In der Beratungsstelle Castagna in Zürich finden sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche Hilfe. Dies geschieht meist anonym. «Die Mädchen vertrauen uns, darum sind wir meistens die erste Anlaufstelle für sie», sagt Regula Schwager, Psychotherapeutin und Co-Leiterin von Castagna. Sie erlebt hautnah, was es für Jugendliche bedeutet, einem Gewaltverbrechen zum Opfer zu fallen. «Ein Viertel unserer Beratungen decken sexuelle Gewalt durch jugendliche Täter ab», so Schwager. Dieser Anteil der Fälle sei alarmierend.

Eine neue Studie der Kriminologischen Forschungseinheit der ETH Zürich zu Gewalterfahrungen Jugendlicher im Kanton Zürich zeigt zwar auf, dass Jugendliche heute gesamthaft weniger gewalttätig sind als noch vor einigen Jahren (die Limmattaler Zeitung berichtete). Raub und Erpressung hätten deutlich abgenommen. Rund ein Viertel der Jugendlichen in Paarbeziehungen gab an, im vergangenen Jahr physische Gewalt durch ihren Partner oder ihre Partnerin erlitten zu haben.

Trotzdem sei aber der Rückgang bei sexueller Gewalt an Minderjährigen am wenigsten deutlich. Gemäss Studie sind seit 2007 rückläufige Raten zu beobachten, allerdings beträgt diese Reduktion nur rund ein Viertel. Gerade bis Mitte der 2000er-Jahre war die sexuelle Gewalt jene Form der Jugendgewalt, die am deutlichsten zugenommen hatte.

Anonymität gibt Sicherheit

Dass die Studie nur einen geringen Rückgang verzeichnet, erstaunt Regula Schwager nicht. Sie könne in der Beratungsstelle Castagna keinen Rückgang beobachten. Wieso das so ist, kann Schwager nur vermuten. «Einerseits kommen viele der jungen Opfer zuerst zu uns, weil wir Anonymität gewährleisten», so Schwager. Meldet man sich nämlich bei der Polizei, würden die Eltern informiert.

Die meisten Jugendlichen wollen dies vorerst vermeiden. Viele schämen sich anfänglich für das, was sie erlebt haben. Einigen fällt es schwer, zuzugeben, dass sie sich nicht wehren konnten. Die Beratungsstelle helfe dem Opfer zu verstehen, dass die Schuld allein beim Täter liegt. «Einige nehmen über Monate hinweg unsere Beratung in Anspruch, bis sie dazu bereit sind, die Eltern miteinzubeziehen oder sogar eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten», sagt Schwager.

Auch Bernhard von Bresinski, Berater in der Jugendberatung Blinker im Limmattal, weiss, dass es den Jugendlichen schwerfällt, sich helfen zu lassen. «Vor allem über sexuelle Gewalt oder Viktimisierung zu sprechen, ist für Jugendliche viel stärker schambesetzt, als nicht-sexuelle Übergriffe zu thematisieren», sagt er. Dennoch nutzten immer mehr Jugendliche die Beratung Blinker als erste Anlaufstelle im Limmattal, um Gehör zu finden.

Gewalt sei eines der häufigsten Themen in den Beratungen, aber in allen Facetten: verbale und körperliche Gewalt, Opfer und Täter, Zeugen von Gewalt. Häufig seien Jugendliche lange sehr ambivalent, bevor sie über sexuelle Übergriffe sprechen. Auch Fachpersonen von Regelinstitutionen wie Schulen und Fachstellen würden oft zu zögerlich mit dem Thema umgehen.

«In der Jugendberatung können Jugendliche Fuss fassen, Vertrauen aufbauen. Dies, ohne sich zu outen oder Anzeige erstatten zu müssen», sagt Bresinski. Trotz guter Gesetzgebung und spezialisierten Stellen im Bereich des Kinderschutzes seien sexuellen Übergriffe an Kindern und Jugendlichen alarmierend hoch und würden oft auch von Gleichaltrigen ausgehen.

Jugendliche erleben einen Kick

Schwager vermutet, dass der Grund dafür Macht ist. Sie sei die Triebfeder von sexueller Gewalt unter Jugendlichen. «Vielen Jugendlichen – die meisten männlich – verleiht die Ausübung von Macht einen Kick», meint sie. Zudem könnten Jugendliche in der Pubertät sehr wohl abschätzen, was sie mit einer Gewalttat beim Opfer anrichten. Schwager ist darum überzeugt, dass die sexuelle Gewalt aus genau diesen Gründen nicht so schnell nachlassen wird.