Alter
So selbstständig wie möglich

In städtischen Alterssiedlungen leben Menschen von 60 bis 102, die dank moderner Infrastruktur ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Alfred Borter
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Limmattaler Zeitung

Linda Mantovani Vögeli, die Direktorin der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW), ist beeindruckt: Für den Jubiläumsband zum 60-jährigen Bestehen der Stiftung wurde eine ganze Reihe von Bewohnerinnen und Bewohnern interviewt. Es sei berührend, wie diese bis ins hohe Alter – die älteste Bewohnerin ist 102-jährig – mitten im Leben stehen und das Leben auch zu geniessen wüssten, auch wenn die Kräfte abnehmen. «Die Haltung dieser Menschen ist bemerkenswert: Sie wollen ihr Leben möglichst selbstbestimmt leben, aber wenn sie Unterstützung brauchen, können sie diese immer in Anspruch nehmen.»

Im Bedarfsfall ist Hilfe da

Das bestätigt Sibylle Matthijs, die mit 62 in eine Alterswohnung gezogen ist. Sie ist die Jüngste im Haus. Warum ist sie relativ früh umgezogen? Die Idee reifte im Zusammenhang mit ihrer Pensionierung. Als sie als Lehrerin mitten im Arbeitsleben stand, war sie immer an der SAW-Siedlung Gladbachstrasse vorbeigefahren, und als sie renoviert wurde, bewarb sie sich um eine Wohnung. Jetzt ist sie begeistert: Sie hat eine schöne Zweizimmerwohnung zu einem bezahlbaren Preis, wo sie auch ihr neues Hobby, das Akkordeonspielen, pflegen kann.

Die zahlreichen Hilfsangebote braucht sie zwar im Augenblick noch nicht: Spitex, Wasch-, Flick- und Bügelservice, und wenn sie die Grippe haben sollte und das Bett zu hüten hätte, würde jemand für sie die Einkäufe erledigen oder auch einmal kochen. Ausserdem steht bei Bedarf auch der Hauswart zur Verfügung, etwa wenn sie es einmal nicht mehr schaffen sollte, die Glühbirne an der Decke auszuwechseln. «Ich möchte so lange selbstständig bleiben, wie das geht», lautet ihr Ziel.

Kein unerwünschtes Bemuttern

Das ist auch das Bestreben der Stiftung: Unterstützung im Alltag anbieten, wo dies hilfreich ist, aber sicher nicht Leute bemuttern, die dies nicht nötig haben und auch nicht wollen. «Manchmal müssen wir Mieterinnen oder Mieter speziell darauf aufmerksam machen, dass es vielleicht angezeigt wäre, jetzt eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen», erläutert Linda Mantovani. Dann aber sei vieles möglich. Sie erwähnt ein Ehepaar, das immer noch das Leben gemeinsam bewältigt und dabei auch schöne Momente geniesst, obschon der Mann seit Jahren dement ist.

Im Jahr 1950 war es eine Pionierleistung, als die Stadt Zürich mit der Siedlung Espenhof in Albisrieden erstmals Wohnungen in einer Alterssiedlung anbot; vorher kannte man für Seniorinnen und Senioren nur Alters- und Pflegeheime. Die Idee war, älteren Personen, die vielfach in schäbigen Mansardenzimmern oder in Kellerräumen untergebracht waren, günstige Wohnungen anzubieten, bei Bedarf mit einer gewissen Betreuung. So stand etwa im Pflichtenheft des Hauswarts, er solle den Bewohnern auch im Umgang mit Behörden beistehen. Ein weiterer Grund für das neue Angebot war die Feststellung, dass manche ältere Personen ganz allein in zu gross gewordenen, aber günstigen Wohnungen lebten, Wohnungen also, die Paare mit Kindern noch so gerne übernommen hätten.

Heute verfügt die Stiftung über 35Siedlungen, sieben davon sind Neubauten in der Planungs- oder Baurealisationsphase. Die Nachfrage ist gross: Die Wartelisten umfassen rund 3000Namen.

Die Wohnungen sind altersgerecht; zum Beispiel gehört ein Lift in jedem Haus dazu. Die Böden sind nicht rutschig, und in jeder Dusche hat es auch eine Sitzmöglichkeit. Das WC ist so platziert, dass es auch von einer auf den Rollstuhl angewiesenen Person benutzt werden kann.

Ein Buch zum Jubiläum

Mantovani ist überzeugt: «Unser Modell ist zukunftstauglich.» Sie erwartet, dass dank dem Jubiläumsbuch, in dem neben Bewohnerinnen und Bewohnern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie externe Fachleute zu Wort kommen, der seit 60Jahren immer wieder verbesserten Idee des selbstständigen Wohnens mit ambulanten Dienstleistungen zu weiterer Verbreitung verhilft.

«Leben wie ich will – Autonomes Wohnen im Alter» von Isabel Baumberger (Text) und Dominique Meienberg (Fotografie), herausgegeben von der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich, erschienen im Verlag Kontrast.