Zürich

Sie setzt ein Zeichen für alle Opfer: Gabriella Carli organisiert ein Konzert für den Frieden

«Würde sich jeder für den Frieden einsetzen, kämen wir endlich vorwärts», sagt die Dirigentin Gabriella Carli

«Würde sich jeder für den Frieden einsetzen, kämen wir endlich vorwärts», sagt die Dirigentin Gabriella Carli

Wenn am Dienstagabend in der Zürcher St. Peter Kirche die Ouvertüre von Christoph Willibald Glucks Oper «Iphigenie in Aulis» erklingt, ist das nicht nur ein musikalischer Genuss, sondern auch eine Mission. Die Dirigentin Gabriella Carli organisiert mit ihrem Verein «Steh wieder auf» ein Konzert für den Frieden.

Am Pult wird Gabriella Carli stehen, die mit dieser Komposition das «Konzert für den Frieden» eröffnet. Die Dirigentin hat dieses anlässlich des 71. Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit dem von ihr gegründeten Verein «Steh wieder auf» organisiert.

«Die Welt wird heute von Hass regiert», sagt Carli. Dem will sie Einhalt gebieten. «Würde sich jeder Mensch für den Frieden einsetzen, dann kämen wir endlich vorwärts.» Vorwärtsgehen könnte auch das Leitmotiv der Dirigentin sein. In Triest geboren, wurde Carli die Musik von ihrem österreichischen Vater, einem Geiger, in die Wiege gelegt.

In ihrer Heimatstadt errang sie das Diplom als Pianistin, was den Beginn eines reichen und vielseitigen Werdegangs markierte. Das Dirigentinnen-Diplom legte sie 1977 in Nizza ab. «Das gab mir die Möglichkeit, auch bei grossen Maestros zu lernen.» Franco Ferrara oder Sergiu Celibidache sind nur zwei der Namen. Wenige Jahre später promovierte sie auch noch in Literaturwissenschaften in Padua.

Doch das Dirigieren blieb die grosse Leidenschaft. Sie lernte, sich in einer Männerdomäne zu etablieren. Laut eigener Aussage war sie damals die einzige Frau, die an Dirigierwettbewerben teilnahm. Ein Höhepunkt in ihrer Karriere war die zweijährige Assistenz beim Dirigenten Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern. Bis zu Karajans Tod im Jahr 1989 arbeitete sie für ihn. In dieser Zeit gründete Carli auch ihr erstes Orchester, das Kammerensemble Berlin. Ebenso war sie Stipendiatin des Deutschen Musikrates.

Vom Opfer zur Beschützerin

Mehrere Autounfälle führten dazu, dass Carli, die auch Trägerin des Verdienstordens der Italienischen Republik ist, zur Rehabilitation in die Schweiz kam – Zürich ist seither ihr Wohnsitz.

Und auch jener Ort, der die Weichen für ihre Zukunft auf dramatische Art und Weise stellte: Im Jahr 2008 wurde Carli das Opfer eines Gewaltverbrechens. «Es ist eine schmerzvolle Geschichte, ein Jahr lang war ich zu 100 Prozent invalid, meine linke Hand war gebrochen und ich musste zwei Operationen durchstehen.» Die Hand ist seither beeinträchtigt, was Carli aber nicht vom Dirigieren abhält.

Ebenso prägend war der Umgang mit dem Täter durch die Justiz. «Mein Peiniger wurde freigesprochen, das ist skandalös und fühlte sich an wie ein zweiter Angriff». Das insbesondere, weil es sich um einen Wiederholungstäter handelte.

Carli spürte eine Fassungslosigkeit gegenüber geltendem Recht, aber sie resignierte nicht. «Mir sagte eine innere Stimme: Geh und studiere Jura.» Das tat sie dann an der Universität Zürich, obwohl sie das Studium nicht abschloss. Nur durch Wissen und Verstehen könne man etwas verändern, wie sie sagt. «Das Studieren ermöglichte mir zudem, Vorträge an Universitäten über Menschenrechte zu halten.»

Carli sagt, dass es produktiver sei, sich für den Frieden einzusetzen, statt sich dem Rachegedanken hinzugeben. Und sie will auch anderen Gewaltopfern eine Stimme geben. «Vor rund acht Jahren gründete ich den Verein «Steh wieder auf» und wir haben einige namhafte Mitglieder und Sponsoren gewinnen können.» Der Verein will das Thema der Wiederholungstat beleuchten und sich dafür stark machen, dass sich die Gesetze diesbezüglich ändern.
Als Präsident amtet der Arzt David Simon. Mit dem Verein begann auch die Durchführung von Benefizkonzerten zugunsten von Gewaltopfern; Carli dirigiert heute nur noch solche.

Ein Abend mit einer Rarität

Es ist das erste Mal, dass die Dirigentin ein Konzert im Namen ihres Vereins in der Limmatstadt organisiert. «Oft wurde ich angefragt, ob wir nicht auch in Zürich spielen wollen. Wir wünschen uns jetzt natürlich, dass sich ein zahlreiches Publikum in der Kirche St. Peter einfinden wird.» Wir, das sind Carli und das Kammerorchester «La Fenice di Milano», gemeinsam haben sie auch schon Alben aufgenommen.

Als Solist wird der Flötist Peter-Lukas Graf auftreten. «Ursprünglich sollte Maurice Steger diesen Part übernehmen, allerdings ging das aus vertraglichen Gründen seinerseits nicht.» Steger konnte aber Graf für das Friedens-Konzert vermitteln, ein nicht minder bekannter Schweizer-Künstler seines Genres. Für das Konzert wird Steger weiter sein Cembalo zur Verfügung stellen.

Neben Gluck werden am Friedenskonzert noch Werke von Edward Elgar, Francesco Geminiani, Edvard Grieg, Jules Massenet und Antonio Vivaldi gespielt. Wichtig war es für Gabriella Carli, dass auch eine Rarität im Programm enthalten ist. «Mit Gaetano Donizettis Quartett in A-Dur Nr. 13 spielen wir eine Komposition, die selten aufgeführt wird.» Ebenso wird Carli eine Schweigeminute in das Konzert einbauen. «Eine Minute Stille für alle Opfer ist ein grosses Zeichen.»

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