Der Bund hat gestern für den künftigen Betrieb des Flughafens Zürich wichtige Weichen gestellt. Mit der zweiten Etappe des Sachplans Infrastruktur der Luftfahrt (SIL 2) hat er den Rahmen festgelegt, in dem sich der Flughafen entwickeln darf. Anlass gab eine Sicherheitsüberprüfung nach einem Vorfall im März 2011, als zwei startende Swiss-Maschinen beinahe kollidierten.

In der Folge wurden 30 Massnahmen beschlossen, die teils Änderungen im SIL bedingen. Diese werden auch Regionen mit Fluglärm belasten, die vorher kaum betroffen waren. Die wichtigsten Anpassungen und ihre Folgen:

  • Südstarts geradeaus: Bei Bise und Nebel ist der Flugbetrieb heute äusserst komplex (siehe Karte). Neu dürfen die Piloten deshalb bei solchen Bedingungen auf der Piste 16 geradeaus Richtung Süden starten. Dadurch fallen alle Kreuzungen weg. Die Bevölkerung im Süden wird aber deutlich stärker belärmt. Die Rede ist von rund 13 000 solcher Südstarts geradeaus pro Jahr, das entspricht 7 Prozent aller Abflüge. Mit Bise und Nebel ist an etwa 30 Tagen pro Jahr zu rechnen. Die Flugsicherung Skyguide würde am liebsten täglich mit diesem kreuzungsfreien Konzept operieren, der Flughafen und die Swiss wünschten es sich zumindest über Mittag, um somit Engpässe abzubauen und Verspätungen zu vermindern, die sich teilweise bis in den Abend kumulieren und für die späten Abflüge sorgen. Laut Christian Hegner, Direktor des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl), ist jedoch angesichts der lärmpolitischen Situation im Kanton Zürich eine Ausdehnung dieses Konzepts nicht opportun.
  • Weitere Linkskurve: Bei Normalbetrieb müssen die Richtung Süden abfliegenden Flugzeuge nach dem Start links abdrehen und in einer 270-Grad-Kurve den Flughafen überfliegen. Dabei kreuzen sie die Route eines allenfalls auf der Piste 14 durchstartenden Flugzeuges. Um diese Situation zu entschärfen, wird künftig in der Linkskurve weiter ausgeholt. Dadurch gewinnen die Maschinen vor dem Überflug mehr Höhe und gehen einem allfälligen Durchstart aus dem Weg. Durch die erweiterte Kurve werden mehr Menschen im Osten belärmt, allerdings nicht viel stärker als bis anhin.
  • Starts entflechten: Abflüge auf der Piste 28 Richtung Westen können nun früher separiert werden. Das erhöht die Sicherheit und ermöglicht kürzere Startabstände. Ein Teil des Gebiets im Westen des Flughafens wird dadurch entlastet, ein anderer Teil zusätzlich belastet.
  • Längere Pisten: Die Verlängerungen der Pisten 28 Richtung Westen und 32 Richtung Norden sind nun definitiv im SIL aufgenommen worden. Grosse Maschinen mit Anflug auf Piste 28 müssen heute bei Nässe auf den Südanflug ausweichen. Das erhöht die Komplexität. Mit einer längeren Piste 28 kann sogar ein A380 von Osten her landen. Zudem wird das Risiko eines über die Piste schiessenden Flugzeugs reduziert. Von einer verlängerten Piste 32 könnten auch schwere Jets abheben. Stehen sie vorher am Dock Midfield, gelangen sie zudem kreuzungsfrei zum Start. Pistenverlängerungen würden vor allem die Bevölkerung im Norden und Osten belasten, jene im Süden dafür entlasten.
  • Rollwege erweitert: Diverse Kreuzungen zwischen landenden, startenden und rollenden Flugzeugen können auch mit der Umrollung der Piste 28 vermieden werden. Zudem sind im SIL Schnellabrollwege auf der Piste 14 enthalten. Die Erweiterungen tangieren ein Flachmoor. Laut Bazl-Direktor Hegner gebe es jedoch eine Lösung, die das Moor zugleich aufwerte.

Hegner betonte, die Massnahmen würden weder die deutsche Bevölkerung betreffen noch stünden sie im Zusammenhang mit dem auf Eis gelegten Staatsvertrag. An den Sperrzeiten und der Nachtruhe zwischen 23 und 6 Uhr (mit Verspätungsabbau von 23 bis 23.30 Uhr) wird festgehalten.

Mit dem SIL 2 hat der Bund zudem die Lärmbelastungskurven angepasst. Die grössten Veränderungen gegenüber dem bestehenden Objektblatt betreffen den Betrieb ab 22 Uhr. In dieser Zeit haben die Starts von Langstreckenflugzeugen zugenommen. Für weitere Bewegungen gebe es wenig Spielraum, sagt das Bazl.

Südstarts kaum vor 2024

Die Prognosen zeigen, dass die Nachfrage nach Flugverbindungen ab und nach Kloten weiter steigen wird. Langfristig dürfte die Kapazität aber nicht ausreichen, um diese Nachfrage zu stillen – auch nicht mit den Möglichkeiten, die der SIL 2 nun bietet.

Kommt hinzu, dass noch Jahre vergehen, bis die Massnahmen greifen. Zunächst folgt die Anhörung der Gemeinden und Kantone und das Mitwirkungsverfahren für Organisationen und Private. Im Juni 2017 wird der Entscheid des Bundesrates erwartet. Erst dann kann der Flughafen eine entsprechende Änderung des Betriebsreglements beantragen. Dagegen kann die Zürcher Regierung ein Veto einlegen.

Über eine Pistenverlängerung entscheidet voraussichtlich das Zürcher Stimmvolk. Und erst dann beginnt das Bewilligungs- und Rechtsverfahren, bei dem wiederum Einsprachen möglich sind. Bis zur Umsetzung und Schulung vergehen weitere Jahre. Mit einem Südstart geradeaus rechnet der Flughafen in acht Jahren, mit Pistenverlängerungen in zehn Jahren.