DOK-Serie
Sie ist die Einzige, die Zürichs Strassen wischt

Maria Cardoso kam mit 18 Jahren als Küchen-Saisonnière von Portugal nach Davos. Gegen die faulen Sprüche der Kollegen hat sie ein effektives Rezept gefunden.

Florian Niedermann
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Maria Cardoso mag ihre Arbeit als Strassenwischerin – selbst Schnee und Kälte stören die Portugiesin nicht.

Maria Cardoso mag ihre Arbeit als Strassenwischerin – selbst Schnee und Kälte stören die Portugiesin nicht.

Florian Niedermann

Bei der Arbeit macht Maria Cardoso immer ein zerknirschtes Gesicht. Nicht, weil sie wütend oder unzufrieden ist, sondern weil sie sich konzentriert. «Ich merke das gar nicht. Aber auch meine Kollegen sagen, ich würde erst freundlich gucken, wenn mich jemand anspricht», erklärt die gebürtige Portugiesin mit starkem Akzent.

Cardoso ist die einzige Strassenwischerin bei Entsorgung und Recycling Zürich. Sie mag ihre Arbeit und ihre Kollegen, allesamt Männer. Während des Gesprächs lacht sie die meiste Zeit über. Und doch: Wenn sie über ihre Anfänge in der Schweiz berichtet, erstaunt es, dass nicht mehr Bitterkeit in ihr ist.

«Das Leben war unsere Lehre»

Cardoso stammt aus Rio Tinto, einem kleinen Dorf in der Region Braga im Norden von Porto. Als Tochter eines Bäckers und einer Hausfrau und Tagelöhnerin musste sie schon in der frühen Jugend arbeiten, um etwas an die Haushaltskasse beizusteuern. Eine Berufslehre: Fehlanzeige.

«In Portugal gab es das bis vor einigen Jahren gar nicht. Bei uns fragte man den Chef einer Firma an, ob er eine Stelle frei habe, und fing an zu arbeiten. Das Leben war unsere Lehre», sagt Cardoso. 1985 lernte sie Mario, ihren heutigen Mann, kennen. Dieser reiste bald nach Zermatt, um dort in einem Hotel als Saisonnier zu arbeiten.

Bereits ein Jahr später fuhr auch die 18-Jährige nach Davos, ohne jegliche Deutschkenntnisse, und begann als Küchenhilfe in einem Hotel. Es folgten diverse Anstellungen in Davoser Hotels – immer zeitlich befristet. Gemäss dem sogenannten «Saisonnierstatut» war es ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern bis 1991 erlaubt, exakt neun Monate pro Jahr in der Schweiz ihr Auskommen zu verdienen. Ein Saisonnier, der innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Jahren viermal neun Monate in der Schweiz gearbeitet hatte, bekam aber die Aufenthaltsbewilligung B. Diese erlaubte es ihm, das ganze Jahr über in der Schweiz zu leben und zu arbeiten.

Hoteliers kündigten zu früh

Doch bei Cardoso sollte es fast 12 Jahre dauern, bis sie die B-Bewilligung erhielt: «Die ersten Chefs kündigten mir immer einige Tage, bevor ich die neun Monate erfüllt hatte», erinnert sich die 48-Jährige. Warum sie das taten, verstand die junge Küchenhelferin nicht, bis es ihr eine Kollegin eines Tages erklärte: Die Arbeitgeber stellten so sicher, dass die Saisonnières auch im nächsten Jahr wiederkamen und sich mangels Aufenthaltsbewilligung keinen unbefristeten Job suchen konnten.

«Wir hatten aber nie den Mut, deswegen zu reklamieren», sagt Cardoso. Verspürte sie deswegen Wut auf die Hoteliers? Nein. Sie habe gewusst, dass die Schweiz nicht auf sie gewartet habe. Aber froh war sie trotzdem, als ihr im Hotel Seehof dann doch noch die Möglichkeit geboten wurde, die vollen 36 Monate innert vier Jahren zu leisten.

Als sie die B-Bewilligung endlich in der Tasche hatte, suchte sie sich Arbeit an einem andern Ort. Cardosos Mann Mario war zu dem Zeitpunkt gerade arbeitslos, doch sie hatte reale Chancen auf einen Job im Tessin oder in Zürich. Am schnellsten klappte es im Hotel Landhaus in Seebach. «Ich habe sofort zugesagt. Bei uns heisst es: lieber einen Vogel in der Hand als zwei in der Luft», so die Portugiesin. So zog das Paar also in den Kreis 11, wo es noch heute lebt.

Es dauerte nicht lange, bis Maria Cardoso ihrem Mann eine Stelle im selben Hotel besorgen konnte, in dem auch sie arbeitete. Einfach sei es für ihn nicht gewesen, als sie als Frau den ganzen Haushalt finanziert habe, erinnert sie sich: «Aber er wusste, dass der Umzug nach Zürich ein wichtiger Schritt für mich ist. Und wir unterstützen uns immer dabei, unsere Ziele zu erreichen.» Das blieb auch so, als sie beschloss, sich um die Stelle als Strassenwischerin bei der Stadt Zürich zu bewerben.

Ein Spruch hin, zwei zurück

In der Schweiz ist dieser Job eine Männerbastion; unter den 190 Angestellten bei der Zürcher Strassenreinigung ist Cardoso die einzige Frau. In Portugal seien die Männer bei der Strassenreinigung in der Minderheit, sagt sie. Und lange habe es nicht gedauert, bis die Kollegen – grösstenteils Albaner und Portugiesen – sie als Team-Mitglied akzeptiert hätten.

Plötzlich hat sie ein schelmisches Grinsen im Gesicht: «Für jeden faulen Spruch, der von ihnen kommt, gibts zwei von mir zurück.» Bei Entsorgung und Recycling Zürich konnte Maria Cardoso ihrem Mann erneut eine Stelle an ihrer Seite vermitteln. Heute reinigen sie die Strassen der Stadt oft gemeinsam: er mit dem Besen voraus, sie mit dem Putzfahrzeug hinterher – oder umgekehrt.

«Die Stadt ist so schön am Morgen»

Am liebsten mag die Portugiesin – weder ihr Mann noch sie haben sich in den 31 Jahren seit ihrer Ankunft in den Bergen einbürgern lassen – die Frühschicht: Arbeitsbeginn um 4 Uhr morgens, Feierabend um 13 Uhr, dazwischen zwei halbstündige Pausen. «Die Stadt ist so schön am Morgen, wenn ich sie für mich alleine habe. Ich liebe das», sagt Cardoso. Aber eigentlich mag sie an ihrem Job fast alles, sogar den Schnee und die Kälte im Winter, die den Landsleuten in ihrem Team sehr zu schaffen machen.

Dass sie einen Beruf ausübt, den nur die wenigsten Schweizer gerne haben würden, stört sie nicht. Nur selten, sehr selten, komme es vor, dass sie Passanten bei der Arbeit von oben herab behandeln, sagt Cardoso: «Dann kann ich schon wütend werden.» Sie zeigt ihr finsterstes Gesicht. Viel öfter erlebe sie aber, dass sich Leute – vor allem junge – bei ihr dafür bedanken, dass sie diesen Job erledige. Die einzige Zürcher Strassenwischerin presst sich beide Hände aufs Herz, als sie das sagt. Es sind die warmen Momente des Lebens, die Maria Cardoso mit sich nimmt, nicht die kalten.