Gewalt
So will die Stadt Zürich Amokläufe an Schulen verhindern

Mit Lehrkräfte-Schulungen und eigens entwickelten Alarmkonzepten rüstet sich die Stadt Zürich gegen allfällige Attentate an Schulen. Zentral ist das frühe Erkennen einer Gefahr.

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Die Stadt Zürich will Amokläufe an Schulen verhindern (Symbolbild)

Die Stadt Zürich will Amokläufe an Schulen verhindern (Symbolbild)

Schweiz am Sonntag

Rund 60 Stadtzürcher Lehrerinnen und Lehrer sitzen im Volkshaus. Sie absolvieren die obligatorische Schulung zum Themenkreis «Drohungen an Schulen, zielgerichtete schwere Gewalt, School Shootings, Amok». Sie sollen in erster Linie für das Problem sensibilisiert werden. Dann können sie künftig möglicherweise frühe Alarmzeichen als solche erkennen und Schlimmes verhindern helfen. Die inhaltlichen Details der Kurse, die seit rund einem Jahr stattfinden, werden nicht öffentlich gemacht.

Geleitet werden die Kurse von Roland Zurkirchen, Leiter der Fachstelle für Gewaltprävention am Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich, und Erwin Brühlmann, stellvertretender Leiter des Kommissariats Prävention der Stadtpolizei. Dieser räumt ein, dass die grössten Probleme mit zielgerichteten Gewalttaten nicht Schulen, sondern Erwachsene betreffen – am Arbeitsplatz oder in Beziehungen. Die Wahrscheinlichkeit einer Gewalttat an einer Schule sei hierzulande klein, sagt auch Zurkirchen – aber ein solcher Vorfall lasse sich auch für Zürich nicht gänzlich ausschliessen. Nicht zuletzt für die persönliche Verarbeitung eines Attentats sei die Gewissheit wichtig, dass man alles Mögliche zu dessen Verhinderung getan hat.

Kein einheitliches Täterprofil

Nach Erkenntnissen der Fachleute gibt es kein einheitliches Täterprofil. Angriffe können auf Schulen jeder Stufe verübt werden. Der Täter sucht für sich selbst jeweils einen Grund für die Tat – eine Verletzung, eine subjektiv als ungerecht empfundene Behandlung –, der durchaus weit in der Vergangenheit liegen kann. Eine zielgerichtete Gewalttat komme nie aus heiterem Himmel, weiss Zurkirchen. Sie kündige sich etwa durch Verhaltensänderungen an. Und immer, unterstreicht der Gewaltfachmann, gebe es da Ankündigungen in irgendeiner Form. Oft würden sie aber nicht als solche erkannt. Hier setzen Weiterbildung und Präventionsprogramm der Stadt an. Die Lehrkräfte müssen sich vertraut machen mit dem Thema, sagt Zurkirchen im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Sie müssen zudem wissen, dass sie sich jederzeit Hilfe holen können.

Bei der Fachstelle für Gewaltprävention wurde eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet. Dort kann sich jeder Lehrer, jede Lehrerin melden, wenn ihm oder ihr etwas aufgefallen ist. Dabei muss nicht höchste Alarmstufe herrschen. Manchmal geht es einfach darum, ein ungutes Gefühl zu besprechen.

Gerade das sei wichtig, sagt Departementssprecher Marc Caprez: «Die Lehrpersonen müssen wissen, dass sie uns nicht lästig sind, wenn sie anrufen – besser ein Telefon zu viel als eins zu wenig.» Eine Meldung zu machen, rücke eine Schule nicht in ein schlechtes Licht, betont Zurkirchen. Im Gegenteil sei es «ein Indikator für eine gute Schule», an der man sich mit dem Thema befasse.

Fachleute spannen zusamenn

Bei der Prävention spannen Fachleute verschiedener Bereiche zusammen. Schulpsychologen sitzen mit Polizisten, Sozialarbeitern, Lehrern und Gewaltfachleuten am Tisch. Für eine gute Zusammenarbeit ist es laut Zurkirchen zentral, «dass man sich gegenseitig in den unterschiedlichen Funktionen akzeptiert»: Ein Polizist muss nicht den-ken wie ein Schulpsychologe und dieser nicht wie ein Lehrer.

Da aber trotz allem einmal der Ernstfall eintreten könnte, wird für jedes Schulhaus in der Stadt Zürich ein individuelles Alarmkonzept erarbeitet. Alle Schulhäuser werden zudem mit eigens entwickelten Alarm- oder besser Informationsanlagen ausgerüstet. Ertönt sie, muss allen Lehrkäften klar sein, was nottut. Wichtig vor allem: nicht reflexartig aus dem Zimmer rennen. Sonst könnte man sofort zur Zielscheibe werden.

Für diese Anlagen legt der Stadtrat demnächst eine Weisung mit Kreditantrag vor. Eigentlich war die Installation schon auf das laufende Jahr vorgesehen. Der Budgetstreit im Gemeinderat und der daraus folgende Spardruck hätten das Projekt aber verzögert, sagt Zurkirchen.