Interview
Silvia Steiner erklärt, wann Schulen schliessen müssen und wieso Fernunterricht für sie eine Ultima Ratio ist

Fernunterricht ist für die Zürcher Bildungsdirektorin und EDK-Präsidentin Silvia Steiner nur als Ultima Ratio denkbar und müsste vom Bund angeordnet werden. Corona-Schutzmassnahmen wie eine Erweiterung der Maskenpflicht kommen für die CVP-Regierungsrätin eher infrage.

Matthias Scharrer
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«Wenn wir das Recht auf Bildung einschränken, müssen wir uns sehr genau fragen, ob der epidemiologische Nutzen überwiegt», so Bildungsdirektorin Silvia Steiner.

«Wenn wir das Recht auf Bildung einschränken, müssen wir uns sehr genau fragen, ob der epidemiologische Nutzen überwiegt», so Bildungsdirektorin Silvia Steiner.

CH Media

Wegen der mutierten Coronaviren müssen derzeit immer mehr Schulklassen in Quarantäne. Wann ist für Sie der Punkt erreicht, an dem die Schulen generell schliessen und auf Fernunterricht umstellen müssen?

Silvia Steiner: Für mich ist der Zeitpunkt für eine Verschärfung der Schutzmassnahmen dann gekommen, wenn man mit den bisherigen Massnahmen nicht mehr die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrpersonen gewährleisten kann. Wenn wir Massnahmen treffen, dann mit dem Ziel, möglichst viele Quarantänefälle und Virus-Übertragungen zu verhindern. Das haben wir gemacht, indem wir beispielsweise auf der Sekundarstufe die Maskenpflicht eingeführt haben. Wenn der Bund sagt, das mutierte Virus ist so gefährlich, dass man sogar die indirekten Kontakte, die jemand zu einer infizierten Person hatte, in Quarantäne setzen muss – dann müssen wir schauen, ob es Massnahmen gibt, um das Schutzkonzept noch zu optimieren.

Was können das für Massnahmen sein?

Die Schutzkonzepte der Schulen sind in der Vergangenheit stetig weiterentwickelt worden und sind heute auf einem hohen Stand. Eine zusätzliche Massnahme könnte beispielsweise eine Erweiterung der Maskenpflicht sein oder eine stärkere Lenkung oder Ausdünnung der Schülerströme.

Baselland hat die Maskenpflicht bereits auf Primarschulebene in der 5. und 6. Klasse eingeführt. Haben Sie das auch vor?

Die weiteren Massnahmen für die Zürcher Schulen geben wir am Donnerstag bekannt.

In ihrem gestern veröffentlichten Schreiben an den Bundesrat lehnt die von Ihnen präsidierte Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) eine Umstellung auf Fernunterricht ab. Bei Jugendlichen ab 12 Jahren sind die Infektionszahlen im Kanton Zürich höher als bei Primarschulkindern. Wäre nicht zumindest auf Sekundarstufe eine Reduktion des Präsenzunterrichts sinnvoll?

Die Umstellung auf Fernunterricht muss als Ultima Ratio angesehen werden. Das müsste der Bundesrat im Rahmen eines weitergehenden Lockdowns kantonsübergreifend anordnen. Diese Gespräche werden jetzt aufgenommen, wie der Bundesrat mitgeteilt hat.

Wie weit sind wir von dieser äussersten Massnahme entfernt?

Wenn man die aktuellen Zahlen anschaut, sind wir eigentlich in einer recht guten Situation. Die Infektionszahlen sinken, der Reproduktionswert liegt im Kanton Zürich bei rund 0,7. Jetzt sind wir in einer präventiven Situation, weil wir nicht wissen, wie sich das mutierte Virus entwickeln wird. Ob wir in den Schulen präventiv weitergehende Massnahmen ergreifen, ist eine Güterabwägung zwischen dem möglichen Nutzen und Schaden der Massnahmen.

Und Sie sagen: Der Fernunterricht schadet mehr als er nützt?

Auf jeden Fall müssen zunächst alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Fernunterricht muss stets die letzte aller Optionen sein.

Was ist der Hauptschaden?

Wir haben eine Zunahme von 40 Prozent bei den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten und von 10 Prozent bei der häuslichen Gewalt. Und Untersuchungen aus dem Lockdown im Frühling zeigen, dass der Lernerfolg gerade bei sozial Schwächeren sehr klein war. Wenn wir das Recht auf Bildung einschränken, müssen wir uns sehr genau fragen, ob der epidemiologische Nutzen überwiegt.

Gäbe es diesen Nutzen?

Die Experten der Taskforce des Bundes sagen, in der gefährlichsten Situation schon. Das könnte der Fall sein, wenn das mutierte Virus sich so verhält wie in Grossbritannien und Irland.

Also stehen wir am Scheideweg zwischen einer rasanten Ausbreitung des Virus und einem möglichen Rückgang der Pandemie?

Das weiss ich nicht, das ist sehr schwierig einzuschätzen, auch für die Fachexperten. Wenn wir das wüssten, wäre einiges einfacher. Auch die Prognosen der Epidemiologen sind nicht immer eingetroffen. Man erwartete für die Zeit nach Weihnachten einen erheblichen Anstieg. Und jetzt sinken die Infektionszahlen.

Silvia Steiner (CVP) ist Bildungsdirektorin des Kantons Zürich und Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK).