Es rumorte nicht laut, aber es rumorte zumindest spürbar in der Zürcher SVP: Die Bekanntgabe der Kandidatur von Roger Köppel als Nationalrat sowie die Nomination von Hans-Ueli Vogt als Ständerat mochte den einen oder anderen fuchsen.

Denn zum einen bedeuten sie Konkurrenz um die begehrten Listenplätze, zum anderen entfachte sich darob erneut die Diskussion um die von Wohlgesinnten als «verdiente Politiker», von Kritikern als «Sesselkleber» betitelten Langzeitparlamentarier in Bern. Sollten sie zurücktreten und damit die insbesondere durch Köppel neu gewürzte Suppe ein wenig entschärfen?

Im Zentrum der Frage: die 68-jährigen Toni Bortoluzzi und Hans Fehr, der 67-jährige Max Binder und der 62-jährige Ernst Schibli. Gestern nun teilte Binder an der Delegiertenversammlung des Zürcher Bauernverbandes seinen Entscheid mit: «Ich chume nüme!»

Er sei nicht amtsmüde, sagt der Landwirt aus Illnau. «Ganz im Gegenteil. Aber ich möchte es auch nicht werden.» Die Politik habe sein Leben und das seiner Familie mitbestimmt und davon möchte er sich nun lösen. Den Entscheid habe er schon letzten Herbst getroffen, betont Binder: «Ich habe mich völlig frei von jeglicher Beeinflussung entschieden.»

Binders Verzicht kommt für die Zürcher SVP dennoch zu einem günstigen Zeitpunkt. Denn sowohl für Vogt wie auch Köppel sind in Bern Sitzplätze vorgesehen, welche – ohne zusätzlichen Wählergewinn – auf Kosten anderer gehen. Binder äusserte sich dazu in der Vergangenheit schon dezent kritisch und auch gestern merkte er an: «Weder Forderungen von Journalisten oder ‹Listenstürmerinnen und Listenstürmern› haben mich beeindruckt, sondern absolut kaltgelassen.»

Während Binder den Sessel nun räumt, will Hans Fehr nochmals antreten und auch bei Toni Bortoluzzi deutet alles darauf hin. Auch Ernst Schibli bleibt nach Anfrage bei seinem Entscheid, nochmals anzutreten. Er habe sich zu keiner Zeit von der kantonalen Partei unter Druck gesetzt gefühlt und halte auch von der Kritik an den Kandidaturen nichts: «Quereinsteiger gab es schon immer und Köppel sowie Vogt sind hervorragende Kandidaturen.»

Fragen bei allen Parteien

Die Aufgabe von Alt-Nationalrat Hans Rutschmann und seiner Listenkommission bei der Zürcher SVP bleibt aber auch nach Binders gestriger Ankündigung anspruchsvoll. Doch nicht nur bei der SVP wird es zu spannenden Monaten kommen. Auch in anderen Parteien stellt sich die Frage nach der Zukunft altgedienter Politiker und Politikerinnen und der Chance für den Nachwuchs.

Bei der SP rumorte es, als diese vor fünf Jahren mit Blick auf die letzten nationalen Wahlen die Hürde für Sesselkleber erhöhte. Dieses Mal entschärft sich die Situation zwar von selbst, da Andreas Gross und Jacqueline Fehr sich aus der nationalen Politik zurückziehen. Allerdings stellt sich die Frage, wer für die beiden auf die guten Plätze kommt.

So nominierte die SP Winterthur letzthin unter anderem die junge Kantonsrätin Mattea Meyer gegenüber der Kantonalpartei für den Nationalrat. Für Meyer ist es wichtig, dass die Politik nicht nur von den immer gleichen «Platzhirschen wie derzeit bei der SVP» geprägt ist: «Niemand ist unersetzlich. Es braucht immer wieder neue Köpfe». Ihre Partei habe aber einen guten Umgang mit diesem Thema.

Auch bei den Freisinnigen und den Grünliberalen würden, falls die Ständeratskandidaturen von Ruedi Noser (FDP) respektive Martin Bäumle (GLP) erfolgreich sein sollen, bei gleichbleibenden Wähleranteilen Listenplätze frei. Weniger die Köpfe, sondern das Geschlecht ist momentan das grosse Thema bei den Grünen: Seit 2011 liegt der Frauenanteil der Zürcher Grünen in der grossen Kammer bei null Prozent. Unlängst forderte die Stadtzürcher Partei darum mindestens eine Frau vor den drei Bisherigen Glättli, Girod und Vischer.

Vischer wiederum wird nach den Kantonswahlen von kommendem Wochenende sagen, ob er nochmals antritt. Das Gegenteil zu den Grünen bezüglich Frauenanteil ist übrigens die Zürcher CVP: Mit Barbara Schmid-Federer und Kathy Riklin kommen sie auf eine Nationalrätinnen-Quote von 100 Prozent. Beide werden nochmals antreten.