Zürich

So schnüffeln Sie richtig: Wie Detektive ihr Handwerk erlernen

Detektiv Erich Wunderli zeigt seinen Schülern, wie man nicht beobachten sollte.

Detektiv Erich Wunderli zeigt seinen Schülern, wie man nicht beobachten sollte.

Privatdetektive stehen vor der Abstimmung über die Überwachung von Versicherten im Fokus. Aber wie lernt man eigentlich, professionell zu observieren? Ein Besuch in einer Agenten-Schule in Dübendorf.

In der Ecke des Schulzimmers sitzt ein Teddybär auf dem Holzregal. Daneben: Funkgeräte, Kabel, eine Flasche Putzmittel und ein paar Metallkoffer. Vor dem Fenster der Schweizerischen Agenten Organisation (SAO) kreuzen sich die S-Bahnen am Bahnhof Dübendorf. Detektiv Erich Wunderli begrüsst seine Schülerinnen und Schüler zum Unterricht. Jeans, schwarzes Hemd, Lesebrille: Der Privatdetektiv ist voller Elan, lacht oft und erzählt gerne von seinen Detektiv-Abenteuern.

Neben Wunderli steht Sandy, die die Detektiv-Grundausbildung schon abgeschlossen hat, um ihren Lehrer beim Unterrichten zu unterstützen. Unter der Woche arbeitet sie als Logistikerin. Mit dem karierten Hemd über dem schwarzen Tanktop erinnert sie tatsächlich ein bisschen an eine Tatort-Ermittlerin. «Hast du in deiner Ausbildung etwas Spezielles erlebt?», fragt Detektiv Wunderli. «Sehr viel Action und Adrenalin pur», sagt Sandy. Hier nennt man sich beim Vornamen.

«Beim GPS-Tracker-Setzen oder bei Verfolgungen am Hauptbahnhof in Zürich musst du mit dem Kopf so dabei sein, dass es an den Nerven kitzelt», sagt Sandy. Inspector Gadget und andere Krimi-Figuren hätten sie schon als Kind fasziniert, deshalb wollte sie Detektivin werden. «Andere Leute zu beobachten, ihre Mimik und Gestik zu studieren, das hat seinen Reiz.» Ein guter Detektiv müsse ein guter Schauspieler sein, viel Geduld haben und wissen, wie man recherchiert, sagt Ausbildner Wunderli.

Keine anerkannte Ausbildung

An diesem Tag steht in Dübendorf «Fuss-Oberservation» auf dem Stundenplan. Die Grundausbildung in der Privatdetektivschule dauert 16 Samstage und kostet 2682 Franken. Jeweils von 10 bis 15 Uhr werden verschiedene Beobachtungs- und Kommunikationsarten geübt. Auch «Auto-Observation mit Rollentausch» oder «Passanten am Bahnschalter und Automaten beobachten» steht auf dem Programm.

Zur Grundausbildung gehören zudem theoretische Inhalte, die man im Selbststudium lernen muss. Danach könnten grundsätzlich «alle ausgebildeten Detektivschüler direkt in der Detektei Wunderli arbeiten», preist die SAO ihre Ausbildung auf der Website an. Zu tun gebe es genug, sagt Wunderli.

In der Schweiz gibt es keine eidgenössisch anerkannte Ausbildung zum Privatdetektiv, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Erich Wunderli hat einen eigenen Berufsverband gegründet, den «Schweizerischen Verband ausgebildeter Privatdetektive». Nicht zu verwechseln mit dem «Dachverband Schweizerischer Privatdetektive», der eine Ausbildung nur in Deutschland empfiehlt. Von Branchenkollegen wurde Wunderlis Ausbildungsmodell auch schon öffentlich kritisiert. Im unreglementierten Dschungel der Privatdetektiv-Konkurrenz scheint man sich nicht nur wohlgesinnt zu begegnen.

«Es ist eine Lebensschule»

Nach der Begrüssung im Schulzimmer hat sich die Klasse ins Dübendorfer Zentrum begeben: Bei einem Grossverteiler werden sich die Schüler als Ladendetektive versuchen. Fünf Frauen und drei Männer absolvieren derzeit die Grundausbildung: Sie sind von Beruf Chauffeure, Assistentinnen, arbeiten im Call Center oder im Büro. Die meisten von ihnen sind eher zufällig auf die Ausbildung gestossen. Manche orientieren sich beruflich gerade neu, andere erhoffen sich eine Abwechslung vom Alltag oder einen willkommenen Nebenerwerb.

«Es ist eine Lebensschule», sagt Helena, von Beruf Büroangestellte. «Beim Beobachten lernst du viel über Psychologie, das hat mich schon immer interessiert», meint Carolin, die Dentalassistentin. Sie suche «Abenteuer, Vielseitigkeit, Action».

Detektiv Wunderli bittet seine Schüler einzeln in den Laden. Eine Assistentin spielt das «Zielobjekt» zwischen Filet und Waschmittel. «Bitte steht nicht einfach mit dem Blöckli in den Gängen herum», instruiert Wunderli. Zwischen den Regalen erklärt er Carolin: «Du musst eigentlich nur die Füsse der Zielperson sehen. Am besten kannst du dich hinter Aktions-Schildern verstecken.»

Man solle auch immer mal wieder ein Produkt in die Hand nehmen und so tun, als sei man am Einkaufen. «Aber wir kaufen nie wirklich etwas ein.» Viel zu lang gehe es, die Produkte zu bezahlen. «Bis du damit fertig bist, hast du die Zielperson längst verloren», sagt der Lehrer.

Die angehenden Detektive müssen die Schulbank drücken.

Die angehenden Detektive müssen die Schulbank drücken.

Ein Kuss wird dokumentiert

Die SAO bietet neben der Grundausbildung auch diverse Weiterbildungen an: «Dipl. Wanzenspezialist/in», «Dipl. Ladendetektiv/in» oder «Dipl. Sozialdetektiv/in» zum Beispiel. In der Praxis habe man es dann vor allem mit «Fremdgehern» zu tun, sagt Wunderli. «Wir dokumentieren zum Beispiel, wie sich zwei Personen küssen». Jeder Kunde habe eine andere Toleranz, sagt der Detektiv. Wird links-rechts geküsst oder auf den Mund? «Das wird dann ganz genau und möglichst bildhaft beschrieben. Allfällige Fotos zeigen wir dem Kunden, löschen sie aber nach 24 Stunden wieder.»

Wunderli arbeite auch im Bereich der Sozialhilfe und zahlreiche Gemeinden gehörten zu seinen Auftraggebern. Und theoretisch könnte jemand nach der Weiterbildung zur Sozialdetektivin auch Aufträge von Versicherungen ausführen, wie sie im Zusammenhang mit der Abstimmung über die Überwachung von Versicherten gerade heiss diskutiert werden (siehe Box rechts oben).

Wunderli ist überzeugt, dass seine Schüler die Bedingungen, die der Bundesrat an zukünftige Sozialversicherungs-Detektive stellt, erfüllen würden (siehe Box rechts unten). Doch Überwachungen im Krankenkassen- oder IV-Bereich würden dereinst vielleicht ein Prozent seiner Aufträge ausmachen, so Wunderli. Wenn überhaupt: «Wenn das Gesetz angenommen wird, dann wird kaum ein Auftrag an private Detektivbüros gehen», ist er überzeugt. Die Sozialversicherungen würden eigene Ermittler anstellen.

Die gesamte Fallzahl von IV-Observationen ist sowieso tief: von 2010 bis 2016 wurden laut dem Bundesamt für Sozialversicherungen schweizweit durchschnittlich rund 150 Menschen pro Jahr von Detektiven überwacht. Trotzdem befürwortet Wunderli das neue Gesetz: Es könnten nicht alle Fälle von der Polizei gelöst werden, ist er überzeugt.

«Wir Privatdetektive möchten keinen Polizeistaat, wir möchten, dass auch unsere Arbeit einen gesetzlichen Boden hat.» Wunderli hofft, dass nach diesem Gesetz weitere Regulierungen für den Detektiv-Beruf folgen werden – und seine Tätigkeit damit besser anerkannt wird. Was wiederum auch mehr lukrative Aufträge bedeuten könnte.

Privatsphäre des «Zielobjekts»

Im Dübendorfer Zentrum haben die angehenden Privatdetektive den Lockvogel bis zum Schluss der Übung nicht aus den Augen verloren. Machen sie sich Gedanken über die Privatsphäre des «Zielobjekts», wie die beobachtete Person im Jargon heisst? «Wenn jemand nichts zu verheimlichen hat, darf ihn eine Beobachtung nicht stören», findet die Assistentin Sandy. Die Beobachtung müsse aber einen gerechtfertigten Grund haben. «Wenn ich wüsste, dass mich jemand beobachtet, würde mich das stören», sagt Carolin. «Aber du musst als Detektivin sowieso unsichtbar bleiben. Die Person erfährt nichts von der Beschattung.»

«Wenn du eine nackte Frau siehst, dann behalt es für dich», sagt Eric, der Lastwagenfahrer. Detektiv Wunderli ist überzeugt, dass das Beobachten eine alltägliche und damit ganz normale Tätigkeit ist: «Wir beobachten tagtäglich unbewusst unsere Mitmenschen, nur so lernen wir einander näher kennen. Das kann man gar nicht abschalten.»

«Immer voll dabei sein»

Zurück im Schulzimmer fragt Wunderli: «Was habt ihr heute gelernt?» Sie hätten viele interessante Geschichten über den Detektiv-Alltag gehört, sind sich die Schüler einig. Und gelernt, wie man funkt und beim Beobachten undercover bleibt.

Carolin weiss jetzt auch: «Ich darf nichts einkaufen, wenn ich in einem Laden observiere.» Und Helena sagt: «Man muss immer voll dabei sein, sonst ist die Zielperson schnell weg.»

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