Zürich

Sie wollte ihren Vater töten, weil er an Demenz leidet

144 000 Menschen in der Schweiz sind aktuell an Demenz erkrankt. Ob und wie Alzheimer aufgehalten werden kann, ist nach wie vor unklar.

144 000 Menschen in der Schweiz sind aktuell an Demenz erkrankt. Ob und wie Alzheimer aufgehalten werden kann, ist nach wie vor unklar.

Eine 59-Jährige steht vor Gericht, weil sie ihren dementen Vater umbringen wollte. Zürichs Alt Stadtarzt sagt, was Angehörige durchmachen – und was er sich selber im Falle einer schweren Demenz wünscht.

Als Bea D.* ihren Vater im Spital besucht, ist er in einem sehr schlechten Zustand. Er hatte einen Schlaganfall, leidet an Demenz und kann kaum noch essen und trinken, ohne sich zu verschlucken. Für die Tochter muss der Anblick unerträglich gewesen sein. Seine letzten Freuden – das Essen und Trinken – seien ihm genommen worden, wird Bea D. in der Anklageschrift zitiert. Er habe nur noch gelitten, deshalb habe sie ihn erlösen wollen.

Als der 86-Jährige schläft, nimmt Bea D. eine Kunststoffspritze aus der Tasche. Sie entfernt den Verschlussdeckel des Venenkatheters, setzt die Spritze an und stösst Luft in die Vene. Sie nimmt an, dass bereits wenig Luft eine Embolie verursacht und zum Tod ihres Vaters führt.

Eine Mitarbeiterin des Spitals bekommt das Geschehen dank Videoüberwachung mit und alarmiert eine Assistenzärztin. Als diese das Zimmer betritt, steckt Bea D. die Spritze weg, gibt aber gleich zu, dass sie ihren Vater töten wollte. Der Patient überlebt und trägt keinen Schaden davon. Kurz darauf wird er in ein Pflegeheim zurückverlegt, wo er einen Monat später eines natürlichen Todes stirbt.

Am Montag, gut zwei Jahre nach dem Vorfall im Spital, muss sich Bea D. vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Versuchte vorsätzliche Tötung lautet die Anklage. Der 59-Jährigen droht eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren, wobei diese laut Antrag unter Ansetzung einer Probezeit von zwei Jahren bedingt auszusprechen sei.

Dass Angehörige so weit gehen, gebe es selten, sagt Albert Wettstein, ehemaliger Zürcher Stadtarzt und heute Privatdozent für geriatrische Neurologie an der Uni Zürich. Die Gefühlslage, in der sich Bea D. befand, sei aber nicht aussergewöhnlich. Die Bedingungen, unter denen der Patient noch lebe, erscheine einem als unwürdig. «Gleichzeitig kann man nichts tun, man fühlt sich hilflos und will die Person von ihrem Leid erlösen.»

Zum Richter über Leben und Tod gemacht

Im vorliegenden Fall habe Bea D. vergessen, dass es uns nicht zustehe, uns zum Richter über Leben und Tod zu machen – so nahe einem die erkrankte Person auch sei. «Das wäre eine massive Anmassung und Selbstüberhöhung.» Leidet der Patient an Demenz, verstärke sich diese Hilflosigkeit. Demenz ist die dritthäufigste Todesursache in der Schweiz. Dass es meist lange dauert, bis die Krankheit zum Tod führt, belastet die Angehörigen. Aber nicht nur sie. «Viele ältere Menschen sagen mir, dass sie keine Angst vor dem Sterben hätten – aber vor der langen und mühsamen Phase vor dem Tod.»

Umso wichtiger seien Patientenverfügungen. Wettstein selber hat in seiner Verfügung festgehalten, dass bei einer schweren unheilbaren Behinderung wie etwa Demenz oder Wachkoma alle künstlich lebenserhaltenden Massnahmen abgebrochen und keinesfalls begonnen werden sollen. Für den Fall einer fortgeschrittenen Demenz verlangt er, «dass mir keine Nahrung und Flüssigkeit mehr eingegeben wird, sobald ich mir diese nicht mehr selbst zuführen kann». Ab dann will er eine ausreichende Sedierung – also die Dämpfung von Funktionen des zentralen Nervensystems durch ein Beruhigungsmittel. Und zwar auch dann, wenn reflexartiges Verhalten von ihm als Ausdruck von Hunger und Durst gedeutet werden könnten.

Nicht gegen eigenen Willen zu essen oder trinken geben

Er schreibt das deshalb so explizit, weil Angehörige häufig Angst hätten, dass der Patient verdurste und dabei leide. Wettstein sagt: «Dehydration vereinfacht das Sterben. Sterben an Flüssigkeitsmangel ist ein friedlicher Tod.»

Wenn Patienten die Aufnahme von Flüssigkeit und Nahrung verweigern, indem sie beispielsweise die Lippen zusammenpressen, sei dieser Wunsch zu respektieren. «Selbst dann, wenn sie dement sind», sagt Albert Wettstein und verweist auf einen Entscheid der nationalen Ethikkommission. «Es ist ethisch nicht vertretbar, jemandem gegen dessen Willen zu essen oder zu trinken zu geben – oder nur schon jemanden damit immer wieder zu bedrängen.»

Inwiefern der Vater von Bea D. seinen Willen noch äussern konnte und ob eine Patientenverfügung vorlag, geht aus der Anklageschrift nicht hervor. So oder so ist davon auszugehen, dass seine Tochter am kommenden Montag vom Bezirksgericht Zürich bestraft wird.

*Name geändert.

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