Schlieren
Sie liest, er spielt: Zwei Autoren machen Geschriebenes erlebbar

Michèle Minelli berührte das Publikum in der Bibliothek Schlieren mit einer szenischen Lesung zu ihrem Buch «Die Verlorene». Peter Höner unterstützte die Schriftstellerin mit seinem schauspielerischen Können.

Anina Gepp
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Michèle Minelli und Peter Höner spielen verschiedene Rollen.

Michèle Minelli und Peter Höner spielen verschiedene Rollen.

Gep

Michèle Minellis Schreibstil ist lebendig und lebt von der beschreibenden Bildsprache. Sie gewährt dem Leser mit ihren Worten Einblick in die Gefühlswelt der verschiedenen Akteure. Noch besser vorstellbar werden die Texte, wenn die Zürcher Schriftstellerin gemeinsam mit Autor und Schauspieler Peter Höner eine szenische Lesung auf die Bühne bringt.

Am Freitagabend war das Duo im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Zürich liest» zu Gast in der Bibliothek Schlieren. Das, was sich damals im Leben von Frieda Keller, der Hauptperson im Buch «Die Verlorene», zugetragen hat, wurde durch die Lesung fassbarer.

Das neuste Werk Minellis erzählt die tragische Geschichte einer Frau, die 1904 durch die Hölle ging. Nach einer Vergewaltigung durch ihren Arbeitgeber brachte die Thurgauerin ein uneheliches Kind zur Welt. Eine Tatsache, über die zu dieser Zeit lieber geschwiegen wurde, als dass man die junge Frau unterstützt hätte.

Opfer wird zur Täterin

Frieda Keller hätte damals auch gar nicht gegen ihren Vergewaltiger vorgehen können. Im Privatrechtlichen Gesetzbuch für den Kanton Thurgau hiess es «eine Weibsperson, die sich mit einem Ehemann einlässt» verdiene keine Gunst des Gesetzes, sondern müsse «die Folgen ihrer Unsittlichkeit selbst tragen».

Das Geschehene wird also vertuscht und der aus der Vergewaltigung hervorgegangene Knabe in einer Kinderbewahranstalt in St. Gallen versteckt. Als er dort nicht mehr länger bleiben kann und Frieda Keller keine Möglichkeit sieht, für sich und ihr Kind zu sorgen, wird sie selber zur Täterin. Sie wird zum Tod verurteilt und nur unter dem Druck der Öffentlichkeit zu lebenslanger Zuchthausstrafe in Einzelhaft «begnadigt».

Bis der Kopf ganz rot ist

Minelli und Höner inszenieren verschiedenste Gerichtsszenen, die im Buch eindrücklich beschrieben werden. Frieda Keller sitzt auf der Anklagebank. Die vorgetragenen Texte werden untermalt mit theatralischen Einsätzen der beiden Autoren.

Höner hat zudem innert kürzester Zeit einen roten Kopf, weil er so laut spricht. Er lässt sich voll und ganz auf seine Rolle ein und mimt den strengen Staatsanwalt. Minelli, die die Stimme von Frieda Keller übernimmt, sitzt eingeschüchtert am Tisch.

Ihre Schultern sind gesenkt, ihr Blick leer. Die Stimme Minellis klingt klagend, während Höner als Staatsanwalt immer bestimmender wird. Er holt Luft zwischen den einzelnen Sätzen, schnaubt, wird aggressiver und spuckt kleine Wassertröpfchen.

Doch die beiden Autoren verschreiben sich nicht nur diesen zwei Rollen. Ständig verkörpern sie neue Akteure des Buches. Dem Zuhörer fällt es durch Gesten, Mimik und verschiedener Stimmlage einfach, die schnellen Rollenwechsel zu bemerken.

Manchmal übernimmt Höner den Part des Erzählers, dann wendet er sich dem Publikum jeweils zu und sein Gesicht, das er zuvor als Staatsanwalt angestrengt zusammenkniff, entspannt sich wieder. Auch wenn Minelli die Erzählerstimme liest, ist ihre Stimme sicherer und klar.

Wechselbad der Gefühle

Das Publikum in der Bibliothek ist ganz still während der ganzen Lesung. Die tragische Geschichte scheint zum Nachdenken anzuregen. Denn als Frieda Keller viele Jahre später endlich aus dem Gefängnis entlassen wird, ist sie eine gebrochene, verwirrte Frau.

Minelli gelingt es aufzuzeigen, wie das Justizsystem damals funktioniert hat und wie frauenfeindlich die Gesellschaft war. Der Fall Frieda Keller schlug sich massgeblich in der Schaffung des Schweizerischen Strafgesetzbuches nieder. Bis heute gilt der Fall als Wegmarke zu neuem Recht.

Monique Roth, Leiterin Bibliothek Schlieren, hat das Buch bereits vor der Lesung verschlungen. Man durchlebe dabei ein Wechselbad der Gefühle, sagt sie. «Das Buch hat mich sehr berührt.» Sie sei stolz und froh, dass Minelli in der Bibliothek Schlieren zu Gast sei.

Zwar sei es bereits das zweite Mal, dass die Autorin einen Stop in Schlieren mache, jedoch noch nie im Rahmen von «Zürich liest» und zusammen mit Höner. Auch beim Publikum kam die szenische Lesung gut an. Die beiden Autoren ernteten grosszügigen Applaus und waren beim anschliessenden Apéro beliebte Gesprächspartner.

*Zürich liest: Die Eventreihe «Zürich liest» fand dieses Wochenende bereits zum fünften Mal statt. Verschiedene Autoren lesen in und um Zürich jedes Jahr aus ihren Werken vor.