Kaum eingeführt, könnte der Lehrplan 21 schon wieder umgekrempelt werden. Dann nämlich, wenn am 4. März die Initiative «Lehrplan vors Volk» angenommen wird. Kommt der rechtsbürgerliche Vorstoss durch, hätte der Zürcher Kantonsrat noch einmal über die Schulreform zu befinden. Lehnt er – oder nach einem Referendum das Volk – den Lehrplan ab, müsste ein neuer erarbeitet werden.

«Das hiesse zurück auf Feld 1», warnte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) am Dienstag vor den Medien. Bildungsrat Martin Lampert doppelte nach: «Für die Schulen gibt es nichts Schlimmeres, als wenn man alles dauernd umkrempeln muss und nicht weiss, was als Nächstes kommt.»

Bankerin und Bäckermeister

Der Wädenswiler Seklehrer Martin Lampert ist einer von neun Bildungsräten, die den neuen Lehrplan erarbeitet und im vergangenen März erlassen haben. Im Auftrag der Bildungsdirektion beschäftigt sich diese beratende Kommission auch mit Lektionentafeln, Zeugnissen und Beurteilungen. Dies nicht nur auf Ebene der Volksschule, sondern auch für die Mittel- und Berufsfachschulen.

Im Gremium sitzen Vertreter aus dem Bildungswesen, der Wirtschaft, der Kultur und aus den Sozialwissenschaften. Sie werden vom Kantonsrat für jeweils vier Jahre gewählt. Zum Beispiel Sabine Balmer, Ausbildungsleiterin bei der Credit Suisse. Im Bildungsrat setzt sie sich etwa dafür ein, dass in den Schulen breit über Laufbahnmöglichkeiten informiert wird und Bildungsstandards vereinheitlicht werden.

Oder Theo Meier, Bäckermeister aus Bäretswil und seit 1994 Präsident seiner Schulgemeinde. Als Vizepräsident des Verbandes Zürcher Schulpräsidien hat er die Spezialkommission zur Einführung des neuen Fachs Medien und Informatik geleitet.

«Schule verliert an Rückhalt»

Im Bildungsrat sässen weit vom Schulalltag entfernte Theoretiker, kritisiert das Initiativkomitee, das sich aus Vertretern der SVP, der Jungen SVP, der EDU und den Jungfreisinnigen zusammensetzt. Sie fordern, dass das Volk auch über die Inhalte des Lehrplans mitbestimmen darf. Schliesslich bezahle es die Reform. Régis Ecklin, SVPler und Lehrer aus Zollikon: «Es ist demokratiepolitisch bedenklich, dass die Leitplanken für unsere Bildung von einer kleinen Gruppe ausgebrütet und am Volk vorbei implementiert wird.»

Die Schule verliere seit Jahren an Rückhalt in der Bevölkerung. Das erkenne man daran, dass Privatschulen wie Pilze aus dem Boden schiessen würden, dass sich Lehrmeister nicht mehr auf Schulnoten stützten und Berufsschullehrer darüber klagten, wie sehr es Schulabgängern an Grundlagen mangle. Geht es nach den Initianten, würde der Bildungsrat zwar weiterhin den Lehrplan ausarbeiten. Genehmigen soll ihn aber der Kantonsrat – oder im Falle eines Referendums das Zürcher Stimmvolk.

«Zum Spielball der Politik»

Regierungsrat und Kantonsrat lehnen diesen Systemwechsel ab. Silvia Steiner befürchtet, dass der Lehrplan andernfalls zum Spielball politischer Interessen werden könnte. «Je nach politischer Grosswetterlage würden plötzlich andere Themenschwerpunkte gesetzt, neue Fächer verlangt oder andere als unwichtig erklärt.» Ein solches «Hüst und Hott sorgt für Unsicherheit, ist teuer und kostet Nerven», sagte Steiner. Komme hinzu, dass Volk und Interessengruppen schon heute am Lehrplan mitwirken können, im Rahmen der Vernehmlassung .

Als Beispiel nannte Volksschulamt-Chefin Marion Völger das Modul Berufliche Orientierung (BO). Nach Einwänden aus Politik- und Gewerbekreisen sei die Zahl der BO-Lektionen stärker gewichtet worden. In der zweiten Sek ist das Fach Pflicht, in der dritten kann es – vor allem von Schülerinnen und Schüler ohne Anschlusslösung – als Wahlfach belegt werden.
Nach anfänglichen Bedenken stehen mittlerweile auch alle Zürcher Schul- und Lehrerverbände hinter dem neuen Lehrplan.

Initiative hat schweren Stand

2006 hat sich eine grosse Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigen für eine Harmonisierung der Bildungsziele ausgesprochen. Der Lehrplan 21 ist eine Folge davon. Volksinitiativen gegen die Schulreform hatten es bisher schwer. In sämtlichen Kantonen, in denen sich Widerstand gegen den Lehrplan 21 formierte, wurden die jeweiligen Vorstösse abgelehnt.