Am Abend des 6. Februars 1826 wird Regula Walder auf offener Landstrasse von einem Unbekannten überfallen. Sie wehrt sich heftig und kann so eine «Notzucht» - im heutigen Sinne eine Vergewaltigung - verhindern. Mithilfe ihres Retters Heinrich Meyer gelangt sie mit einer Anzeige an den Gemeindeammann.

Ein Angeklagter ist schnell gefunden: Dass ein gewisser Konrad Wild sich an verschiedenen Stellen - vergeblich - um ein Alibi für just diesen Abend bemüht hatte, ist verdächtig. Als dann noch Walders Beschreibung ihres Angreifers auf Wild passt, handelt die Justiz schnell: Die Kantonspolizei verhaftet ihn am 15. Februar, am 18. Mai wird er, der «Notzucht» schuldig, verurteilt.

Diese Gerichtsakte (1615) berichtet von einem Mann, der «eine schändliche Tat» an einem zehnjährigen Mädchen verübt hatte und für die «grosse Leichtfertigkeit» eine harte Strafe verdiene.

Diese Gerichtsakte (1615) berichtet von einem Mann, der «eine schändliche Tat» an einem zehnjährigen Mädchen verübt hatte und für die «grosse Leichtfertigkeit» eine harte Strafe verdiene.

Die Strafen waren hart

Dieses Beispiel aus dem Buch «Sexualisierte Gewalt 1500 - 1850» zeigt, dass Fälle von gewalttätigen sexuellen Übergriffen im Stadtstaat Zürich nicht auf die leichte Schulter genommen wurden. «Kam es zu einem Gerichtsfall, war eine Verurteilung die Regel», sagt die Autorin Francisca Loetz, Professorin für Geschichte der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Zürich.

Und die Strafen für überführte Notzüchtiger fielen hart aus: soziale Stigmatisierung, Geldstrafen, Verlust des aktiven Bürgerrechts, Verbannung aus der Stadt oder dem Untertanengebiet, mehrjährige Freiheitsstrafen. In den Fällen, die Loetz untersuchte, gab es zudem keine einzige Begnadigung.

Anders als bei heutigen Gerichtsverfahren stand im alten Zürich die Ehre der Geschädigten im Vordergrund. Psychische Traumata seien zwar auch damals registriert worden, waren für die Justiz aber irrelevant. «Die Vorstellung, was die Integrität einer Person ausmacht, war eine andere als heute», erklärt Loetz.

Francisca Loetz

Francisca Loetz

So mögen beispielsweise Fälle, in denen ein Opfer ihren Peiniger nach der Tat heiratete, heutzutage befremdend scheinen. Für die Frau konnte dies jedoch die einzige Lösung sein, um ihre Ehre zu retten. So hatte in einigen der wenigen Fälle, in denen eine nachträgliche Eheschliessung gerichtlich beordert wurde, denn auch die Frau darauf geklagt. «Die Eheschliessung war eine Form der Wiedergutmachung,» so Loetz.

Auch Opfer begingen «Sünde»

Der historische Begriff «Unzucht» umfasst alle sexuellen Handlungen, die ausserhalb der Ehe stattfanden oder nicht dem Zweck des Kinderkriegens dienten. Ob dies freiwillig oder erzwungen geschah, war dabei nicht ausschlaggebend. Denn auch der Schuldbegriff war zu jenen Zeiten ein anderer: «Wer Unzucht beging, beging eine Sünde», so die Historikerin.

Im Buch werden neben Vergewaltigungen an Erwachsenen auch Fälle von Kindsmissbrauch behandelt. Darunter fiel laut
Loetz alles «von einer Hand, die zu weit geht bis zur gewaltsamen Penetration». Im Fall einer Verurteilung fielen die Strafen gleichsam harsch aus. In der Sprache der Zeit wurden die Kinder durch sexuelle Übergriffe «moralisch vergiftet», sie waren anfällig für weitere «Sünden». «Deshalb waren die Gerichte sehr bedacht, solche Fälle konsequent zu ahnden», so Loetz.

245 Gerichtsfälle offensichtlicher sexualisierter Gewalt aus dem Stadtstaat Zürich - der ungefähr die Grenzen des heutigen Kantons umfasst - hat Loetz in den Beständen des Staatsarchivs aufgespürt, 51 im Zeitraum von 1500 bis 1800 und knapp 200 zwischen 1800 und 1850. «Das heisst nicht, dass nach 1800 häufiger vergewaltig wurde als zuvor», so Loetz, «sondern nur, dass sich mehr Personen an ein Gericht wandten».

Hohe Dunkelziffer

Im Vergleich zu heute sind diese Zahlen verschwindend klein. Denn Loetz konnte nur diejenigen Fälle untersuchen, die juristische Spuren hinterlassen haben: «Die Gerichtsakten, die ich studiert habe, sind nur eine ganz kleine Spitze der Fälle, die es gegeben haben muss.» Wie viele sexuelle Übergriffe aussergerichtlich, zum Beispiel durch eine Abfindung oder eine nachträgliche Eheschliessung, geregelt, und wie viele aus Angst vor Ehrverlust gar nie gemeldet wurden, darüber kann Loetz nur spekulieren. Doch sie ist überzeugt: «Die Dunkelziffer muss riesig sein.»

Mit ein Grund für die hohe Dunkelziffer ist wohl auch die Beweislast, die klar zulasten des Kindes oder der Frau fiel. «Und das in einer Zeit, in der Frauen immer schon im Verdacht standen, mitschuldig zu sein», gibt Loetz zu bedenken. Wer einen sexuellen Übergriff nachweisen wollte, musste klare Kriterien erfüllen: Das Opfer musste vor Ort gefunden worden sein, zerzaustes Haar, zerfetzte Kleidung und Verletzungen aufweisen und geschrien haben. «Wer nicht gekämpft und geschrien hat, hat in der Logik der Zeit sein Einverständnis gegeben,» erklärt Loetz. «Sonst hiess es schnell: ‹Sie wollte ja eigentlich doch, auch wenn sie Nein gesagt hat› - ein Stereotyp, das wir bis heute kennen.»

Prostitutionsvorwurf als Ausrede

Als häufig beobachtetes Argument der Verteidigung nennt Loetz denn auch angebliche Verwechslungen mit Prostituierten. Denn als entehrte Frauen konnten Prostituierte nicht genotzüchtigt werden: «Das war juristisch schlicht nicht vorgesehen.» In einem Fall wurde sogar gegenüber einem sechsjährigen Mädchen der Prostitutionsvorwurf geäussert. Er habe ihm doch einen Batzen gegeben, soll der Angeklagte zu Protokoll gegeben haben - allerdings erfolglos. Andere Fälle bestätigten laut Loetz, dass dieses Argument auch im alten Zürich selten ein schlagendes war.