Zürich

Sie lässt Gebäude Geschichten erzählen: Mit Nicole Dreyfus die Perlen der Stadt erkunden

Die selbstständige Stadtführerin Nicole Dreyfus hat sich bei ihren Rundgänge auf das mittelalterliche Zürich und die Baugeschichte des 19. Jahrhunderts spezialisiert.

Die selbstständige Stadtführerin Nicole Dreyfus hat sich bei ihren Rundgänge auf das mittelalterliche Zürich und die Baugeschichte des 19. Jahrhunderts spezialisiert.

Auf den Stadtrundgängen von Historikerin Nicole Dreyfus gibt es bislang unbekannte Perlen an bekannten Orten zu entdecken.

Es gibt sie wie Sand am Meer – Stadtführungen in Zürich. Alleine die Stadtführer von Zürich Tourismus haben im vergangenen Jahr 8'500 private Führungen und beinahe doppelt so viele öffentliche Touren durchgeführt. Besonders beliebt sind laut Zürich Tourismus Rundgänge durch die Altstadt oder Genusstouren durch die Zürcher Gastronomie. Die meisten Führungen werden von Schweizern gebucht.

Eine Suchanfrage nach Stadtführungen durch die Limmatstadt im Internet ergibt über 150'000 Ergebnisse. Darunter findet man auch Einzelanbieter, die ihre Touren durch die Stadt auf ein oder zwei spezifische Themen begrenzen. Eine davon ist die Historikerin und Journalistin Nicole Dreyfus. Während der Sommerschulferien hat sie etwas weniger Anfragen für Führungen. Sonst aber habe sie das gesamte Jahr hindurch Hochsaison.

Als Treffpunkt schlägt Dreyfus den Neumarkt im Niederdorf vor. Der Händedruck der 34-Jährigen ist weich, ihr Blick aufmerksam und wach. Ihre Geschichten erzählt sie anhand von Strassen und Gebäuden. Ihre Nische sind das mittelalterliche Zürich, die Baugeschichte des 19. Jahrhunderts, die Geschichte der Bahnhofstrasse, die Geschichte der Juden sowie «versteckte Orte in bekannten Orten».

Im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich legt Dreyfus auf ihrer Altstadt-Tour gerne einen Halt ein.

Im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich legt Dreyfus auf ihrer Altstadt-Tour gerne einen Halt ein.

Letzteres liest und hört man von den meisten Anbietern von Stadtrundgängen. Darauf angesprochen, lacht Dreyfus: «Ich versuche mit meinen Führungen historische Fenster zu öffnen, in die ich mit meinen Stadtspaziergängerinnen und -spaziergängern hineinblicken möchte.» Dieser Satz klingt erfahren, denn ihre Führungen bietet sie unter dem Namen «Stadtfenster» an. Dreyfus spricht aus, was beim Wort «Fenster» vor dem eigenen inneren Auge erscheint: «Adventskalender». Dieser beschreibe genau, wie sie arbeite.
Sie wähle Stationen in der Zürcher Stadtgeschichte und erzähle eine Geschichte dazu. So gehe das Standort für Standort weiter. «Trotz Zeitsprüngen ergibt sich die Kausalität der Geschichte durch die Gesamtheit des Erzählten», sagt Dreyfus.

Geschichte anschaulich machen

Sie packt eine grüne Mappe aus ihrer Tasche und beginnt mit einer Geschichte aus dem mittelalterlichen Zürich. Sie verweist mit der Hand auf den Turm hinter dem Gebäude, worin sich das Restaurant Kantorei befindet. Tatsächlich ist das Gebäude dem Auge bekannt. Aber das Wissen dazu fehlt.

Der Name des Turms ist «Grimme», wie Dreyfus erzählt. Er gehörte einst der Familie Bilgeri. «Dem Oberhaupt wurde das Attribut ‹grimmig› zugeschrieben. So kam der Turm zu seinem Namen», sagt die junge Frau. Der Familienname wird nun in der gegenüberliegenden Hausfassade eingemeisselt sichtbar.

Während sie weitererzählt, wandelt sich die Neumarktgasse vor dem inneren Auge in einen Viehmarkt. Händler bieten ihre Ware feil, die potenzielle Kunden begutachten. «Das war die Bahnhofstrasse des Mittelalters», sagt Dreyfus und holt die Gedanken in die Gegenwart zurück.

Sie spannt den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart elegant am Beispiel des Hauses zum Rech, das gegenüber vom Neumarkt-Theater liegt. Wo im Mittelalter eine reiche Zürcher Familie hauste, sind heute das Baugeschichtliche Archiv und das Stadtarchiv von Zürich zu Hause. «Das Gebäude ist öffentlich, das wissen die Wenigsten», sagt Dreyfus. Aufgrund des fragenden Blicks ihres Gegenübers vertieft sie ihre Aussage. Viele ihrer Kunden würden das Gebäude auf einem geführten Stadtrundgang zum ersten Mal wahrnehmen. Naheliegend, dass die Touren-Bucher auch nichts vom dort installierten Stadtmodell Zürichs um 1800 wissen.

An diesem Morgen gelingt der Überraschungseffekt bei ihrer Besucherin nicht. Dreyfus verweist unbeirrt auf Details des Reliefs – den einstigen Fröschegraben. Er verlief dort, wo heute die Bahnhofstrasse ist. «Das lernen die meisten aber schon in der Schule», ist sich Dreyfus klar. Der Bürkliplatz dagegen existierte um das Jahr 1800 noch nicht, wie auf dem Modell unschwer zu erkennen ist. «Das letzte Drittel der heutigen Bahnhofstrasse befindet sich auf aufgeschüttetem Land», sagt Dreyfus. Die Baugeschichte fasziniert die Historikerin. Es beginnt eine lebhafte Diskussion mit ihrer Begleitung über abgetragene Stadtmauern, das Wachstum und die beiden Eingemeindungen: «Zürich brauchte Platz, Luft und Licht», fasst Dreyfus die bauliche Entwicklung zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammen.

Den Blick schärfen

Ihre Begeisterung für die Stadtgeschichte ist unübersehbar. «Die Geschichte der Stadt ist der Keller. Die Gegenwart baut auf diesem Fundament auf», sagt sie. In der rund 20-minütigen Führung spiegelt sich Dreyfus’ Persönlichkeit. Sie erklärt viel, ihre Stimme ist angenehm anzuhören. Sie redet in kurzen Sätzen. Ihre Worte wählt sie mit Bedacht und ihrer Bedeutung entsprechend an der richtigen Stelle. Ihren Erklärungen folgt man trotz Zeitsprüngen mühelos.

Zu ihren Kunden zählt die Historikerin meist Leute aus der Umgebung von Zürich. «Ein anspruchsvolles Publikum, das die eigene Stadt bewusster erleben will», sagt sie. Wohl deshalb lässt Dreyfus Gross- und Fraumünster auf ihren Rundgängen weg. Nur den Kreuzgang besichtige sie gerne auf ihren Rundgängen. Auch an die Bahnhofstrasse und den Paradeplatz führt Dreyfus ihre Besucher. «Ich gehe an vermeintlich triviale Orte und erkläre, was auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist», sagt die Historikerin. Zudem versuche sie, die Geschichten immer etwas anders zu erzählen. «Ich weiss schliesslich nie im Voraus, wie und wer mein Publikum ist», sagt Dreyfus. Die Arbeit fordere ihr Einfühlungsvermögen und ihre Flexibilität. Entsprechend befriedigt kehrt die Mutter einer kleinen Tochter jeweils von einer Führung nach Hause.

Wissen weitergeben

Seit zwei Jahren bietet die gebürtige Solothurnerin Rundgänge an – neben Zürich daher auch in Solothurn, Luzern und Basel. Angefangen hat es mit einer Anfrage aus dem privaten Umfeld. Dann sei es zum Selbstläufer geworden. Heute könnte sie davon leben. Daneben ist sie nach wie vor als Journalistin tätig. In ihrem Studium der Germanistik und Geschichte hat sie sich auf Stadtlyrik und Stadtgeschichte spezialisiert. «Sprache, Geschichte und das Reden vor Menschen liegen mir», sagt Dreyfus. Diese drei Facetten ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Was sie mit dem Angebot der Stadtfenster-Führungen tut, sei eine reine «Ökonomisierung ihrer Ausbildung», wie sie selber sagt. Geschichte sei dazu da, weitererzählt zu werden. Denn Wissen gehöre nicht nur in die Schule.

Eine Perle entdecken

Dieses Wissen stellt sie zu guter Letzt auch unter Beweis. Zielstrebig biegt sie von der Neumarkt- in die Froschaugasse ein, erzählt über die im Mittelalter in der Wachte Neumarkt wohnhaften Juden, verweist auf eine Hauswand, die einst die Rückwand einer Synagoge und jüdischen Schule war. Erinnert daran, dass den Juden das Handwerk verboten und den Christen gleichzeitig untersagt war, mit Geld zu handeln, und erleuchtet den Geist mit der Erkenntnis, wie eine erste jüdische Gemeinde im damaligen Zürich florierte.

Am Ende der Gasse angelangt, kramt Dreyfus einen Schlüssel aus der Tasche. Vor dem Haus mit dem Schild «Brunnenhof» bleibt sie stehen. Dreyfus öffnet die Tür und bittet in den ersten Stock des Wohnhauses. Dort ist an der Wand im Treppenhaus eine Freske ersichtlich. «Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert, von archäologischer Seite entdeckt wurde sie erst 1996», sagt sie. Das Bild schmückte einst die Wände des Festsaals einer jüdischen Familie. Passend dazu zeigt die Freske einen Bauerntanz. «Ein Zeichen der Koexistenz», sagt Dreyfus. Verziert ist das Werk mit Wappen der einstigen Geschäftspartner der mit Geld handelnden Familie. Die Motive der Malerei seien an die Minnegesänge von Neidhard von Reuenthal angelehnt. Dann zeigt sie auf kleine schwarze Schriftzeichen: «Mit der jüdischen Kultur bringt man nur die hebräische Anschrift der Wappen in Verbindung.» Aufgrund ihrer Wurzeln weiss sie viel über die Geschichte der Juden. Studiert hat sie das Fach aber nicht. Die letzte Station ihrer kurzen Führung hat Dreyfus als «Stadtperle» angepriesen. Eine Übertreibung war das nicht.

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