Für junge Menschen ist es heute selbstverständlich, zur Kamera zu greifen und sich damit festzuhalten. Vor nicht allzu langer Zeit waren selbst produzierte Videos freilich noch etwas Exotisches – und boten eine geradezu revolutionäre neue Kommunikationsmöglichkeit.
Über diese Anfänge der Videotechnik zeigt das Landesmuseum eine neue Ausstellung: Rebel Video – Eine Generation in Bewegung.

Dazu wurden Porträts von 15 verschiedenen Filmschaffende der 70–er und 80–er Jahren aufgenommen. Von allen wurden jeweils zwei Filme ausgesucht, die es in Ausschnitten auch online zu sehen gibt. Gedreht wurden sie in Basel, Bern, Lausanne und Zürich, einige stammen auch aus London. Prominente Themen sind Polizeigewalt, der Opernhauskrawall und natürlich Hausbesetzungen.

So sieht man auf einem Video meterlange Papierschnäbel, die von Hausbesetzern durch Züri-Trams getragen werden. Grosszügig hin- und hergeschwenkt verfehlen sie es nicht, einige Fahrgäste zu irritieren. Man sieht die Papierschnabel-Tragenden, wie sie trotzig in der besetzten Liegenschaft ausharren – oder sich auf Reiterstatuen verliebt umschmeicheln. Im Hintergrund laufen Chansons und die aufmüpfigen Rocksongs der 80er-Jugend.

Auf einmal filmte jeder

In einem anderen Video werden Aufnahmen von Wasserwerfern und knüppelschwingenden Polizisten gezeigt. Dazugeschnitten sind Politiker, welche die Szenen mit abwiegelnden Kommentaren versehen: Die Polizisten, sagen sie, machen ja nur ihre Arbeit. Um die Gewaltexzesse weiter zu veranschaulichen, wird ein Interview mit einem Demonstranten gezeigt. Dieser berichtet von einer Gehirnerschütterung, die er davongetragen habe. Ähnliche Protestvideos finden sich heute überall in den sozialen Netzwerken.

Besonders amüsant ist ein Video der Schweizer Frauenbewegung. Mit künstlicher Emphase echauffieren sich darin Bundesrätinnen über die Untervertretung von männlichen Parlamentariern. Den Passanten versichern sie grossmütig, dass diese schon noch einmal zum Zug kommen werden. Alle Videos erlauben nebenbei einen Einblick in die Mode, Musik und die Szenenkultur der damaligen Zeit.

Die Beispiele zeigen, dass die Video-Generation der 80er-Jahre das neue Medium geschickt für seine Zwecke auszunutzen wusste. Die kulturellen Umwälzungen dieser Zeit liessen sich auf einmal in all ihrer Dynamik festhalten. Nicht zuletzt verstand man es, sie von der Strasse direkt in die Stuben zu projizieren. So liessen sich die Rufe nach mehr kulturellen Freiräumen, weniger Polizeigewalt und dergleichen nicht länger überhören. «Was aufgenommen wurde, konnte bereits am nächsten Abend gezeigt werden», sagt Heinz Nigg, Autor dieser Ausstellung. «Die Leute waren zum ersten Mal imstande, ihr eigenes Fernsehen zu produzieren.» Auf einmal war es nicht mehr nur den Regisseuren und Fernsehmedien vorbehalten, Filme zu drehen. Vielmehr konnte plötzlich jeder eine Kamera in die Hand nehmen und eine Szene seiner oder ihrer Wahl festhalten. Das bürgerliche Film-Monopol war gebrochen.

Es werden bei der Ausstellung nicht nur politische Videos gezeigt. Auch experimentelle Kunstvideos gibt es zu sehen. Zum Beispiel ein aufwendig gestalteter Video-Comic, in dem ein Privatdetektiv auf Verbrecherjagd geht; auch lässt sich die Nachstellung einer Star-Trek-Szene bestaunen oder ein durchweg genialer Zusammenschnitt verschiedener Fernsehshows. Inwiefern nun sind diese alten Dokumente für die heutige Zeit noch relevant?

Die Fragestellungen, die damals aktuell waren, sind es in wenig abgeänderter Form auch dieser Tage noch. «Auch heute müssen wir uns fragen, welche Rolle die Medien spielen», so Nigg. Mehr denn je seien wir dazu aufgefordert, eine eigene Öffentlichkeit zu bilden, nicht nur passiv die traditionellen Medien zu konsumieren. Zu diesem Zweck, sagt Nigg, muss man sich aber auch entsprechende Kompetenzen aneignen. Die Werke der Video-Pioniere können uns da durchaus etwas Anschauungsunterricht geben.