Dass ein Tierarzt wegen Tierquälerei angeklagt ist, kommt selten vor. «Ich fühle mich wie ein Lehrer, dem vorgeworfen wird, pädophil zu sein», sagte der Beschuldigte bei der gestrigen Verhandlung. Tierquälerei sei ein schlimmer Vorwurf für einen Tierarzt. «Moralisch leide ich darunter.»

Der 62-Jährige beantragt beim Gericht einen Freispruch. «Ich habe aus tierschützerischer, ethischer und wirtschaftlicher Sicht anständig und vernünftig gehandelt.» Sein Ziel sei gewesen, das Kalb zu retten und die Kuh von ihren Leiden zu befreien. «Ich bin Tierarzt geworden, um Tieren zu helfen», verteidigte sich der Beschuldigte.

Kuh töten, Kalb retten

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Tierarzt vor, dass er das hochträchtige, schwer verletzte Rind unnötigerweise von einem Bauernhof zum Schlachthaus transportiert hat. «Dadurch musste das Rind erhebliche Ängste, Schmerzen und Leiden aushalten», heisst es in der Anklageschrift. Richtig wäre laut Staatsanwaltschaft gewesen, wenn der Tierarzt das Rind vor Ort betäubt und entblutet und es erst danach zum Schlachthaus gebracht hätte.

Der Beschuldigte erzählte, was sich an jenem Tag im vergangenen Dezember abgespielt hatte: «Der Bauer bemerkte, dass eines seiner Rinder im Stall nicht mehr aufstehen konnte. Deshalb kontaktierte er mich.» Der Beschuldigte habe sich daraufhin zum Bauernhof begeben und eine Verdachtsdiagnose gestellt: Becken- oder Oberschenkelfraktur. Das Tier hatte dadurch keinerlei Überlebenschancen. «Meine Aufgabe war es dann, die Kuh so schnell wie möglich aus ihrer misslichen Lage zu befreien und das Kalb zu retten.» Ausserdem sei es seine Pflicht als Nutztierarzt, der Kuh als Nutztier gerecht zu werden. Heisst: Der Beschuldigte wollte sicherstellen, dass das Fleisch des Tieres noch verwertet werden konnte.

Es gab vier Möglichkeiten

Nun boten sich dem erfahrenen Arzt vier Möglichkeiten. Massnahme eins: Das hochträchtige Rind durch Injektion eines überdosierten Narkosemittels töten. «Das lebensfähige, ungeborene Kalb wäre dadurch auch getötet worden und das Fleisch der Kuh hätte nicht verwertet werden können.» Massnahme zwei: Das Rind an ein Tierspital überweisen. «Die Kuh wäre auf dieselbe Weise ins Spital gebracht worden, wie das beim Transport zum Schlachtlokal der Fall gewesen ist.» Das Kalb wäre dadurch gerettet und das Fleisch der Kuh verwertbar gewesen. «Für den Bauern wären dabei unnötige Kosten entstanden.» Massnahme drei: Einen Metzger suchen und beiziehen. «Dieser hätte das Tier direkt im Stall betäubt und entblutet sowie das Kalb herausgeholt. «Aus hygienischen Gründen wäre das Fleisch der Kuh danach aber nicht mehr nutzbar gewesen, da die ganze Bauchhöhle bereits geöffnet gewesen wäre.» Ausserdem sei es schwierig, so schnell einen Metzger aus der Region aufzubieten.

Der Tierarzt entschied sich letztlich für Massnahme vier: Das Tier in ein Schlachthaus transportieren, mit Bolzenschuss betäuben, entbluten, das Kalb retten und das Fleisch bereitstellen. «Ich musste unter Zeitdruck eine Entscheidung treffen. Letztlich habe ich richtig gehandelt.»

Dann fand man Knochensplitter

Der Beschuldigte staunte nicht schlecht, als er zwei Monate später von der Veterinärpolizei informiert wurde, dass eine Anzeige gegen ihn vorliegt. Der Grund: Eine Tierärztin des kantonalen Veterinäramts fand im Zuge einer Fleischschau bei der betroffenen Kuh Knochensplitter in der Hüftgelenkspfanne. Ausserdem sei der Oberschenkelkopf unauffindbar gewesen. Für den Beschuldigten ist klar: «Das beweist nicht, dass das Tier vor seinem Tod massive Ängste, Leiden und Schmerzen erlitten hat.» Als das Fleisch untersucht worden sei, habe es schon zwei Tage im Schlachthaus gehangen. «Die Knochenschäden könnten ebenso während oder nach dem Schlachtprozess entstanden sein.» Die Argumentationen des Veterinäramts und der Staatsanwaltschaft würden sich auf Annahmen und Vermutungen stützen.

Nun ist es Aufgabe des Gerichts herauszufinden, ob die Kuh vor ihrem Tod vorsätzlich oder fahrlässig misshandelt, vernachlässigt, unnötig überanstrengt oder deren Würde in anderer Weise missachtet wurde. Kann das bewiesen werden, ist der Straftatbestand der Tierquälerei erfüllt.

Während des rund dreistündigen Prozesses versuchte der Richter zu erfahren, wie gross die Schmerzen des Tieres wirklich gewesen sind. Der Beschuldigte blieb hartnäckig und gab stets die gleiche Antwort: «Die Kuh hat weder akustische noch optische Anzeichen von Schmerzen gezeigt.»

«Schmerz ist subjektiv»

Bei der Befragung durch den Staatsanwalt – das war vor zwei Monaten – sagte der Tierarzt noch: «Das Tier hatte bestimmt Schmerzen. Das haben Frakturen so an sich.» Der Richter wollte wissen, woher der plötzliche Sinneswandel komme. «Sie wollen mich mit den Schmerzen festnageln und verurteilen. Es ist aber lediglich eine Annahme, dass das Rind leiden musste. Schmerz ist subjektiv und kann gerade bei Tieren nur sehr schwer eingeschätzt werden», lautete die Antwort des sichtlich verärgerten Beschuldigten.

Der 62-Jährige führte weiter aus, dass ein Nutztier nicht mit einem Haustier zu vergleichen sei: «Der Verwendungszweck eines Rindes ist das Erzeugnis von Fleisch und Milch.» Das Wohlergehen müsse während der Haltung gewährleistet sein, gilt jedoch nicht als absolut und werde durch den Verwendungszweck unterwandert.

Der Staatsanwalt, der auf eine Teilnahme bei der Hauptverhandlung verzichtete, fordert einen Schuldspruch wegen vorsätzlicher oder zumindest fahrlässiger Tierquälerei. Bis ein Urteil gefällt wird, dürfte es noch einige Monate dauern. Das Gericht klärt nun ab, ob das Verfahren bereits entscheidungsreif ist oder ob es noch weitere Beweisabnahmen braucht. «Es ist kein alltäglicher Fall», sagte der Richter zum Schluss der Verhandlung.