Das kunterbunte Häuschen an der Militärstrasse mitten im Kreis 4 ist für Nicole Niedermüller wie ein zweites Zuhause. Zwischen den mannshohen CD-Regalen, den Mischpulten und Radiomikrofonen bewegt sie sich so gewandt, als ginge sie durch ihr Wohnzimmer.

Und die steile Treppe vom Sitzungsraum hinunter ins Erdgeschoss nimmt sie selbst mit einer vollen Kaffeetasse locker und ohne ein Tröpfchen zu verschütten. «Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich hier mache, ja, ich bin glücklich», sagt sie.

Montag ist Frauentag

Nicole Niedermüller ist Radiofrau mit Leib und Seele. Beim alternativen Radio LoRa in Zürich leitet die 37-Jährige die Frauenredaktion – jene 120 Sendungsmacherinnen, die unentgeltlich Beiträge in mehr als zehn verschiedenen Sprachen produzieren. Der Montag ist für sie der wichtigste Tag der Woche, denn Montag gleich Frauentag auf Radio LoRa.

In mehr als einem Dutzend Sendungen präsentieren Redaktorinnen ihren weiblichen Blick auf die Gesellschaft, die Politik, auf die Stadt Zürich. Niedermüller amtet als Koordinatorin und Coach und macht auch eigene Sendungen, wo sie meist feministische Themen ins Zentrum stellt. Gerade als Multikulti-Radio sei LoRa ein wichtiges Medium für viele Minderheiten in der Stadt Zürich, sagt Niedermüller. Beeindruckt ist sie etwa von einer Sendung, die von jungen Iranerinnen in Farsi gemacht wird und unter anderem intensiv über die Frauenbewegung im Iran berichtet. «Die Beiträge können übers Internet auch im Iran gehört werden», sagt sie. Das sei wichtig, weil solche Sendungen im Land selber undenkbar wären.

«Die Hälfte des Äthers»: So nennen sich die LoRa-Frauen. Und die Botschaft ist unmissverständlich. «Das ist eine Forderung. Wir Frauen wollen hinter dem Mischpult und am Plattenteller unseren Raum gestalten», sagt Niedermüller. Ganz die Hälfte der Redaktion stellen die Frauen zwar nicht. Aber fast: 42 Prozent der Crewmitglieder sind derzeit weiblich. Das Engagement in Frauensachen, das seit der Gründung 1983 zu Radio LoRa gehört, gefällt auch dem Zürcher Stadtrat.

Vor einer Woche hat er der «Hälfte des Äthers» den städtischen Gleichstellungspreis verliehen. «Ich habe mich sehr gefreut», sagt Niedermüller. Der Preis sei die Anerkennung für eine ganze Generation von Frauen, die sich über Jahre an LoRa beteiligt haben. Selbst ist Niedermüller auf Umwegen zum Radio gekommen. Aufgewachsen im bayrischen Regensburg, zog die Deutsche als 20-Jährige für ihr Geschichtsstudium nach Konstanz. «Ich interessierte mich für Politik und war unzufrieden mit vielem, was in der Gesellschaft ablief», erzählt sie.

Besonders störte sie die Abwehrhaltung gegenüber Flüchtlingen und so fing sie an, sich in zwei Flüchtlingsheimen zu engagieren. Sie gab Deutschkurse, klärte juristische Fragen ab und versuchte, die Bevölkerung für Flüchtlingsthemen zu sensibilisieren. Da die lokale Presse das Anliegen nicht aufgreifen wollte, wandte sie sich ans unabhängige Schaffhauser Radio RaSa. Dort durfte sie ihre Botschaften platzieren und schnupperte so auch zum ersten Mal Radioluft.

In Konstanz geblieben

Obwohl Niedermüller in Konstanz lebte, kam sie regelmässig für Kulturelles, Konzerte, Vorträge nach Zürich. «Die hiesige Subkultur kannte ich gut», sagt sie. Als ihr dann eine Kollegin die Stelle bei LoRa vorschlug, zögerte sie nicht lange. An die Limmat ziehen wollte sie deswegen aber nicht. Mit ihrem Freund wohnt sie noch heute in Konstanz und pendelt viermal wöchentlich nach Zürich.

Nebst ihrem 60-Prozent-Pensum bei LoRa leitet sie derzeit einen Radiokurs mit behinderten Jugendlichen in Zürich. Zudem weibelt sie regelmässig für antifaschistische Projekte, organisiert etwa in Konstanz öffentliche Gespräche mit Zeitzeugen des Dritten Reichs.

Und in der kleinen Stadt Radolfzell arbeitet sie an einem Gedenkort für die Opfer des Nazi-Regimes. «Dass es dort einst ein Aussenlager von Dachau gab, war lange ein Tabu», sagt sie. Auch an Demonstrationen in der ganzen Schweiz und in Deutschland ist sie anzutreffen. «Es ist wichtig, auf die Strasse zu gehen und laut zu sagen, wenn man mit einer Sache nicht einverstanden ist.»

Obwohl sie für ihr Engagement kein fürstliches Gehalt einstreicht, will sie «noch eine ganze Weile» so weitermachen. «Das Geld reicht schon. Und es war immer mein Traum, bei einem freien Radio zu arbeiten», sagt sie. Und verschwindet – Kaffeetasse in der Hand – über die steile Treppe nach oben.