Die alte Haupthalle des Zürcher Hauptbahnhofs, nach ihrem Erbauer auch Wannerhalle genannt, ist eine Verwandlungskünstlerin. Ab heute mutiert sie für einen Monat wie alle Jahre wieder zum Christkindlimarkt. Doch dies ist nur eines ihrer zahlreichen Gesichter.

Im Herbst beherbergte sie für drei Wochen die Züri-Wiesn und machte auf Oktoberfest. Kurz davor prägte anstelle der Wiesn ein Kunstrasen Jakob Friedrich Wanners Bau: Anfang September fand erstmals ein Junioren-Fussballturnier in der Bahnhofshalle statt. Und im Sommer sorgte die Fondation Beyeler mit einer Kunstaktion für Aufsehen bei den über 400 000 Passanten, die täglich im Hauptbahnhof unterwegs sind.

Die Hallenvermietung ist für die SBB eine beachtliche Einnahmequelle. Gegenüber Kunden wird die Wannerhalle deshalb auch als Eventhalle bezeichnet. Eine ab 2018 gültige Preisliste auf der SBB-Website zeigt, wie lukrativ die Halle für die Bahn ist: Sogenannte kommerzielle Anlässe bringen für einen Tag bis zu 44 000 Franken Miete ein. Bei Messen und Kongressen sind es bis zu 39 000 Franken. Für Sport- und Kulturanlässe zahlen Veranstalter mit Sponsoring am Tag maximal 30 000 Franken; ohne Sponsoring sind es 14 000. Ein Markttag in der ganzen Halle kostet gemäss SBB-Preisliste 11 000 Franken Miete. Die Mieten für Folgetage oder nur einen oder zwei Drittel der Halle liegen jeweils tiefer.

Ausgeschlossen sind gemäss SBB-Reglement religiöse und politische Veranstaltungen und Anlässe, die in starker Konkurrenz zur SBB oder ihren Mietern im Hauptbahnhof stehen. Ebenfalls keinen Platz in der Bahnhofshalle haben Events, die gegen die ethischen und moralischen Gefühle von Personen verstossen, wie es weiter im Mietreglement heisst.

Auf welchen Betrag sich die Einnahmen der Hallenvermietung pro Jahr summieren, geben die SBB auf Anfrage nicht bekannt. Ein Mediensprecher betont jedoch: «Jeder durch die Vermietung verdiente Franken entlastet die Schweizer Steuerzahler.» Die Nachfrage für die Halle sei gross.

225 Tage pro Jahr vermietet

Pro Jahr darf die denkmalgeschützte Wannerhalle gemäss einer Vereinbarung zwischen SBB und der kantonalen Denkmalpflege an bis zu 225 Tagen vermietet werden. «Das Kontingent ist grundsätzlich ausgeschöpft», so der SBB-Sprecher. Damit dürften die jährlichen Einnahmen aus der Hallenvermietung in mehrfacher Millionenhöhe liegen.

Dass die Halle überhaupt verfügbar ist, verdanken die SBB dem Verkehrswachstum: Drei Jahrzehnte nach ihrer Eröffnung im Jahr 1871 wurde die Bahnhofshalle zu klein. In der Folge entstand die sogenannte Querhalle, wo heute die Züge ankommen. Dort montieren die SBB aufgrund einer Auflage des Denkmalschutzes gerade die Werbetafeln vor den Prellböcken ab, wie es in der E-Mail des Mediensprechers weiter heisst.

Auch in der und um die Wannerhalle wird gebaut: Diesen Sommer begannen Sanierungsarbeiten. 2023 sollen sie abgeschlossen sein. Laut SBB-Angaben haben sie aber keinen absehbaren Einfluss auf die Hallenvermietungen.