Bezirksgericht Zürich
Sie liebten und sie schlugen sich – bis sie zustach

Von einer schwierigen Zürcher Beziehung, die mit tiefen Narben und Gefängnis endete.

Heinz Zürcher
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Mit einer 11 Zentimeter langen Klinge stach die Serviertochter auf ihren Freund ein. (Symbolbild)

Mit einer 11 Zentimeter langen Klinge stach die Serviertochter auf ihren Freund ein. (Symbolbild)

pd

Die Spannung zwischen dem einstigen Liebespaar war greifbar, als es am Freitag getrennt den Saal des Bezirksgerichts Zürich betrat. Er, das Opfer, 27 Jahre alt, gelernter Koch, schlanke Statur, wirkte nervös und vermied jeglichen Augenkontakt mit seiner Ex. Sie, 23-jährig, Serviertochter, gross und kräftig, Rose im Knopfloch, sah ihn gelegentlich an. Es sei ein aussergewöhnlicher Fall, sagte der Staatsanwalt.

Schon der Start ihrer Beziehung war geprägt von Konflikten, Kontrollwahn und Eifersucht. Gewalt wendeten beide an, auch das spätere Opfer. Einmal verletzte er sie mit einem Draht am Hals. Und im April 2017, als sie in der siebten Woche schwanger war, schlug er sie so stark in den Unterleib, dass sie das Kind verlor. Zur Eskalation kam es an einem Sonntag im November 2017 in der Wohnung seiner Eltern. Sie wollte nach Hause. Er drängte darauf, dass sie bleibt, um dann aber Playstation zu spielen. Das ärgerte sie derart, dass sie den Stecker des Geräts zog und damit drohte, die Spielkonsole mit Wasser zu übergiessen. Im darauf folgenden Wortgefecht riss sie ihn an den Haaren, kratzte und würgte ihn, worauf er sie seinerseits am Hals packte.

Playstation versteckt

Die beiden beruhigten sich. Aber bald ging der Streit von vorne los, und er verzog sich mit ihrem Handy auf die Toilette. Als sie ihn aufforderte, das Mobiltelefon zurückzugeben, kam er zurück und händigte es aus. Auf dem Weg ins Schlafzimmer bemerkte er, dass sie die Playstation versteckt hatte.

Laut Anklageschrift soll er darauf «So, jetzt isch fertig, ich gib dir en Magebox», gerufen haben. In diesem Moment stach sie mit einem Steakmesser zu. Die 11 Zentimeter lange Klinge drang lebensgefährlich in den Herzmuskel. «Ich weiss nicht mehr, was ich da tat», sagte die Beschuldigte vor Gericht aus. Seinen Tod habe sie ganz sicher nicht gewollt. In ihrer Verzweiflung ging sie ins Schlafzimmer und stach sich mit dem Messer in den Oberarm und in die Brust. «Ich wollte wegmachen, was passiert war», sagte sie aus. Weil die Messerspitze auf eine Rippe traf, kam sie mit leichten Verletzungen davon. Wieso sie denn überhaupt ein Messer in der Hand hielt, wollte der Richter wissen. Sie habe Geschirr und Besteck weggeräumt, und als ihr Freund von der Toilette zurückkam, habe sie alles hingestellt, ausser das Messer. Wieso, könne sie sich auch nicht erklären. Es habe sich wohl um eine Kurzschluss- und Verzweiflungsaktion gehandelt, sagte der Staatsanwalt. «Einerseits hat er sie vorher gewürgt, und sie war wütend, weil er ihr Handy weggenommen hatte.» Andererseits habe sie präzise und kräftig zugestossen.

Nur weil seine Eltern sofort zu Hilfe eilten und die Ambulanz alarmierten, überlebte er. Seither hat er eine 20 Zentimeter lange Narbe und leidet unter Schmerzen im Bein, infolge einer Thrombose im Zusammenhang mit der Operation. Ausserdem macht ihm der brutale Angriff seiner damaligen Liebe auch psychisch zu schaffen.

Strenger als gefordert

Der Staatsanwalt plädierte auf vorsätzlich versuchte Tötung und eine Freiheitsstrafe von fünfeinhalb Jahren. Mildernd wirke sich aus, dass die Beschuldigte keine Vorstrafen vorweise, geständig sei und echte Betroffenheit sowie Reue gezeigt habe. Von der Privatklägerin wurde zudem Schadenersatz in der Höhe von 6857 Franken und eine Genugtuung von mindestens 20'000 Franken verlangt.

Der Verteidiger wollte die Strafe auf drei Jahre senken, also unter den für vorsätzliche Tötung geltende Rahmen von fünf bis zwanzig Jahre. Den Rest ihrer Strafe – sie sitzt seit der Tat in Untersuchungshaft – solle seine Mandantin auf freiem Fuss und zugunsten einer ambulanten, psychotherapeutischen Behandlung verbüssen können.

Das Gericht ging nicht darauf ein und verurteilte die Beschuldigte zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Nur unter ausserordentlichen Umständen könne man das Mindeststrafmass von fünf Jahren unterschreiten, sagte der Richter. Das sei in diesem Fall nicht gegeben.

Die geforderte Höhe für Genugtuung und Schadenersatz bestätigte das Gericht. Offen ist, ob der Verteidiger in Berufung geht.