Wer ans Gymnasium kommt und wer nicht, ist seit Jahren eine politisch umkämpfte Frage. Davon zeugen diverse Änderungen an den Aufnahmebestimmungen. Gleichzeitig hat die Zahl der Langzeitgymnasiasten stark zugenommen. Jetzt ist Gegensteuer angekündigt: «Die Aufnahme ans Gymnasium soll später und stärker leistungsbezogen erfolgen», sagte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) gestern vor den Medien. Und: «Wir wollen nur die Kinder und Jugendlichen ins Gymnasium aufnehmen, die intakte Chancen haben, die Probezeit zu bestehen.»

Je mehr Schüler die halbjährige Probezeit am Gymnasium nicht bestehen, umso mehr Klassen sind während der zweiten Schuljahreshälften plötzlich zu klein. Doch bis sie zusammengelegt werden können, gilt es, den nächsten Schuljahreswechsel abzuwarten. Das geht für die Schulen ins Geld. Und für die Kinder und Jugendlichen, die die Probezeit nicht bestehen, ist es zumeist ein Frust.

Alarmierend war zuletzt vor allem die Entwicklung an den Zürcher Kurzgymnasien: Während sie an den Langgymnasien knapp über 15 Prozent stagnierte, stieg die Austrittsquote an den Kurzgymnasien von 15 Prozent im Schuljahr 2005/6 auf durchschnittlich 22 Prozent im Schuljahr 2015/16. Steiner ist besorgt: «Jugendliche, die im Kurzgymi die Probezeit nicht bestehen, fallen oft zwischen Stuhl und Bank.» Denn während sie vergeblich fürs Gymnasium lernten, seien ihre Sek-Kollegen bereits dabei, sich auf eine Lehre vorzubereiten.

Die Bildungsdirektorin liess daher anhand von statistischen Daten untersuchen, welche Faktoren dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche die Gymi-Probezeit bestehen. Die gestern präsentierten Resultate der Bildungsforscher Laura Helbling und Urs Moser zeigen: Da ist zum einen der Faktor Sprache. «Gymnasien mit einem höheren Anteil an Schülerinnen und Schülern mit nicht deutscher Muttersprache haben höhere Ausrittsquoten», heisst es in der Studie des Instituts für Bildungsevaluation der Universität Zürich.

Auch soziale Faktoren spielen eine wichtige Rolle: Gymnasien mit Schülerinnen und Schülern aus weniger privilegierten Schulgemeinden haben im Durchschnitt höhere Austrittsquoten. Die höchsten Austrittsquoten im Schnitt der letzten zehn Jahre hatten denn auch Kantonsschulen mit hohem Sozialindex: Bei den Kurzgymnasien waren es die Kantonsschulen (KS) Limmattal, Zürcher Unterland und Zürich Nord mit jeweils 23 Prozent; bei den Langgymnasien wies die KS Zürich Nord mit 22 Prozent im Zehnjahresschnitt die mit Abstand höchste Austrittsquote auf. Am anderen Ende der Skala rangieren die KS Rämibühl, Uster und Wiedikon mit Austrittsquoten von 11 Prozent und das Liceo Artistico mit 9 Prozent.

Silvia Steiner, Bildungsdirektorin

Silvia Steiner, Bildungsdirektorin, im Interview zu den wichtigsten Erkenntnissen der Studie.

Laut Steiner liegt es nun, an den jeweiligen Schulen passende Lösungsansätze anzubieten. Denn die Problemlage sei ja nach Schule anders. Einige erfolgreich praktizierte Massnahmen erläuterte Andreas Niklaus, Rektor der KS Zürich Nord: Dort erhalten Sekundarschüler vermehrt Informationen, damit sie sich auch nach bestandener Gymi-Aufnahmeprüfung noch an der Sek auf die Gymi-Probezeit vorbereiten können. Zudem werden ihnen während der Probezeit im normalen Stundenplan Coaching-Stunden angeboten. Dabei arbeiten die Jugendlichen still an ihren Aufgaben oder bereiten Prüfungen vor. Unterstützung erhalten sie von älteren Schülern. Für Gymnasiasten, die direkt von der Primarschule kommen, wurde eine Aufgabenstunde eingeführt.

Trendwende erreicht?

Im Schuljahr 2016/17 hat sich die Zahl der Probezeitabgänge kantonsweit wieder verringert. Ob dies eine Trendwende ist, bleibt abzuwarten, wie Reto Givel vom kantonalen Mittelschul- und Berufsschulamt sagte. Die Gymi-Aufnahmeprüfung habe sich laut der Studie in der heutigen Form bewährt: Wer an der Prüfung besser abschneidet, besteht auch eher die Probezeit – und umgekehrt. Ebenfalls bewährt hat sich die 2012 eingeführte Verlängerung der Probezeit von drei auf sechs Monate, wie Steiner und mehrere Kantonsschul-Rektoren übereinstimmend sagten: Der Probezeit-Stress habe dadurch für die Schülerinnen und Schüler nachgelassen.