Mit einer gross angelegten Online-Mitarbeiterbefragung hat die kantonalzürcher Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau ermittelt, in welchen Firmen die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben gut gelingt. Die von Angestellten bestbewerteten Firmen werden heute in Zürich mit dem Prix Balance ausgezeichnet.

Zu den Siegern in der Kategorie Grossunternehmen zählt die Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsfirma Deloitte. «Wenn man sich die Zukunft der Arbeit anschaut, wird es ohnehin mehr flexible Arbeitsmodelle geben», sagt Christina Landgraf von Deloitte. «Wir müssen uns in diese Richtung stets weiterbewegen, wenn wir die besten Talente für uns gewinnen möchten.» Deshalb stehe bei Deloitte nicht mehr die Präsenzzeit der Mitarbeitenden im Vordergrund, sondern deren Ergebnisse. Teilzeitarbeit und das Arbeiten ausserhalb des Büros gehören laut Landgraf ebenso zur Firmenkultur wie befristete Auszeiten (Sabbaticals).

Speziell thematisiert werde zudem die Arbeitssituation von Vätern und Müttern: «Wir haben die Zahlen angeschaut und festgestellt, dass wir oft Frauen auf Kader-Level verlieren. Wir wollen, dass Mütter nach dem Mutterschaftsurlaub zurückkommen und auch die Väter nicht vergessen werden.»

Daher achte Deloitte mit gezielten Massnahmen seit gut eineinhalb Jahren auf eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dazu gehört, dass Mütter sechs Monate bezahlten und zudem auf Wunsch sechs Monate unbezahlten Mutterschaftsurlaub erhalten. Väter haben bei der Geburt eines Kindes zehn Tage Urlaub zugute und können ebenfalls bis zu sechs Monate unbezahlten Vaterschaftsurlaub nehmen. Beides geht weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus.

Doch damit nicht genug: Sowohl für junge Mütter und Väter als auch für ihre Vorgesetzten sind verschiedene Coaching-Programme vorgesehen, um eine möglichst gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erreichen. Und: Bis zum fünften Altersjahr ihrer Kinder haben Väter und Mütter bei Deloitte das Recht, ihr Arbeitspensum auf 80 Prozent zu reduzieren. Zudem können sie eine zusätzliche unbezahlte Ferienwoche nehmen, um Schulferien besser abzudecken.

Gut ein Jahr nach Einführung dieser Massnahmen lassen sich laut Landgraf bereits Erfolge messen: Der Anteil der Mütter, die nach dem Mutterschaftsurlaub in den Job zurückkamen, stieg; zudem sank die Rate derer, die nach dem Mutterschaftsurlaub die Firma innert eines Jahres verliessen.

Zeit für Sport, Kultur und Politik

In der Kategorie mittelgrosse Firmen gehört das Ingenieur- und Planungsunternehmen EWP mit Hauptsitz in Effretikon zu den diesjährigen Prix-Balance-Siegern. «Vereinbarkeit wird in unserem Unternehmen umfassend betrachtet. Es ist uns wichtig, dass sich unsere Mitarbeitenden nicht nur für die Betreuung von Kindern, sondern beispielsweise auch für die Ausübung von Spitzensport, politische oder kulturelle Engagements genügend Zeit nehmen können», sagt Fiona Trachsel, die bei EWP für Unternehmenskommunikation zuständig ist. Ebenso werde Mitarbeitenden Zeit eingeräumt, sich um pflegebedürftige Eltern oder andere nahe Angehörige zu kümmern.

Die EWP-Mitarbeitenden können sich ihre Jahresarbeitszeit laut Trachsel frei einteilen: «Sie sagen, wann sie anwesend sind und tragen es für alle sichtbar in die Agenda ein.» Home Office und mobiles Arbeiten mit Tablets und Smartphones würden ebenso zur Unternehmenskultur gehören wie Teilzeitarbeit. Letztere werde über alle Hierarchiestufen ausgeübt. Und: «Spätabends sowie am Wochenende wird weder geschäftlich telefoniert noch gemailt – ausser in absoluten Notfällen», so Trachsel. Die Firmenleitung erwarte nicht, dass E-Mails ausserhalb der Arbeitszeit beantwortet würden – im Gegenteil. Zudem fänden Sitzungen nur bis spätestens 17 Uhr und wiederkehrende Teamsitzungen in der Wochenmitte statt. Letzteres soll dafür sorgen, dass auch Teilzeitarbeitende dabei sein können. Weitere Vorgaben, mit denen EWP den Prix Balance errang: Seit 2013 gibts in der Firma eine Woche bezahlten Vaterschaftsurlaub. Und: In den Mitarbeitergesprächen muss das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben thematisiert werden.

Die Stiftung Myclimate zählt zu den Prix-Balance-Siegern in der Kategorie öffentlich-rechtliche Arbeitgebende, NGOs und Stiftungen. Wenn immer möglich werden mit den Mitarbeitenden von Myclimate familienfreundliche Teilzeitpensen vereinbart, wie Maja Surbeck von Myclimate sagt. Auch in Führungspositionen werde mit 60 Prozent-Pensen gearbeitet, teils mittels Jobsharing. «Im Management-Team haben die meisten selbst Kinder und wissen, wie herausfordernd die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sein kann», so Surbeck. Und weiter: «Es ist dem Geschäftsleiter René Estermann ein Anliegen, gute Mitarbeitende zu halten und ihnen langfristig attraktive Arbeitsbedingungen zu bieten.»

«Das Interesse wächst»

Der Prix Balance wird dieses Jahr zum dritten Mal nach 2011 und 2014 verliehen. «Das Interesse daran wächst», sagt Helena Trachsel, Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann. Deshalb werde der Preis künftig nicht mehr nur alle drei Jahre, sondern jährlich vergeben. Nebst der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewinne aufgrund der steigenden Lebenserwartung das Thema Pflege von älteren Angehörigen an Bedeutung. Zu den diesjährigen Preisträgern zählen nebst Deloitte, EWP und Myclimate: Infras, Liip AG, Sonova, Street Church, Pflegezentrum Käferberg, Pool Architekten, Hilti AG und das Stadtzürcher Amt für Hochbauten.