Asyl
So entsteht das Flüchtlingsdorf in Winterthur

Wie eine reformierte Kirche in Winterthur einfach, zweckmässig und günstig umgenutzt wird.

Martin Gmür (text)und Marc Dahinden (Fotos)
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Über die Weihnachtstage entwickelt: Die Konstruktionsbalken liegen aussen, damit im Innern die Wände der Wohnlichkeit halber weiss gestrichen werden können.

Über die Weihnachtstage entwickelt: Die Konstruktionsbalken liegen aussen, damit im Innern die Wände der Wohnlichkeit halber weiss gestrichen werden können.

LANDBOTE

Die Akkuschrauber surren ein Konzert, der Duft von Holz und frischer Farbe erfüllt den hohen Raum, Männer in Zivilschutzkluft und solche mit Farbklecksen auf der Kleidung machen aus der reformierten Kirche Rosenberg ein Flüchtlingsasyl.

Zehn Holzhäuschen mit je 17 Quadratmeter Fläche werden am Samstag im Gotteshaus stehen. In jedem fünf Betten (Kajüten aus Zivilschutzbeständen), ein Tisch samt Stühlen, fünf abschliessbare Schränke und ein kleiner Kühlschrank. Mitte Monat muss alles bereit sein, dann erwartet man die ersten Flüchtlinge, wahrscheinlich kommen sie aus Syrien, Eritrea, Afghanistan.

Eigentlich hätte der zu gross gewordene Kirchenbau, welchen die reformierte Kirchgemeinde nicht mehr für Gottesdienste benötigt, in eine «Kulturkirche» umgenutzt werden sollen. Doch die Winterthurer Stimmberechtigten hatten das Projekt im vergangenen November abgelehnt.

Nur wenige Tage nach diesem Nein entschied sich die Kirchenpflege, das Gotteshaus der Stadt Winterthur vorübergehend als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung zu stellen.

Jetzt sind Stadt und Kirchenpflege gemeinsam daran, alles Nötige zu veranlassen. Zwei Dutzend Zivilschutzangehörige machten sich kurzfristig frei von beruflichen Verpflichtungen und bauen die Holzhäuschen auf. Die sind als Bausatz konzipiert, denn die schmale Kirchentür hätte eine Vormontage nicht zugelassen.

Ein Vater-Sohn-Projekt

Die Häuschen sind die Winterthurer Antwort auf die Brandgefährlichkeit der Ikea-Flüchtlingszelte, die eigentlich vorgesehen waren. Markus und Hannes Jedele haben sie konzipiert, Vater und Sohn, Architekt und Zimmermann. Vater Jedele ist zudem als Kirchenpfleger eng mit dem Kirchenbau verbunden, er kennt dort jede Ecke.

Über die Weihnachtstage hatten die beiden geplant und dann bei einem regionalen Holzhändler bestellt. «Ganz nah an den Standardmassen der Pressspanbretter», sagt der Sohn. Die Konstruktionsbalken sind aussen, damit innen die flachen Wände weiss gestrichen werden können.

Das führen fünf Personen der Arbeitsintegration aus. Die Häuschen haben zwei Oberlichter, ein Fenster und eine Tür. Sie sollen ein bisschen wohnlicher sein als das Zürcher Modell, das in einer Oerliker Messehalle steht, und kosten pro Stück gleichwohl nur 2000 Franken.

Die Jedeles haben ihre sonstigen Arbeiten unterbrochen und wurden für diesen Dorfbau von der Stadt beauftragt. Während der Vater drinnen zum Rechten schaut, ist der Sohn draussen beschäftigt. Dort entsteht quasi der Koch- und Waschbereich der temporären Flüchtlingssiedlung, die auf zwei Jahre angelegt ist.

Auf dem Kirchenvorplatz stehen fünf Container, verbunden mit einer Holzkonstruktion, die sowohl vor Niederschlag als auch vor Blicken schützt. In einem stehen vier Kochherde, in einem zwei Waschmaschinen, in dreien sind Duschen und WCs, getrennt nach Geschlechtern, ein Sanitärcontainer ist für Familien reserviert.

Man erwarte, dass sowohl Familien als auch Einzelpersonen nach Winterthur zugeteilt würden, heisst es beim städtischen Sozialdepartement. Sind die 50 Plätze im Kirchenraum voll, wird man vier weitere Häuschen für weitere 20 Personen in einem Saal aufstellen und entsprechende Container draussen.

Eine befristete Lösung

Diese Unterkunft ist als Überbrückung gedacht, längerfristig sucht man bessere Wohnverhältnisse, wodurch in der Kirche wieder Raum für neue Flüchtlinge frei wird.

Betreut werden die Ankommenden von Mitarbeitenden der Abteilung Asyl. Schulpflichtige Kinder gehen zur Schule, Erwachsene sorgen sich um den Haushalt und lernen Deutsch, heisst es in einem Papier des Sozialdepartements.

Wenn klar ist, dass die Flüchtlinge bleiben dürfen, sollen auch sie an Bildungs- und Arbeitsintegrationsprogrammen teilnehmen. Sehr willkommen wäre es, wenn sich die Flüchtlinge an sportlichen und anderen Quartieranlässen beteiligen könnten.