Zurich Pride
«Sexuelle Orientierung ist ein häufiger Fluchtgrund» - und soll anerkannt werden

Mit dem Motto der diesjährigen Zurich Pride fordert der gleichnamige Verein, dass sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität als Fluchtgrund anerkannt wird.

Lina Giusto
Merken
Drucken
Teilen
An der Zurich Pride stehen in diesem Jahr homo- und transsexuelle Flüchtlinge im Fokus.

An der Zurich Pride stehen in diesem Jahr homo- und transsexuelle Flüchtlinge im Fokus.

Keystone

Die Zurich Pride ist der grösste Anlass der Schweiz, der sich für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Menschen mit Transidentität (kurz: LGBT) einsetzt. Als Höhepunkt marschieren am Samstag wieder Tausende an der Kundgebung vom Münsterplatz bis zum Kasernenareal mit. Zum Abschluss findet dort seit über 20 Jahren das gleichnamige Festival statt. Vorgängig fanden in der Pride-Woche vom 2. bis zum 11. Juni diverse Fachtagungen, kulturelle Anlässe und Open-Air-Konzerte zum Thema der LGBT-Flüchtlinge statt. Im Gespräch erklärt Alan David Sangines, Vizepräsident und Politverantwortlicher von Zurich Pride sowie SP-Gemeinderat der Stadt Zürich, wofür der Verein in diesem Jahr seine Stimme erhebt.

Herr Sangines, das Motto der diesjährigen Zurich Pride lautet «Sicherheit für LGBT-Flüchtlinge» – warum dieser Slogan?

Alan David Sangines: Wir befinden uns nach wie vor in einer sogenannten «Flüchtlingskrise». Noch nie waren seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Was viele nicht wissen: Viele Flüchtlinge müssen ihre Heimat wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität verlassen.

Was meinen sie damit?

In über 70 Ländern der Welt sind homosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt. Das kann für Betroffene Gefängnis, Folter und teilweise sogar die Todesstrafe bedeuten. Deshalb sind LGBT in ihren Heimatländern nicht sicher und müssen flüchten. Darauf wollen wir mit unserer Demonstration die Bevölkerung, wie auch die Behörden aufmerksam machen.

Alan David Sangines Seit 2013 ist Sangines Vizepräsident des Zurich Pride Vereins und zuständig für das Ressort Politik. Der 30-jährige Wirtschaftsrechtler mit lateinamerikanischen Wurzeln ist seit 2010 für die SP im Gemeinderat der Stadt Zürich.

Alan David Sangines Seit 2013 ist Sangines Vizepräsident des Zurich Pride Vereins und zuständig für das Ressort Politik. Der 30-jährige Wirtschaftsrechtler mit lateinamerikanischen Wurzeln ist seit 2010 für die SP im Gemeinderat der Stadt Zürich.

Zur Verfügung gestellt

Warum ist das notwendig?

Das Thema wird auch hierzulande öffentlich kaum angesprochen. Immerhin führt seit ein paar Jahren das Staatssekretariat für Migration Schulungen im Umgang mit LGBT-Flüchtlingen durch, um im Asylbereich auf das Thema aufmerksam zu machen. Es braucht aber aus unserer Sicht noch viel mehr solcher Sensibilisierungsmassnahmen.

Sind denn LGBT-Flüchtlinge hier nicht anerkannt?

Die Schweiz hat ein restriktives Asylgesetz. Sexuelle Orientierung wird im Asylgesetz nicht explizit als Fluchtgrund anerkannt. Viele Asylsuchende werden mit der Begründung abgewiesen, dass ihnen in ihren Heimatländern noch nichts passiert ist, obwohl bekannt ist, dass Homosexualität dort strafbar ist. Zudem sind LGBT-Flüchtlinge in den Asylzentren Diskriminierung und Übergriffen ausgesetzt. Betroffene haben es schwierig, in unserer Gesellschaft Anschluss zu finden. Zum einen weil sie sich schämen und ihre Orientierung verstecken wollen. Zum anderen fehlen ihnen die finanziellen Mittel, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können.

Wie kann man LGBT-Flüchtlinge denn besser schützen?

Sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität müssen als Fluchtgrund im Asylgesetz explizit verankert werden. Laut Gerichtshof der Europäischen Union ist es nicht tragbar, dass von Asylsuchenden verlangt wird, dass sie sich in ihrem Heimatland diskret verhalten und ihre sexuelle Orientierung verstecken müssen. Zudem würde es den hier ankommenden Asylsuchenden helfen, mit Broschüren oder Flyern über Anlaufstellen und Communities wie Menschenrechtsgruppen informiert zu werden. Dort könnten sie anonym und diskret über ihre Rechte informiert werden.

Warum ist diese Aufklärungsarbeit notwendig?

Fachleute beobachten, dass sich viele Flüchtlinge bei der Erstbefragung, die wenige Stunden oder Tage nach Ankunft erfolgt, nicht trauen, über ihre sexuelle Orientierung und damit über ihren wahren Fluchtgrund zu reden. Oft kommt dieses Thema erst später im Asylverfahren auf, was von den Behörden dann oft als nachgeschobener Fluchtgrund interpretiert wird. Um LGBT-Flüchtlinge vor allfälligen Übergriffen in den Asylzentren zu schützen, sollten sie in separaten Wohngruppen untergebracht werden können. In Berlin und München wird das bereits erfolgreich so umgesetzt.

«Die Tatsache, dass wir im Jahr 2017 an so vielen Fronten für Gleichberechtigung kämpfen müssen, ist eine Frechheit.»

Alan David Sangines, Vizepräsident Zurich Pride Sowie SP-Gemeinderat Stadt Zürich

Das Asylgesetz berücksichtigt frauenspezifische Fluchtgründe wie die Zwangsheirat oder Beschneidung. Was fordern Sie für LGBT explizit?

Das Asylgesetz akzeptiert Politik, Religion und Rasse als Fluchtgrund. Der Wortlaut im Gesetz müsste um sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität ergänzt werden oder einen entsprechenden Zusatz, wie dies bei frauenspezifischen Fluchtgründen richtigerweise der Fall
ist.

Sie kritisieren, dass über das Thema zu wenig offen gesprochen wird. Wie kann sich das ändern?

Wenn man LGBT-Flüchtlingen gesetzlich anerkennen würde, gäbe es einen besseren Rechtsanspruch und damit bekäme das Thema einen höheren Stellenwert. Die Behörden müssten sich zwangsläufig vermehrt damit auseinandersetzen. Zudem braucht es Vereine, die mit Kampagnen immer wieder auf das Thema aufmerksam machen. Unsere Zivilbevölkerung soll LGBT-Flüchtlinge aktiv integrieren und sie darin bestärken, zu sich zu stehen und sich so zu akzeptieren, wie sie sind. In unserer Gesellschaft, die sehr privilegiert ist, darf nicht vergessen gehen, dass Menschen in anderen Ländern wegen der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität verfolgt werden.

Gibt es dazu politische Vorstösse?

Wir haben am Mittwoch einen Vorstoss im Gemeinderat der Stadt Zürich eingereicht, der fordert, dass LGBT-Flüchtlinge separate Unterkünfte erhalten. Damit könnte Zürich für die Schweiz eine Vorbildfunktion einnehmen. Die Menschenrechtsgruppe Queeramnesty wird im Rahmen der Zurich Pride, also an der Demo und dem anschliessenden Festival, Unterschriften für eine nationale Petition sammeln, die einen besseren Schutz von LGBT-Flüchtlingen fordert.

Wofür steht die Pride?

Unser Verein kämpft für die absolute Gleichstellung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Trans-Menschen. Mit unserer jährlichen Demo und dem Fest erinnern wir die Bevölkerung daran, dass es uns gibt. Wir sind keine Menschen zweiter Klasse. Gerade die Schweiz hat hier noch einen grossen Nachholbedarf. Deshalb setzen wir uns beispielsweise auch für das Adoptions- und das Eherecht gleichgeschlechtlicher Paare ein. Zudem fordern wir Schutz vor Diskriminierung. Während Rassismus unter Strafe steht, wird Homophobie rechtlich nicht sanktioniert.

Das klingt nach vielen Baustellen. Wo müsste am dringendsten angesetzt werden?

All diese Themen sind dringend. Die Tatsache, dass wir im Jahr 2017 an so vielen Fronten für Gleichberechtigung kämpfen müssen, ist eine Frechheit. Im europäischen ILGA-Ranking liegt die Schweiz im hinteren Mittelfeld. Das Ranking beleuchtet die Rechtslage von LGBT. Wir sind darin gleichauf wie Bosnien und liegen hinter Ländern wie Albanien oder Montenegro.

Für viele asylsuchende LGBT ist die Pride der schönste Tag im Jahr. Warum?

Wir hören von ihnen immer wieder, dass sie an diesem Tag mit Gleichgesinnten auf der Strasse zeigen können, wie sie sind.