Märlitheater Zürich

Sie haben ein Herz für den Wolf: Märlitheater Zürich bringt auch dieses Jahr ein Grimm-Märchen

Das diesjährige Ensemble des Zürcher Märlitheaters führt «Rotchäppli» auf.

Das diesjährige Ensemble des Zürcher Märlitheaters führt «Rotchäppli» auf.

Das Märlitheater Zürich bringt auch in diesem Jahr mit «Rotchäppli» ein Märchen der Brüder Grimm auf die Bühne.

Winterzeit ist auch Märchenzeit, besonders im Theater. Dann öffnen sich viele Vorhänge für Jung und Alt, die in die Welt der Feen, Prinzessinnen und sprechenden Tiere entführt werden. Das Märlitheater Zürich bildet mit seinem neuen Stück keine Ausnahme: Mit «Rotchäppli» bringt es einen Klassiker der Brüder Grimm auf die Bühne und bleibt damit seiner Linie treu.
Denn das Märlitheater hat sich aus mehreren Gründen auf Grimm-Märli spezialisiert. «Es sind zum einen gehaltvolle Geschichten, die auch älteren Generationen noch bestens bekannt sind, zum anderen ist es sehr schön, wenn das Märchen gemeinsam mit den Enkelkindern erlebt werden kann», sagt Ruedi Haas, der für das Buch und die Regie verantwortlich ist.

Das Märlitheater wurde 1966 von Otto Dewald, dem damaligen Leiter des Bernhard-Theaters, als Schweizer Kinder- und Jugendtheater gegründet. Nach der Übernahme durch Rolf Kunz acht Jahre später wurden die Produktionen in der ganzen Schweiz gespielt. Im März 2006 übernahm Haas gemeinsam mit seiner Ehefrau Nicole Haas-Clerici die Produktionsleitung.
«Wir waren Ensemblemitglieder und als die Märli-Produktionen so einfach sang- und klanglos sterben sollten, starteten wir einen Versuch, diese Bühne am Leben zu erhalten», sagt Haas. Das funktionierte: Sie gründeten einen Verein, damit sie nicht mit dem Privatvermögen haften mussten, und produzierten mit «Rapunzel» ihr erstes Grimm-Märli.

Für Menschen zwischen 4 und 104 Jahren

«Rotkäppchen» gehört zu den am häufigsten interpretierten und parodierten Märchen überhaupt – und es ist auch eines der brutalsten. Selbst Hollywood hat die Geschichte als Horrorfilm mit dem Titel «Red Riding Hood» (2011) verfilmt. Dem ist sich auch Haas bewusst. «Wir versuchen, den zugegebenermassen brutalen Stellen auch ihre lustige Seite abzugewinnen.» Im Märlitheater ist der «böse Wolf» zudem nicht einfach nur böse und gefrässig, sondern er ist auch ein einsamer Wolf, eine Kreatur, mit der das Publikum ein bisschen Mitleid haben soll.

«Rotchäppli» ist abgesehen davon eine ganz besondere Geschichte für Haas. «Als Kind war ich furchtbar enttäuscht, dass der Wolf das Rotkäppchen gefressen hat. Umso mehr freute es mich, als es dann doch noch zu einem Happy-End kam, da war die Welt für mich wieder in Ordnung.»

Ruedi Haas

Ruedi Haas

Das Zürcher «Rotchäppli» sei ein Erlebnis für die ganze Familie, schliesslich will man Menschen «zwischen 4 und 104 Jahren» ansprechen, wie es in der Ankündigung heisst. Gespielt wird es in einer Dialektfassung. Das deshalb, weil sich der Dialekt hervorragend dafür eigne, Emotionen zu transportieren. «Wir erreichen die Herzen der Kinder und der Erwachsenen viel direkter, wenn wir so sprechen, wie uns der Schnabel gewachsen ist», sagt Haas. Die Schnäbel gehören in diesem Fall einem siebenköpfigen Ensemble bestehend aus Profi-Schauspielerinnen und -Schauspielern. «Mit unseren Produktionen haben wir einen professionellen Anspruch, da braucht es auch entsprechende Profis», sagt Haas.

Dies nicht nur auf der Bühne, sondern auch hinter den Kulissen. Die Technik, das Bühnenbild, die Kostüme, das Make-up oder die Choreografie liegen ebenfalls in den Händen von Profis. Dennoch sei eine jährliche Produktion auch ein Kraftakt. Es dauere mindestens eineinhalb Jahre für die Planung eines neuen Stücks. Selbst jetzt vor der Premiere denkt Haas bereits an das nächste Stück. Doch es lohne sich jedes Mal. «Die vielen glücklichen Kinderaugen am Ende der Vorstellungen geben uns recht, nicht von unserem Qualitätsanspruch abzuweichen.»

Die Musik ist der Trumpf der Produktion

Die Konkurrenz der Märchenproduktionen ist gross. «Das ist ein spezielles Kapitel», sagt Haas. Man nehme natürlich auf die anderen Anbieter Rücksicht oder spreche sich ab. «Ich erfuhr beispielsweise zu einem sehr späten Zeitpunkt, dass ein Konkurrent mit demselben Märchen herauskommen wollte wie wir. Da dieser sein Programm nicht ändern wollte, mussten wir sehr kurzfristig ein anderes Märchen aus dem Boden stampfen.»

Dies stand dem Erfolg des Märlitheaters jedoch nicht im Weg. Seit das Theater als Verein geleitet wird, konnte es fast jedes Jahr eine schwarze Null in die Vereinsrechnung schreiben. Dies ist aber nur dank Spenden und Sponsorengeldern möglich.

Ein Trumpf des Märlitheaters ist auch die Musik. Jede Produktion wartet mit Liedern auf, die – einem Musical ähnlich – in die Geschichte eingebunden werden. Auch das «Rotchäppli» kann auf Musik des Komponisten Andreas Rüber zählen. Dessen Lieder erwiesen sich als so beliebt, dass pro Produktion auch eine CD produziert wird. «Unsere CDs, die wir nach den Vorstellungen verkaufen, finden jeweils reissenden Absatz», sagt Haas. Lustig sei, dass viele Eltern beim Kauf der Musik erklären, sie wären froh um die neue CD. «Weil die Musik aus dem Vorjahr dauernd im Kinderzimmer abgespielt wird, erhalten die geplagten Elternohren nun etwas Abwechslung.»

Auf den sozialen Medien wird zudem fleissig Werbung für die Aufführungen gemacht. In diesem Jahr kamen neu eigens aufgenommen Podcasts dazu. «Zu jeder Figur aus dem Märchen gibt es einen Podcast, den man sich gratis bei Spotify herunterladen kann», sagt Haas. Diese Bettmümpfeli-Geschichten seien sehr beliebt bei jungen Märchen-Fans.
Am Samstag findet die Zürcher Premiere in der Bethel-Kapelle statt. Die Chrischona-Kirche avancierte zur Heimbühne für das Märlitheater und passt dank ihrer Architektur, die einem Märchenschloss ähnelt, perfekt zu dessen Produktionen.

Gespielt wurde «Rotchäppli» aber bereits zweimal in Andelfingen und Russikon und es wird nach den Aufführungen in Zürich, die bis Ende Dezember andauern, landesweit auf Tournee gehen.

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