Jahresausblick

So sieht es aus, das perfekte Zürcher Jahr 2013

Morgen beginnt das Jahr 2013. Welche Themen werden die Zürcher Bevölkerung bewegen?

Morgen beginnt das Jahr 2013. Welche Themen werden die Zürcher Bevölkerung bewegen?

Für einmal schreiben wir nicht, was war, sondern was nächstes Jahr werden könnte – theoretisch, zumindest. So soll also das perfekte Zürich im Jahr 2013 aussehen.

Kunst in der Verrichtungsbox

Grosses steht im kommenden Jahr in Altstetten an, wo die Stadt ihren ersten Strichplatz einweiht. Der zuständige Stadtrat Martin Waser (SP) wird das rote Band am Eröffnungstag mit feuchten Augen durchtrennen und den Platz Prostituierten und Freiern zur gemeinsamen Nutzung überantworten. Besonders stolz ist Waser auf die Innovation im Sexgewerbe schlechthin: die Verrichtungsbox. Zugegeben, in seiner ursprünglichen Form ist das kahle Kabäuschen nicht gerade heimelig und es verweilt wohl niemand länger darin, als unbedingt nötig. Doch der Zürcher Stadtrat hat sich zusammen mit Ex-Stapi und Tourismuspräsident Elmar Ledergerber (SP) etwas Spezielles einfallen lassen: Unter dem Arbeitstitel «Pimp my Verrichtungsbox» ist ein Konzept entstanden, wie die Boxen auch ausserhalb der Betriebszeiten belebt werden können. Die Idee ist denkbar simpel: Die städtische Kunstsammlung platzt aus allen Nähten, seit die Verantwortlichen in den letzten Jahren Tausende verschollene Bilder wiedergefunden haben. Der verantwortliche Stadtrat André Odermatt (SP) stellt diese Bilder ab sofort nicht mehr nur Schulhäusern und Spitälern zur Verfügung, neu werden auch die Verrichtungsboxen damit geschmückt. Ein Ausschuss, der sich paritätisch aus Freiern, Prostituierten und Vertretern der Fachstelle Flora Dora zusammensetzt, trifft monatlich eine Auswahl an Bildern, die dann in Form von Wechselausstellungen auf dem Strichplatz präsentiert werden. Das Kunsthaus bietet dazu eigens Führungen an. Dieses Zusammengehen von Kunst und Erotik lässt sich auch touristisch hervorragend vermarkten, wovon die lokale Hotellerie profitiert. Anders als im Kunsthaus sind die Werke in den Verrichtungsboxen nicht alarmgesichert. Damit kommt es in regelmässigen Abständen zu Diebstählen. Auch das gehört zum Konzept. Auf diese Weise kann André Odermatt die vielen überzähligen Werke der Sammlung kostenneutral abbauen. Nicht einmal die SVP kann da dagegen sein. (awe)

Anpfiff zur Fussballstadt

Die Zürcher haben sich fast daran gewöhnt, dass sie nie ein richtiges Fussballstadion bekommen werden – aber dann geht 2013 alles plötzlich ganz schnell. An Neujahr kündigt der Stadtrat aus einer Festlaune heraus an, nicht im September über den Bau abzustimmen, sondern schon im März. Erstaunlicherweise gibt es keinen Widerstand. An der Urne kommt das neue Stadion mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 99,9 Prozent durch. Einzig SVP-Gemeinderat Mauro Tuena hat dagegen gestimmt – und auch das bloss irrtümlich, aus reiner Routine. Noch am selben Tag gehen die Bauarbeiten los. Aus lauter Vorfreude auf das neue Stadion legen der FCZ und GC in der Meisterschaft unglaubliche Siegesserien hin und liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. In Zürich greift eine regelrechte Fussballeuphorie um sich, die auch die Bauarbeiter erfasst. Schon im Herbst sind sie mit dem Stadionbau fertig, vier Jahre früher als erwartet – und viermal günstiger. Kurz darauf steht die vermeintliche Feuertaufe an: ein Zürcher Derby im bis auf den letzten Platz ausverkauften Stadion. Aber die Hardcore-Fans sind so entzückt darüber, dass sie auf ihre Pyros verzichten. Um den Neubau zu schonen, zünden sie bengalische Zündhölzchen an – und sind verblüfft über die grossartige Atmosphäre. Von jetzt an nichts anderes mehr! Erfreut über diese unerwartete Wendung zündet der Polizeikommandant spontan eine konfiszierte Seenotfackel an. Der Stadionsprecher verzichtet auf eine Ermahnung. Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) will die geläuterten Fans belohnen, indem er das Alkoholverbot aufhebt und Starkbier für alle ausschenken lässt. Doch die Fans winken ab: Sie können nicht bechern, weil sie nach dem Spiel rund ums Stadion noch den Müll wegräumen wollen. (hub)

Kabis statt Tulpen

Warum warten, bis Krieg ist? Die Zürcher SP-Gemeinderätin Simone Brander fordert in einem Postulat, dass in den stadteigenen Beeten statt Tänkeli und Tulpen Kabis und Kartoffeln anzupflanzen seien. Als Nuance zum letzten Weltkrieg, als selbst der Sechseläutenplatz untergepflügt wurde, will Brander ihr Anliegen aber nicht als Aufruf zur Anbauschlacht verstanden wissen. Ihr schwebt viel mehr die «essbare Stadt» vor. Die Bevölkerung soll ihr Gemeinwesen als Garten sehen und sich idealerweise an dessen Pflege beteiligen. Statt «Betreten verboten» hiesse es fortan «Pflücken erlaubt». Der Gemeinderat Zürich hat das Postulat kürzlich an den Stadtrat zur Prüfung überwiesen. Zu hoffen ist nun, dass der sich sputet, damit das Vorhaben möglichst schon nächsten Frühling angegangen werden kann und dann schnell Nachahmer findet. Der öffentliche Raum als ein grosser Gemüsegarten - was für eine verlockende Vorstellung! Die sogleich weitergehende Fantasien nährt. Warum nicht auch Nutztiere öffentlich laufen lassen? Warum nicht Milch für alle von der Kuh im nahen Pärkli? Vom Car- zum Cow-Sharing! Und Chicken-Sharing fürs Frühstücksei. Es überbordet, wer sich nun auch noch vorstellen will, was sich alles in öffentliche Brunnen einspeisen liesse. Aber ist es nicht unhygienisch, wenn Nahrung so unverpackt herumsteht und daliegt? Schon, aber beim Grossverteiler ist das Brot in der Regel ja auch dutzendfach begrapscht, bis man es aus dem Regal nimmt. So dürften wir zwischenzeitlich alle genügend immunisiert sein. (tma)

Männerbeauftragter ade!

Vor noch nicht allzu langer Zeit gingen die Wogen hoch, als der erste Zürcher Männerbeauftragte kurz nach Amtsantritt den Hut nahm. Die Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichberechtigung, Helena Trachsel, holte sich einen weniger streitbaren Kollegen an Bord. Doch auch er sollte nur wenige Wochen im Amt bleiben, denn im perfekten Jahr 2013 überstürzen sich die Ereignisse auf wundersame Weise. Die UBS Zürich beginnt, statt hoch qualifizierte Deutsche, hoch qualifizierte Mütter einzustellen und die Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau auszugleichen. Nach kurzer Zeit herrscht im Betrieb eine natürliche Balance zwischen den Geschlechtern, die derart beflügelnd wirkt, dass sie dem Pionier in der Bankenwelt goldige Halbjahreszahlen beschert. Alle Finanzinstitute, Industriebetriebe, die Hochschulen und bald auch die öffentliche Verwaltung ziehen nach. Die ungebremste Einwanderung in den Kanton geht markant zurück, in den Pendlerzügen findet jede und jeder wieder problemlos einen Sitzplatz. Die SBB schliessen sich der neuen Flirtplattform der VBZ an – noch nie werden so viele Ehen geschlossen wie in diesem Jahr. Kinderkrippen schiessen wie Pilze aus dem Boden, Arbeitslose und Teilzeitangestellte werden in Quereinsteigerkursen für die Betreuung von Kleinkindern ausgebildet. Durch die gestiegene Kaufkraft wird der Verdrängung von Familien aus den Städten Einhalt geboten. Der Männerbeauftragte wird erst überschwemmt mit Anfragen von Ehemännern, die mit dem neuen Auftritt ihrer Gattinnen überfordert sind. Doch bald schätzen sie die Vorzüge einer selbstbewussten Frau und übernehmen mit Freude 50 Prozent der Hausarbeit. Die Scheidungsrate im Kanton halbiert sich und selbst Helena Trachsel, die sich ein Leben lang für die Gleichstellung eingesetzt hat, muss einsehen, dass ihre Fachstelle mitsamt Männerbeauftragtem obsolet geworden ist. Sie hat ihr Ziel erreicht: Es herrscht Lohngleichheit und nie da gewesene Eintracht zwischen Mann und Frau. Sogar die SVP ist für einmal rundum zufrieden, da sich die Fachstelle durch derart glückliche Umstände – und ganz ohne Gebrüll von Rechts – gleich selber abgeschafft hat. (tes)

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