Zürich
So funktioniert Detektivarbeit im Labor der Kantonschemiker

Manchmal hat die Arbeit eines Kantonschemikers eine detektivische Note. Wie bei dem Fall, der im Jahresbericht des kantonalen Labors erzählt ist und den man beispielsweise «Die eingebürgerten Kirschen» nennen könnte.

Daniel Stehula
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Warum sind diese Cherrytomaten so rot? Dank der Sonne oder eher dank eines Reifebeschleunigers?

Warum sind diese Cherrytomaten so rot? Dank der Sonne oder eher dank eines Reifebeschleunigers?

Kantonschemiker Rolf Etter und sein Team prüfen Lebensmittel, Wasser und Gebrauchsgegenstände auf ihre chemische und mikrobiologische Unbedenklichkeit. Auf ihren Tischen landet vieles, von der Flugmango bis zur Zahnpasta. Oder auch Schweizer Kirschen. Bei drei Proben dieser «Suisse Garantie»-Kirschen registrierten die Chemiker geringe Mengen eines Fungizids, das in der Schweiz nicht für Kirschen zugelassen ist.

«Man behandelt damit auch Trauben oder Raps», erklärt Etter. Aber die Kirschen stehen nicht im Rebberg und der Raps ist geerntet, wenn die Kirschen reif werden. Als man schliesslich bei drei Proben dieses Fungizid gefunden hatte, sagte er zu seinem Team: «Irgendetwas ist hier faul. Schaut mal, was da los ist.» Die Rückstände des Spritzmittels waren laut Kantonschemiker Etter völlig unbedenklich. In der EU dürfen Landwirte Kirschen mit diesem Fungizid behandeln. Die Chemiker konfrontierten die Produzenten mit den Testergebnissen und nach einiger Nachforschung ergab sich, dass in zwei der drei Fälle Kirschen aus Deutschland eingekauft und entweder ohne Herkunftsangabe oder als Schweizer Kirschen weiterverkauft worden waren. Bei einem dieser Fälle handelte es sich um eine Menge von vier Tonnen Kirschen.

Das Kantonslabor hat den Schwindel aufgedeckt und Etter sagt: «Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.» Im vergangenen Jahr hat das Kantonale Labor rund 19 000 Proben untersucht. 13 400 davon sind Lebensmittelproben. 1300 von ihnen (12 Prozent) genügten den gesetzlichen Vorschriften nicht – sie wiesen eine zu hohe Keimbelastung auf. Von diesen 12 Prozent entfallen über die Hälfte auf leicht verderbliche Lebensmittel aus dem Gastgewerbe. Es bestehe zwar kein Gesundheitsrisiko, teilt das Labor mit, aber es zeuge von einem unachtsamen Umgang in der Küche.

Dank eines Hinweises aus dem Handel und mithilfe eines neuen Messverfahrens stellte das Labor fest, dass Schweizer Tomaten einen zu hohen Wert eines Reifebeschleunigers aufwiesen. Das Reifehormon Ethephon ist ein zugelassener Stoff, der vor allem im Herbst eingesetzt wird, damit die Tomaten trotz abnehmender Sonneneinstrahlung und sinkender Temperaturen eine tiefrote Farbe erhalten. Etter sagt, die gemessene Menge Ethephon sei unbedenklich. Trotzdem wurden die restlichen Tomaten aus den beanstandeten Posten aus dem Verkauf gezogen. In diesem Jahr sollen die Produzenten anstelle von Ethephon das Reifegas Ethylen einsetzen – dieses ist seit Jahren erprobt in der Reifung von Bananen.

Ausrufezeichen für Asien-Importe

Mit einem Ausrufezeichen versehen wurden die Untersuchungsergebnisse von importierten Lebensmitteln aus Asien. Diese sind zu stark mit Pestiziden belastet. Etter sagt, es handle sich bei den beanstandeten Produkten in erster Linie um Gemüse aus Asien. Der Grund dafür sind laut Kantonschemiker die weniger strengen Vorschriften in Ostasien, was den Pestizideinsatz im Gemüseanbau angeht. «Die Rückstände lagen teilweise über den Grenzwerten», sagt er, «das ist toxikologisch nicht mehr unbedenklich.» Die Importeure haben nun die Aufgabe, die Ware zu prüfen, bevor sie in die Schweiz kommt. Ein Viertel der Proben hat das Labor 2013 beanstandet: «Davon habe ich jetzt genug», sagt Etter. Der Kantonschemiker empfiehlt, auf Lebensmittel aus solch einem Import zu verzichten, wenn

Kantonslabor: «Abgelaufen» heisst nicht «verdorben»

Das Kantonslabor äussert sich in seinem Jahresbericht 2013 unter anderem zum Thema «Food Waste». Im vergangenen Jahr war viel diskutiert worden, welche Mengen an Nahrungsmitteln in der Schweiz im Abfall landen.

Aus Sicht des Kantonslabors liesse sich die Menge deutlich reduzieren. Denn nur ein Teil der Lebensmittel sind verdorben. Ein Anteil Nahrungsmittel gelangen jedoch in einwandfreiem Zustand auf den Müll, weil sie die Konsumenten aus Unkenntnis zu früh wegschmeissen.
Laut den Chemikern liegt das Problem bei der Datierung der Lebensmittel.
Die verderblichen Produkte sind entweder mit «zu verbrauchen bis» angeschrieben oder mit «mindestens haltbar bis». Diese beiden Bezeichnungen müsse man konsequent unterscheiden.
• «Mindestens haltbar bis»: Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt an, bis zu welchem Tag ein Lebensmittel seine spezifischen Eigenschaften behält. Ist dieser Zeitraum überschritten, ist das Lebensmittel in der Regel nicht verdorben - sofern es richtig aufbewahrt wurde. Allerdings müssen die Konsumenten Abstriche in folgenden Bereichen in Kauf nehmen: Geruch, Geschmack, Aussehen oder Inhaltsstoffe. Das Kantonslabor meint: «Wem ein Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum noch schmeckt, der kann es geniessen, sofern es nicht offensichtlich verdorben ist.
• «Verbrauchen bis»: Das Verbrauchsdatum markiert, bis wann ein Lebensmittel verzehrt werden soll. Danach soll das Lebensmittel nicht mehr konsumiert werden. Dabei ist es egal, ob der Zustand von aussen noch einwandfrei erscheint. Diese Angabe ist vorgeschrieben für leicht verderbliche Lebensmittel, die zwingend gekühlt werden müssen. (DST)