Fall Flaach
Selbstmord von Natalie K. - Für das Amt lag keine Gefährdung vor

Die Justizdirektion nimmt Stellung – warum Natalie K.s Briefe aber unbeachtet blieben, bleibt unklar.

Oliver Graf
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Psychologische Gutachten und Briefe liessen für die Justizdirektion nicht auf Suizidgefahr schliessen.

Psychologische Gutachten und Briefe liessen für die Justizdirektion nicht auf Suizidgefahr schliessen.

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Zweimal nahm die 27-Jährige, die am 1. Januar in Flaach ihre beiden Kinder erstickt und sich am vergangenen Freitag in ihrer Einzelzelle das Leben genommen hatte, im Untersuchungsgefängnis Zürich «Vorbereitungshandlungen zum Suizidversuch» vor. Dies bestätigte gestern das kantonale Amt für Justizvollzug.

Allerdings liegen diese «Zwischenfälle»zeitlich schon etwas zurück. Gemäss dem Amt, das zur Justizdirektion gehört, ereigneten sie sich unmittelbar, nachdem Natalie K. aus der geschlossenen psychiatrischen Klinik Rheinau zum weiteren Vollzug der Untersuchungshaft nach Zürich überstellt worden war. Das war Ende April. Und, wie die Justizdirektion in ihrer Stellungnahme festhält, seien sogleich Massnahmen ergriffen worden: «Sofort nach Bekanntwerden der Vorfälle richteten die Gefängnisleitung und die zuständigen Psychiater ein Betreuungssetting ein, das die Ausführungsgefahr suizidaler Handlungen deutlich einschränkte.»

Die Frau wurde insbesondere in eine der Sicherheitszellen verlegt, die derart spartanisch eingerichtet sind, dass keine Selbsttötungen möglich sein sollten.

Diese Massnahme ist «sehr freiheitseinschränkend», hält das Amt für Justizvollzug fest. Das bedeutet: Sie wird nur bei dringendem Handlungsbedarf angewendet. Im Fall der jungen Mutter sei dieses Setting nach kurzer Zeit wieder aufgelöst worden, «da keine konkreten Hinweise für eine akute Suizidgefährdung vorlagen». Und seither hat sich für das Amt an dieser Einschätzung offenbar nichts geändert: «Die letzte psychiatrische Konsultation beziehungsweise Einschätzung fand am 5. August statt.»

Keine Antwort zu aktuellem Brief

In ihrer langen Stellungnahme weist die Justizbehörde zahlreiche Vorwürfe zurück, die über das vergangene Wochenende aufgekommen waren. Sie geht dabei nicht auf die Aussagen der Anwältin von Natalie K. ein, die vor rund drei Wochen wegen suizidalen Gedanken ihrer Mandantin Alarm geschlagen haben soll.

Bekannt geworden sind auch Briefe der jungen Frau an ihre Eltern und an ihren im Gefängnis sitzenden Mann. Letzterem hat sie am Mittwoch, 5. August, geschrieben, dass sie an jenem Tag eigentlich ein Notfall-Gespräch mit einem Psychiater gehabt habe. «Er hat sich fünf Minuten Zeit genommen. Wie immer hat er nicht zugehört und mich nicht ernst genommen.» Sie habe ihm gesagt, dass sie das nächste Tief eventuell nicht überleben werde, da sie jetzt keine Hoffnung mehr habe, heisst es im Brief, den der «Blick» publizierte.

Vom Inhalt dieser Schreiben hatte die Justizdirektion Kenntnis. Die Briefe von Untersuchungshäftlingen werden von der Staatsanwaltschaft gelesen, um sie gegebenenfalls zensieren zu können. Dies um zu verhindern, dass die einsitzende Person Einfluss auf Zeugen oder weitere Beteiligte nimmt. Die Justizdirektion bestätigte gestern: «Falls die Staatsanwaltschaft aufgrund von Hinweisen aus kontrollierten Briefen die Gefängnisleitung auf eine allfällige Suizidgefahr hinweist, so trifft die Gefängnisleitung (...) Massnahmen.»

Die Untersuchung läuft

Ob nun die Staatsanwaltschaft im Fall Natalie K. entsprechende Hinweise weitergeleitet hat oder dies – aus welchen Gründen – nicht getan hat, geht aus der Stellungnahme nicht hervor. Dies sei Gegenstand der laufenden Untersuchung der Staatsanwaltschaft, sagt Jessica Maise, stellvertretende Mediensprecherin beim Amt für Justiz. Und ob für Natalie K. in den Tagen vor ihrem Tod besondere Massnahmen angeordnet waren, könne das Amt «aufgrund des Arztgeheimnisses und des laufenden Ermittlungsverfahrens nicht sagen». Gegenüber dem SRF-Regionaljournal sagte Amtsprecherin Rebecca de Silva: «Ob wir unser Mögliches getan haben, ob es Unterlassungen gegeben hat, ist Gegenstand der Untersuchungen.»

In ihrer Stellungnahme weist die Justizdirektion verschiedene Vorwürfe zurück. Dass sich Natalie K. am Ende in einer Einzelzelle befunden habe, sei auf ihren eigenen Wunsch erfolgt. Zudem sei sie nach ihrer Verhaftung zunächst während vier Monaten in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden. Auch im Gefängnis sei sie interdisziplinär betreut worden.

«U-Haft nicht härter als anderswo»

Verschiedene Experten sowie Vertreter von Häftlingsorganisationen haben in den vergangenen Tagen das Zürcher Gefängniswesen kritisiert; insbesondere die Untersuchungshaft sei im landesweiten Vergleich besonders hart ausgestaltet. Laut Jessica Maise sei «die Untersuchungshaft im Kanton wohl nicht generell strenger als anderswo». Allenfalls seien «einzelne Elemente der Ausgestaltung» härter, dafür böten sich im Kanton aufgrund der Grösse auch Vorteile, etwa im Bereich der medizinischen Versorgung und der Beschäftigung der Insassen. «Bestimmt wird in der nächsten Zeit eine vertiefte Auseinandersetzung zu diesem Thema stattfinden. An dieser Diskussion werden wir sicherlich teilnehmen.»