Die Wand ist über und über mit Blumen gespickt. Es scheint fast so, als würden die Rosen und Pfingstrosen aus der Mauer wachsen. Bei näherem Betrachten merkt man aber, dass die Blütenpracht nicht echt ist. Trotzdem: Sie ist ein Hingucker. Genau so wie die flieder- und rosafarbenen Stühle oder die Tischchen mit Marmor-Optik. Wenn jetzt noch ein Einhorn um die Ecke galoppiert käme, könnte man das Café Elena am Neumühlequai in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs als wahrgewordenen Mädchentraum bezeichnen.

«Bei uns zu Hause sieht es ähnlich aus», sagt Jamal Aziz und lacht. Er und seine Freundin Carmen Santana De Paula haben das Lokal vor einem Monat eröffnet. Der gebürtige Berliner ist Geschäftsführer. Santana De Paula kümmert sich um die Buchhaltung. Bei der Einrichtung der Gaststätte hatte sie das Sagen. Eine gute Entscheidung.

So viel Opulenz und Farbe sind in der Limmatstadt selten. Passanten bleiben vor der Fensterfront stehen. Einige halten die Daumen hoch und lächeln. Eine Frau geht einen Schritt weiter. Sie betritt das Café, schiesst ein Foto von der Blumenwand und verschwindet wieder. «Hast du das gerade gesehen?», sagt Aziz und blickt zu seiner Freundin. «Es ist unglaublich, dass jeder hier ein Foto macht», findet auch die 26-Jährige.

Dass ihr Café so gut ankommt, damit haben die beiden nicht gerechnet. «Am Tag der Eröffnung haben wir noch darüber gesprochen, was wir machen, wenn die Gäste ausbleiben», erinnert sich Santana De Paula.

Doch die Angst war unbegründet. «Die Leute standen Schlange. Einige mussten bis zu einer Stunde warten, bis wir ihnen einen Tisch geben konnten», sagt Aziz. Sie seien noch nicht einmal auf Tripadvisor vertreten und das Schild mit dem Namen hänge auch erst seit Kurzem über der Tür, sagt der 40-Jährige. Zu verdanken haben sie den Ansturm der Social-Media-Plattform Instagram. «Ein paar Wochen vor der Eröffnung haben wir ein paar Fotos gepostet. Das hat die Leute neugierig gemacht», sagt Santana De Paula.

«Eins, zwei, drei, Lächeln»

Am Tisch gegenüber posiert gerade ein Paar vor der Blumenwand mit Bagel, Pfannkuchen und Etagere. «Eins, zwei, drei, Lächeln», sagt der Kellner und drückt auf den Auslöser. «Endlich gibt es so ein Café auch in Zürich», sagt eine Kundin am Tisch daneben. Den Satz hören die Inhaber täglich. «Wir scheinen irgendwie den Nerv der Zürcher getroffen zu haben. Es freut uns, dass das Café den Leuten gefällt. Das ist die beste Bestätigung», sagt Santana De Paula.

Nach nur vier Wochen ist der Instagram-Account des Cafés auf fast 3000 Follower angewachsen. Jeden Tag posten Gäste Bilder und Videos. Die beste Werbung für das neue Lokal. «Manchmal wissen wir gar nicht, wer bei uns vorbeikommt. Wenn wir dann in einem Beitrag markiert werden und sehen, dass es sich bei einem Gast um eine Influencerin handelt, die 30 000 Follower hat, ist das schon cool», sagt Aziz.

Rosafarbene Cafés gehören derzeit tatsächlich zu den beliebtesten Motiven von Influencern und Food-Bloggern, wenn man sich auf Instagram umsieht. Frappant ist die Ähnlichkeit des Café Elena mit einem bekannten Instagram-Lokal in London. Es heisst sogar fast gleich. Das Elan Café begeistert mit seinen unterdessen sechs Filialen seit Mitte 2017 Influencer und Kaffeetrinker in der britischen Hauptstadt. Abgeguckt hätten sie dort aber nichts, sagen die beiden.

«Das Elan Café war uns vorher gar kein Begriff. Erst nach der Eröffnung wurden wir darauf aufmerksam», sagt Santana De Paula, die auch noch einen eigenen Coiffeursalon in Zürich betreibt. Von dort her kenne sie Blumenwände. «Es ist schon länger üblich, dass man Shootings für Frisuren vor solchen Wänden macht.»

Und auch für den fast identischen Namen hat Santana De Paula eine Erklärung. «Elena ist mein zweiter Vorname», sagt sie. «Ins Café Jamal würde wohl niemand kommen», fügt Aziz an und lacht. Die beiden sind seit mehr als vier Jahren ein Paar. «Die Gastronomie brachte uns zusammen», sagt Santana De Paula. Sie habe sich als Kundin einer grossen Kaffeekette immer ein Getränk bei Aziz geholt.

Privat sind die beiden auf Instagram wenig aktiv. Erst als sie sich mit ihrem ersten gemeinsamen Laden selbstständig machten, begannen sie, die Plattform vor allem geschäftlich zu nutzen. An der Langstrasse betreibt das Paar seit eineinhalb Jahren das Kaffeehaus Megawaffel.

Das Ziel von Aziz und Santana De Paula war es ohnehin nicht, ein Café für Influencer zu eröffnen. «Uns geht es viel mehr darum, in Zürich die Frühstückskultur zu beleben», sagt Aziz. Beide arbeiten am Wochenende und sehen sich selten. «Am Donnerstag haben wir frei. Dann schlafen wir gerne aus und frühstücken ausgedehnt», sagt Santana De Paula.

In Zürich gebe es ein paar tolle Brunch-Lokale, doch bei vielen gelte das Angebot nur bis 13 Uhr. «Bei uns kann man rund um die Uhr brunchen und das, ohne Monate vorher reservieren zu müssen», sagt Aziz. «Ich komme aus Berlin, dort kann man an jeder Ecke brunchen und man isst eigentlich nie zu Hause Frühstück.» Den beiden Unternehmern ist daher nicht nur das Interieur, sondern auch das Essen wichtig.

Pinker Latte mit Randensaft

Auf der Menükarte finden sich Bagels, Pfannkuchen und Frühstücksmenüs, die in einem Pfännchen serviert werden. Speziell ist der «Pink Latte», der mit Randensaft zubereitet wird. «Die Leute sollen nicht nur für die Fotos vorbeikommen, sondern, weil es ihnen schmeckt», sagt Aziz. Ein Bagel mit Spiegelei und Guacamole kostet 16 Franken.

Für eine Frühstückspfanne zahlt man 29 Franken, für einen Smoothie
9 Franken. Günstig ist der Ausflug ins Café Elena nicht. «Wir haben die Preise von Frühstücksläden in der Gegend studiert und liegen im Kreis 1 sogar etwas unter dem Durchschnitt», sagt Aziz.

Hinter den beiden liegen anstrengende Monate. Eineinhalb Jahre suchten sie nach einem passenden Standort. «Es war mühsam, weil uns einige Male zahlungskräftigere Interessenten das Lokal wegschnappten», sagt Aziz. Doch beim heutigen Standort hatte Santana De Paula von Anfang an ein gutes Gefühl. «Ich habe Jamal sofort angerufen, als ich es entdeckt habe. Ich wusste, das ist es.»

Anfang Dezember konnten sie mit dem Umbau der Räumlichkeiten beginnen. «Wir haben mit der Hilfe von Familie und Freunden alles selber gemacht, vom Streichen über Dekorieren und Sanitärarbeiten», sagt Santana De Paula.

An weitere Filialen wollen die beiden erstmal nicht denken. «Klar wäre das schön. Doch wir wollen uns nun zuerst auf diesen Standort konzentrieren», sagt Santana De Paula. Das Café sei nämlich noch nicht fertig eingerichtet. So soll die Bartheke auch mit Blumen verkleidet werden. «Im hinteren Teil des Cafés wollen wir zudem einen künstlichen Kirschblütenbaum aufstellen.» Für Instagrammer wohl auch ein Grund, dem Café wieder einen Besuch abzustatten.