Luftige Höhen
Slackliner Samuel Volery: «Auch ich habe ein Quäntchen Höhenangst»

Slackline nennt sich eine neue Trendsportart. Samuel Volery jagt als «Slackliner» einen Rekord nach dem anderen. Der 30-Jährige balancierte zuletzt 60 Meter über dem Boden über ein 101 Meter langes, schlaffes Band.

Senada Haralcic
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Für viele Menschen ein Ding der Unmöglichkeit, für Samuel Volery hingegen fast ein Spaziergang durch die Luft – hier auf dem Moléson in Freiburg mit einer 90-Meter-Highline.

Für viele Menschen ein Ding der Unmöglichkeit, für Samuel Volery hingegen fast ein Spaziergang durch die Luft – hier auf dem Moléson in Freiburg mit einer 90-Meter-Highline.

Martin Knobel

Ein Blick auf die Bilder von Samuel Volerys Balanceakt versetzt in Staunen: Der 30-Jährige ist Slackliner — eine junge Trendsportart, bei der ein Kunstfaser-Band zwischen zwei Befestigungspunkten gespannt wird. Dabei kann die Distanz zum Boden 30 Zentimeter betragen— oder aber mehrere hundert Meter: «Letzteres nennt sich dann Highlinen», so der Ustermer, der in den letzten Wochen gleich mehrere Schweizer Rekorde in dieser Disziplin aufgestellt hat.

Seine Aktionen erinnern an die des berühmten Schweizer Seiltänzers Freddy Nock — aber anders als beim Seiltanzen, ist beim Slacklinen eine völlig andere Art von Gleichgewicht gefragt, weil die Spannung im Seil immer variiert. Es sei immer mit Überraschungen während der Überquerung zu rechnen: «Wenn ich auf dem Band stehe, bin ich hoch konzentriert und jeder Muskel meines Körpers ist angespannt. Trotzdem muss ich mit der Herausforderung umgehen, dass sich das Band bewegt, weil es durch seine Elastizität sehr dynamisch ist», sagt Volery und erwähnt noch nebenbei: «Freddy Nock war auch mal auf einer Tour dabei, und er hat es nicht geschafft, über die Highline zu balancieren.»

Volery betont jedoch, dass dies andersrum auch nicht möglich wäre und er als Seiltänzer Mühe hätte: «Seiltanzen und Slacklinen sind entgegen den Erwartungen einfach sehr unterschiedlich.»

Bedenken, dass die neue Trendsportart viel zu gefährlich ist, räumt der Ustermer gleich aus dem Weg: «Jeder, der gehen kann, ist dafür geeignet.» Der 30-Jährige erzählt, dass er schon 70-Jährigen zeigte, wie man über das dynamische Band balanciert. «Es braucht halt einfach Geduld, aber wenn man es dann im Griff hat, macht Slacklinen süchtig», verspricht Volery, der vor acht Jahren zum ersten Mal in der Kletterhalle das Slacklinen entdeckte. Er gibt zu, dass er sich bei seinem ersten Versuch ungeschickt anstellte: «Um drei Meter zu schaffen, musste ich eine Stunde üben».

Aber trotz aller Argumente gebe es immer Kritiker, die skeptisch bleiben: «Natürlich gibt es Leute, die uns Slackliner als Spinner bezeichnen, aber das ist mir egal», sagt Samuel Volery und lacht. Der 30-Jährige liebt, was er tut, nie würde er als Normalo durchgehen wollen: «Viele sind auch beeindruckt von dieser neuen Trendsportart und interessieren sich dafür, denn es macht fit und ist gut für die Gelenke.» Diese Begeisterung hat er sich zusammen mit einem Kollegen zunutze gemacht, und aus einem anfänglichen Hobby ist ein Business entstanden: «Wir entwickeln und verkaufen das Equipment für das Slacklinen, bieten Kurse für Anfänger an oder treten beispielsweise an Firmenanlässen mit spektakulären Shows auf.»

Mittlerweile drehe sich sein Leben schon sehr stark um das Slacklinen, langweilig werde es ihm dabei aber nie: «Slacklinen ist sehr abwechslungsreich. Nebst dem Highlinen — in schwindelnder Höhe — kann man auch Jumplinen mit Saltos, Waterlinen über Flüsse und Seen oder mit verbundenen Augen über das dynamische Band balancieren.» Letzteres sei natürlich eine besondere Herausforderung: «Ich stürze oft — das gehört dazu. Nur so kann ich mich verbessern.» Dabei habe sich der 30-Jährige noch nie ernsthafte Verletzungen zugezogen: «Obwohl wir anfangs waghalsige Aktionen durchgeführt haben, da wir wenig über die Sicherheitsregeln des Slacklinen wussten.»

Heute gehe Volery bewusster und stets vorsichtig mit seiner Passion um: «Auch wenn es vielleicht nicht so wirken mag, so habe ich grossen Respekt vor den Gefahren und ein Quäntchen Höhenangst. Wenn ich in atemberaubender Höhe kurz vor der Betretung der Slackline stehe, wird es auch mir ein bisschen mulmig.» Das Gefühl nach der Überwindung sei jedoch jede Anstrengung wert: «Es ist unbeschreiblich. Man ist sehr fokussiert und deswegen hat es für mich auch etwas Meditatives.»

Am 1. August stellte Volery einen Schweizer Highline-Rekord im Sandstein-Klettergebiet Ostrov in Tschechien auf. Dort bezwang er als erster Schweizer die 96 Meter lange zwischen zwei Sandstein-Türmen gespannte Highline mit dem Namen «Masters of the Universe». Gleich zwei Tage später folgte der nächste und aktuellste Rekord bei der Teufelsbrücke in Andermatt — dort überquerte der Ustermer 101 Meter in 60 Meter Höhe: «Endlich habe ich die 100-Meter-Marke geknackt», freut sich der 30-Jährige.

Familie und Freunde hätten kein Problem mit der Extremsportart: «Im Gegenteil – alle unterstützen mich und stehen voll und ganz hinter mir und meiner Leidenschaft.»