Zürich
So geht öV-Planung seit 1. Juli – ein Überblick

Die Wirtschaftlichkeit wird zum massgeblichen Kriterium für die Erschliessung von Gebieten.

Matthias Scharrer
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Künftig bedeutet Feinerschliessung im öffentlichen Verkehr im Kanton Zürich: Die nächste Bushaltestelle darf 750 Meter entfernt sein statt wie bisher 400 Meter. (Symbolbild)

Künftig bedeutet Feinerschliessung im öffentlichen Verkehr im Kanton Zürich: Die nächste Bushaltestelle darf 750 Meter entfernt sein statt wie bisher 400 Meter. (Symbolbild)

ALESSANDRO DELLA VALLE

Seit 1. Juli gelten neue Regeln für die Erschliessung des Kantons Zürich mit öffentlichen Verkehrsmitteln (öV). Dadurch haben Kantons- und Regierungsrat den Anspruch der Gemeinden auf eine Erschliessung von Siedlungsgebieten mit mindestens 300 Wohn- oder Arbeitsplätzen abgeschwächt. Ob der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) eine neue Bushaltestelle oder Buslinie plant, hängt neu nämlich auch bei der Grundversorgung davon ab, ob sie sich aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nach Einschätzung des ZVV wirtschaftlich betreiben lässt.

Galt bisher die Regel, dass die nächste Bushaltestelle von so einem Siedlungsgebiet höchstens 400 Meter entfernt sein darf, dürfen es jetzt in Ausnahmefällen auch 750 Meter Abstand sein. Zusätzlich gilt auch der Vorbehalt der Wirtschaftlichkeit: «Neuerschliessungen können in allen Angebotsbereichen von wirtschaftlichen Kriterien abhängig gemacht werden», heisst es nämlich in der kürzlich vom Kantonsrat beschlossenen revidierten Angebotsverordnung, die seit 1. Juli in Kraft ist. Und: Wenn ein Arbeitsplatzgebiet sich am Wochenende leert, darf auch der dortige Wochenendfahrplan bis auf null ausgedünnt werden. Wie gehen die ZVV-Planerinnen und Planer mit den Neuerungen um? Und wie läuft die öV-Planung beim ZVV überhaupt?

Lücken in der öV-Erschliessung bei 41 Gemeinden

Mit der neuen ZVV-Angebotsverordnung wird faktisch niemandem ein öV-Angebot weggenommen – sehr wohl aber die Möglichkeit, eine öV-Erschliessung einzuklagen.
Gemäss den neuen ZVV-Kriterien haben folgende 41 Städte und Gemeinden seit 1. Juli weniger sogenannte Erschliessungslücken als mit der vorher geltenden Verordnung: Bachenbülach, Bassersdorf, Birmensdorf, Dällikon, Dietikon, Dietlikon, Dübendorf, Effretikon, Embrach, Fehraltorf, Freienstein, Geroldswil, Gossau, Hinwil, Hochfelden, Kloten, Küsnacht, Lufingen, Maur, Mettmenstetten, Neftenbach, Niederglatt, Nürensdorf, Oetwil am See, Pfäffikon, Rafz, Regensdorf, Richterswil, Rorbas, Rümlang, Schlieren, Seuzach, Turbenthal, Uetikon, Unterengstringen, Uster, Volketswil, Wettswil, Wetzikon, Winterthur, Zürich. Dies geht aus einer Auflistung des ZVV hervor.

Vor dem 1. Juli konnten theoretisch 60 Gemeinden insgesamt 88 Erschliessungslücken einklagen, was allerdings kaum vorkam. Gemäss den neuen ZVV-Kriterien haben noch 28 Gemeinden insgesamt 34 Erschliessungslücken, jedoch nur, wenn man das ebenfalls neu geltende Kriterium der Wirtschaftlichkeit ausser Acht lässt. In manchen Gemeinden wurden mit der neuen Verordnung gleich mehrere Erschliessungslücken gestrichen. Es sind dies: Bassersdorf, Birmensdorf, Effretikon, Kloten, Küsnacht, Maur, Regensdorf, Wetzikon und Zürich. (mts)

«In der Vergangenheit baute der ZVV sein Angebot im Zweijahrestakt jeweils für zusätzliche rund 10 bis 20 Millionen Franken aus, wobei die Wünsche der Gemeinden und ihrer Bevölkerung sich jeweils auf ein Vielfaches der verfügbaren Mittel belaufen», sagt Kerstin Kantke Leuppi, Verkehrsplanerin beim ZVV. Bei den Ausbau-Kosten handle es sich um jährlich wiederkehrende Kosten. Rund ein Drittel davon werde für «notwendige Massnahmen» verwendet – etwa, wenn Busse chronisch überquellen. Auch für die nächsten zwei Jahre plant der ZVV im Bereich Feinverteilung Ausbauten, wobei das Geld vom Verkehrsrat noch nicht freigegeben ist.

30 Prozent Kostendeckung nötig

Gemäss ZVV-Strategie, die der Kantonsrat abgesegnet hat, ist die Schliessung von Angebotslücken in der öV-Grundversorgung nicht vordringlich. Wichtiger sei die Verdichtung des Angebots dort, wo bereits grosse Nachfrage herrsche. «Eine neue Buslinie kostet schnell einmal 500 000 Franken pro Jahr», sagt Kantke Leuppi. Viele Ortsbusse weisen einen Kostendeckungsgrad von 30 bis 40 Prozent auf. «30 Prozent sollten mindestens erreicht werden.» Da gelte es abzuwägen, ob sich eine Neuerschliessung für eine Siedlung mit 300 Leuten lohne.

Ihr Arbeitskollege Philip Dijkstra erläutert dies am Beispiel Niederhasli: Die Gemeinde erwirkte – noch aufgrund der alten Angebotsverordnung – mittels Rekurs beim Regierungsrat, dass der gut 300 Einwohner zählende Ortsteil Nassenwil neu per öV erschlossen ist. Der ZVV setzt bei der Umsetzung auf die kostengünstigste Lösung: das Ruftaxi. Der Verkehrsverbund muss nur dann dafür bezahlen, wenn es gerufen wird. Die Nachfrage hält sich in Grenzen: «Nur 10 bis 20 Fahrgäste nutzen täglich das Ruftaxi», sagt Dijkstra. Es erreiche damit einen Kostendeckungsgrad von rund zehn Prozent. Ein regelmässig
verkehrender Bus käme nach Dijkstras Einschätzung auf dieser Strecke noch
auf einen deutlich tieferen Kostendeckungsgrad.

Insgesamt weist der ZVV bei einem Jahresbudget von knapp einer Milliarde Franken einen Kostendeckungsgrad von 65 Prozent auf. Der Kanton Zürich und seine Gemeinden übernehmen zusammen die Unterdeckung in Höhe von aktuell 341 Millionen Franken.

Weniger Lücken im Limmattal

Mit der neuen Angebotsverordnung sollen unwirtschaftliche Neuerschliessungen verhindert werden. Nach der alten Verordnung mit den Einzugsgebiets-Kriterien von 300 Personen und höchstens 400 Meter Abstand zur nächsten Haltestelle gab es unmittelbar vor Inkrafttreten der neuen Regeln noch 88 einklagbare Erschliessungslücken in 60 Zürcher Gemeinden. Gemäss den neu eingeführten 750-Meter- und Wochenendregeln sind es noch 34 Lücken in 28 Gemeinden – ohne Berücksichtigung des Wirtschaftlichkeits-Kriteriums.

So fallen im Limmattal beispielsweise Erschliessungslücken an den Ortsrändern von Geroldswil, Oberengstringen, Schlieren und Dietikon weg. Auch besteht für das Urdorfer Industriegebiet Bergermoos, das nur 30 Einwohner, aber 1500 Arbeitsplätze zählt, neu kein Anspruch mehr auf eine Erschliessung am Wochenende.
Ebenso hat die Gemeinde Lufingen an der stark frequentierten Buslinie Embrach–Kloten nun nicht mehr Anspruch auf eine zusätzliche Haltestelle im Ortsteil Augwil.

Sparen bei Neubauquartieren

Die ZVV-Verkehrsplaner betonen, es sei aufgrund der Neuerungen kein Abbau am bisherigen öV-Angebot zu erwarten; bestehende Linien seien nicht tangiert.

Allerdings würden Buslinien unabhängig von der revidierten Angebotsverordnung stets auf ihre Wirtschaftlichkeit überprüft. Dies gelte beispielsweise auch für Quartierbusse in städtischen Gebieten. Kostendämmend könnte sich die neue Verordnung bei der Erschliessung von Neubauquartieren auswirken, wie sie derzeit an den Rändern vieler Zürcher Gemeinden entstehen.