Noch ist es ruhig im Audimax der Uni Irchel. Unten im grossen Hörsaal tigert Roger Alberto herum, kontrolliert seine Geräte und bespricht noch einmal mit seinen zwei jungen Assistenten den Ablauf. An drei Samstagen hat sich der Professor für Chemie Zeit genommen, die Kinder-Vorlesung über das Periodensystem vorzubereiten. Seit 12 Uhr ist er vor Ort. Die Experimente müssen funktionieren, wenn um 15.15 Uhr die Show beginnt und «das spektakuläre ABC der Chemie» erklärt wird.

Seit die Kinder-Universität Zürich vor 15 Jahren gegründet wurde, hat Roger Alberto gegen 150 Vorlesungen speziell für das junge Publikum gehalten. Trotzdem ist er angespannt. «Didaktisch ist das eine grosse Herausforderung», sagt er. Der Unterricht dürfe weder zu sehr in die Tiefe gehen noch zu banal sein. Ist es zu kompliziert oder zu langweilig, verlieren die Kinder das Interesse und werden unruhig. Anders als bei erwachsenen Studenten reagierten die Kinder unmittelbar und direkt. Sie trauen sich auch, die einfachen Fragen zu stellen – jene, die sich ihnen aus ihrem eigenen Erleben erschliessen und oft am schwierigsten zu beantworten sind. «Diese Vorlesungen sind definitiv die anspruchsvollsten», sagt Roger Alberto und wendet sich der Stahlwolle zu, die er später anzünden wird.

Ohne Leistungsdruck

Draussen drängt sich schon eine halbe Stunde vor Türöffnung eine Kinderschar vor die Absperrung. Ein Sicherheitsmann passt auf, dass niemand hineinschleicht. Die vorderen Plätze sind die begehrtesten. Dann geht die Tür auf und über 400 Kinder stürmen in den Saal. Etwa 50 sprinten direkt auf den Professor zu und halten Bücher und Notizhefte hin. Auch die beiden Assistenten werden um Autogramme gebeten. Studentinnen versuchen derweil, etwas Ruhe und Ordnung in den Saal zu bringen.

Die Eltern müssen draussen bleiben – nicht nur wegen der Platzverhältnisse. Die Kinder sollen ihre ureigene Erfahrung machen – «ohne von den Eltern beaufsichtigt oder befragt zu werden», sagt Sibylle Leuthold von der Kinder-Universität Zürich. Damit nicht nur begabte Schülerinnen und Schüler oder solche aus einem akademischem Umfeld das Angebot nutzen, werden gezielt Klassen und Institutionen mit Kindern aus bildungsfernen Familien angeschrieben. Sie sollen sich ohne Leistungsdruck und unabhängig von ihrem schulischen Niveau für die Wissenschaft begeistern können und Uniluft schnuppern.

In der vierteiligen Vorlesungsreihe dieses Semesters haben sie unter anderem gelernt, wieso ein Gong so laut tönt, wieso Fliegen der Umwelt schadet, oder was passiert, wenn Gelenke schmerzen.

Brand in der Mikrowelle

Eine Viertelstunde vergeht, bis alle Kinder auf ihren Plätzen sitzen. Manche sind noch dabei, Notizheft, Stift und den Spick mit dem Periodensystem auszupacken, als sie mit einem Knall aufgeschreckt werden und die Ballone über dem Rednerpult zu Feuerbällen werden. «Wenn euch ein Experiment gefällt, müsst ihr poltern», erklärt Roger Alberto. «Wenn nicht, scharrt ihr mit den Füssen.» Während die Kinder wie wild zu trommeln beginnen, bereitet der Professor das nächste Experiment vor. Er zeigt, wie aus Natrium und Chlor Kochsalz wird (Gepolter), wie Helium die Stimme verändert (Gepolter) und wie man im Mikrowellenofen einen Kugelblitz erzeugt (Riesengepolter).

Einige Kinder machen sich Notizen, strecken auf und stellen Fragen über die Mikrofone, die ihnen die Studentinnen unter die Nase halten. Gegen Ende der Vorlesung wird es unruhiger. Die Aufpasserinnen müssen nun häufiger ein «Pschscht» ins Mikrofon hauchen.
Nach einem kurzen Film über die Entstehung der Elemente zündet der Professor in einer Röhre Schwefel an und schliesst die 45-minütige Vorlesung mit einem weiteren Knall ab. Ein letztes Gepolter und die Kinder drängen nach draussen. Ein paar haben ihren Wissensdurst noch nicht gestillt, lassen sich ein Autogramm geben und stellen Fragen. Ein Bub will wissen, wie er daheim das Experiment mit der Mikrowelle nachmachen kann. Roger Alberto grinst – und hat nun ein Problem.