Zürich
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nach wie vor ein Tabu – neue Online-Beratung hilft

Zum Geburtstag des Gleichstellungsgesetzes lancieren vier Organisationen eine anonyme Beratungswebsite – weil das Thema noch auf vielen Seiten verunsichert.

Lina Giusto
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Mit belästigt.ch gibt es ab dem 1. Juli für die Deutschschweiz ein professionelles, anonymes Online-Beratungsangebot. Beraten werden sowohl Arbeitnehmende als auch Arbeitgeber. (Symbolbild)

Mit belästigt.ch gibt es ab dem 1. Juli für die Deutschschweiz ein professionelles, anonymes Online-Beratungsangebot. Beraten werden sowohl Arbeitnehmende als auch Arbeitgeber. (Symbolbild)

Keystone

Anzügliche Bemerkungen über das Äussere einer Person, unerwünschte Körperkontakte oder aufdringliches Verhalten, aber auch sexistische Äusserungen, das Versenden von pornografischem Material per SMS oder E-Mail und Einladungen mit Versprechen von womöglich beruflichen Vorteilen oder Androhung von Nachteilen fallen unter den Begriff der sexuellen oder sexistischen Belästigung. Sie tritt in Form von subtilen Verhaltensweisen bis hin zu strafrechtlich relevanten Tatbeständen wie Nötigung, Erpressung oder Erzwingen von sexuellen Beziehungen sowie Vergewaltigung auf.

Wie die jüngste Erhebung des Nationalen Forschungsprogramms NFP 60 zeigt, hat ein knappes Drittel der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten eine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Zuhause oder in der Öffentlichkeit erlebt.

Nach wie vor schätzen Experten die Hürde, sich bei sexueller Belästigung an Beratungsstellen oder Vertrauenspersonen zu wenden, als sehr hoch ein. Dies obwohl es seit der Einführung des Gleichstellungsgesetzes 1996 klare gesetzliche Schutzbestimmungen gibt, die die Diskriminierung im Erwerbsleben verbieten.

Pünktlich zum 21. Geburtstag des Gesetzes geht deshalb am 1. Juli das Beratungsportal belaestigt.ch online. Lanciert wird die Informationsplattform von der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, dem Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, der Frauenberatung Sexuelle Gewalt Zürich und der Gewerkschaft Unia. Letztere setzten sich für die Rechte der Arbeitnehmenden ein: "Dazu gehört neben anständigen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen auch der Schutz der Persönlichkeit - und damit der Schutz vor sexueller oder sexistischer Belästigung", sagt Katja Signer, Sprecherin der Gewekschaft Unia.

Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, sagt, weshalb es diese Plattform braucht: «Sexuelle Belästigung ist nach wie vor tabuisiert. Betroffene haben Hemmungen, das Erlebte zu beschreiben und schämen sich, darüber zu reden.»

Dass das Thema in breiten Teilen der Gesellschaft noch belächelt wird, so als handle es sich um ein Hirngespinst, zeigt für Derungs die Debatte #SchweizerAufschrei, die sich vergangenen Oktober in den Sozialen Medien ausbreitete.

Ausgelöst wurde sie durch eine Aussage der Berner SVP-Politikerin Andrea Geissbühler, die sich über Vergewaltigungen äusserte. Gemäss der Politikerin seien gewisse Frauen selber Schuld, würden sie vergewaltigt. In der Folge entbrannte eine Debatte über Sexismus im Alltag.

Wie üblich nach einem Sturm, ist auch hinsichtlich dieser Diskussion medial wieder Ruhe eingekehrt. Dies dürfte für Betroffene sexueller Belästigung aber kaum zutreffen.

Unklarheit auf vielen Seiten

Oft sind Fälle der sexuellen oder sexistischen Belästigung komplex, haben sich für Betroffene, angefangen mit harmlosen Äusserungen, schleichend zu einer schweren Belastung im beruflichen wie auch privaten Umfeld hin entwickelt, so Derungs. Vielen falle es schwer, sich aufgrund von Hierarchie- oder Machtverhältnissen zu wehren.

Mit der Plattform belaestigt.ch habe man ein einfach zugängliches Portal geschaffen, wo anonym Fragen gestellt oder Geschichten erzählt werden können. «Über die Plattform bieten wir eine Anlaufstelle für erste Einschätzungen, klären über Rechte auf und vermitteln Adressen für ausführlichere persönliche Beratungen», erklärt Derungs das Angebot der Website.

Notwendig erscheint diese Beratungsmöglichkeit auch vor dem Hinblick, dass die meisten der Betroffenen negative Konsequenzen für ihr Arbeitsverhältnis befürchten. Mehrfach schon wurden Fälle bekannt, dass belästigte Personen in Firmen versetzt oder gar freigestellt wurden. Derungs sagt dazu: «Für Arbeitgebende und Führungskräfte ist das Thema anspruchsvoll. Deshalb sollen sie sich bei uns Unterstützung holen, sich über die rechtlichen Vorgaben wie auch über den Umgang mit allen Beteiligten informieren. Beispielsweise auch wenn es darum geht, ein herausforderndes Gespräch vorzubereiten.»

Mit der Plattform belaestigt.ch schliesse man eine Lücke, da sie einfach und für alle Personen einfach zugänglich sei. Anfragen werden vom Beratungsteam innerhalb von drei Arbeitstagen in über zehn Sprachen (Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Bosnisch, Kroatisch, Serbisch) beantwortet.