Ein «Zong!», schon ist der Pfeil unterwegs und schlägt eine halbe Sekunde später auf der 30 Meter entfernten Zielscheibe ein. Dabei hatte ich den Abzug doch gar nicht richtig berührt. «Sie müssen ihn streicheln», sagt Franz Koch.

Der 78-Jährige betreut Gäste, Sponsoren, Journalisten, die gestern zum Auftakt des Eidgenössischen Armbrustschützenfestes auf dem Albisgüetli zu einem Probeschiessen eingeladen wurden. Unter ihnen Roger Bartholdi. Der SVP-Politiker und als Präsident des Zürcher Gemeinderates höchste Stadtzürcher nimmt regelmässig an Waffenläufen teil und hat im 300-Meter-Stand schon viele Kugeln abgefeuert. Und nun das erste Mal an der Armbrust. «Es ist interessant», sagt Bartholdi. «Wenn ich mit dem Gewehr schiesse, kann ich die Waffe besser fixieren. Mit der Armbrust ist das schwieriger. Dafür kann ich das Geschoss bis ins Ziel verfolgen.» Sein erster Pfeil landet am Rand der Scheibe.

Stehend – eineinhalb Stunden

Tatsächlich ist es nicht einfach, die Armbrust ruhig zu halten. Zwar darf man sie beim Volksschiessen auf einer Art Stange abstellen, doch reicht die kleinste Körperbewegung, und schon verliert man das Ziel wieder aus den Augen. Franz Koch deutet auf die Wasserwaage an der Spitze der Waffe. Sie zeigt mir an, ob ich das sieben Kilogramm schwere Gerät gerade halte. Also nochmal: Ruhig atmen, schwarzen Fleck anvisieren, Wasserwaage beachten und – streicheln. «Zong!» Schon besser. Zumindest habe ich die Scheibe getroffen.

«Das Ziel muss die 10 sein», sagt hinter mir Pius Niederberger, OK-Mitglied und selber aktiver Armbrustschütze. Ein Punkt mit nur 6 Zentimeter Durchmesser, so klein wie ein «Chriesistei», darum gehe es letzlich beim Armbrustschiessen. «Von daher ist es ein einfacher Sport», sagt Niederberger. Nebst mentaler Stärke ist aber auch körperliche Kraft wichtig. In der Disziplin Stehen rühren sich die Schützen eineinhalb Stunden lang nicht vom Fleck. Dies hält nur aus, wer einen guten Stand hat und eine starke Rückenmuskulatur.

Einstieg dank Tell

Am wichtigsten aber ist die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. «Alles hängt von einem selber ab, man ist nur mit sich», sagt Niederberger. Er stammt aus einer Fussballerfamilie, hat in der Jugend viel Zeit auf dem Fussballplatz verbracht. Irgendwann aber begann er sich mehr für den Schiessstand neben dem Fussballplatz
zu interessieren. An einem Volksschiessen packte es ihn. Vor rund 40 Jahren war das.

Natürlich habe ihn auch die Legende um Wilhelm Tell fasziniert. «Interessanterweise ist Tell auch heute noch für viele junge Schützen mit ein Grund, weshalb sie den Zugang zu unserem Sport gefunden haben. In der Nachwuchsförderung haben wir schon versucht, davon wegzukommen. Es hat nicht funktioniert. Tell gehört einfach dazu.»

Wie Franz Koch beweist, kann man den Sport bis ins hohe Alter ausüben. «Armbrustschiessen ist für mich ein guter Test, ob Augen, Gehirn und Motorik noch gut funktionieren», sagt Koch. «Und man kann jeden Tag üben. Man stört ja niemanden – ganz anders beim Schiessen mit dem Sturmgewehr.»

Ein letzter Versuch: Ich gehe nochmal die Anweisungen meines Coaches durch. «Zong», der Pfeil landet in der 9. Nicht schlecht. Niederberger lächelt mir zu und sagt: «Die 10 muss das Ziel sein.»

Das Eidgenössische Armbrustschützenfest auf dem Albisgüetli in Zürich dauert noch bis am 17. Juli. www.easf-2016.ch