gezeigt werden, dass sie mit ihrer Situation nicht alleine dastehen.

In der Schweiz lebt fast eine Million Menschen in Armut oder knapp an der Grenze dazu. «Die Stadtführer müssen sich ihrer eigenen Biografien bewusst werden, um von der Opferrolle wegzukommen», sagt sie. Wenn man wisse, dass verschiedene Faktoren in die Armut führten, löse das etwas aus im Innern.

Auch wenn ein gewisser Grad an Selbstverschuldung dabei sei, brauche es in der heutigen Leistungsgesellschaft manchmal sehr wenig, um zu scheitern, sagt Roter. «Oft ist es eine Kombination aus mehreren Ursachen, die einen in die Armut abrutschen lässt. Jobverlust, ein bestimmtes Alter, eine Scheidung, Todesfälle und Sucht.»

Es sei wichtig, die Stadtführer in ihrer neuen Rolle zu unterstützen, ihnen aufzuzeigen, dass sie Experten zum Thema Armut sind – und Besuchergruppen viel von ihnen erfahren können. «Die Führungen stärken das Selbstbewusstsein der Stadtführer ungemein. Nach jeder Führung diskutieren sie, was man noch besser machen könnte», bestätigt auch Berchtold.

Vielversprechende Aussichten

Bis jetzt ist das Interesse der Besucher sehr gross. Allein im Monat Dezember organisierte der Verein 30 soziale Stadtrundgänge. Auch in Basel, wo es das Projekt schon seit eineinhalb Jahren gibt, zieht man mit 450 abgehaltenen Führungen eine durchweg positive Bilanz.

Doch zurücklehnen können sich die Verantwortlichen deswegen noch lange nicht. Das Angebot müsse laufend angepasst werden, sagt Berchtold. Im Januar beginnt sie mit der Rekrutierung neuer potenzieller Stadtführer. Es bedürfe einer grossen SelbstReflexion, Fremden persönliche Details über das Leben als Obdachloser oder Armutsbetroffener zu erzählen.

Die Kandidaten müssen über eine starke Ausstrahlung, Lernfähigkeit und eine gute Disziplin verfügen. Die Qualität der bisherigen Stadtführungen habe sich seit Beginn des Projekts am 3. Oktober schon enorm gesteigert. Vor allem punkto Zeitmanagement. Es sei wichtig, die Tour rechtzeitig zu beginnen und zu beenden.

Ein weiteres Ziel des Vereins fürs nächste Jahr ist es, ein Frauenteam auf die Beine zu stellen. Bis jetzt haben jedoch nur Männer Interesse am Projekt bekundet. Dabei spiele auch der finanzielle Anreiz eine Rolle, sagt der Vertriebsmitarbeiter Reto Bommer. Die Tour kostet pro Person 30 Franken. Der Stadtführer erhält
50 Franken pro Tour.

Ein weiteres Anliegen sei, auf die Bedürfnisse der Besucher einzugehen – gerade auch im Zusammenhang mit den Zeiten der Touren. Denn die Öffnungszeiten der einzelnen Institutionen, wie der Kultur-Legi oder dem Caritas-Markt überschneiden sich mit den gängigen Bürozeiten. Momentan versucht Carmen Berchtold gerade, Kontakt mit dem Amt für Militär und Zivilschutz aufzunehmen, um den Besuchern den Eintritt zum Helvetia-Bunker unter dem Kanzlei-Areal zu ermöglichen, wo Pfarrer Sieber im Seegfrörni-Winter von 1963/64 einst die erste Unterkunft für Obdachlose in Zürich eingerichtet hat.