Kinderspital
Selbst Hand anlegen nimmt die Angst

Der Weg ins Spital ist oft mit Unsicherheit und Ängsten verbunden. Um diese bei kleinen Patienten abzubauen, führt das Kispi Zürich das Teddybärspital durch

Heinz Zürcher
Merken
Drucken
Teilen
In der Teddybärenklinik
5 Bilder
Am Operationstisch dürfen sich die Kindergärtler wie Chirurgen fühlen. Medizinstudenten helfen, die Wunden der Stofftiere zu nähen und zu verbinden.
Spielerisch werden die Kinder in die Welt des Spitals eingeführt.
Das Teddybärenspital wurde vor sieben Jahren ins Leben gerufen.
Auch den Medizinstudentinnen und -studenten, die im Teddybärenspital als "Dr. Teds" fungieren, bringt das Angebot etwas: Sie lernen dabei die Arbeit mit Kindern.

In der Teddybärenklinik

MARC DAHINDEN

Orki hat sich verletzt, die Schwanzflosse ist gebrochen. «Er ist mit einem anderen Fisch zusammengestossen», sagt Mischa. Doch der Kindergärtler hat Glück. Instruiert von einer Medizinstudentin, darf er seinem Plüsch-Wal einen Gips verpassen. In ein paar Tagen sollte sein Kuscheltier wieder fit sein.

160 Kinder haben sich dieses Jahr für das Teddybärspital angemeldet. An zwei Tagen empfängt das Kinderspital Zürich Kindergärtler, um ihnen die Welt der Operationstische und grünen Gewänder näher zu bringen, um ihnen die Angst vor Spritzen, Röntgenmaschinen und Schläuchen zu nehmen.

Dazu schlüpfen die Kinder selber in die Rolle der Ärzte. Jedes wird von einer Medizinstudentin oder einem Medizinstudenten, den Dr. Teds, begleitet. Nach der Patientenaufnahme untersuchen die Kinder das mitgebrachte Stofftier gründlich. Die Minnie Mouse hat angeblich den Fuss gebrochen, der Teddybär ist vom Baum gefallen und das Einhorn klagt über Bauchweh. Je nach Erkrankung wird Fieber gemessen, Blut entnommen oder die Röntgenstation besucht.

Mailänderli-Tabletten

Die Geräte haben Studenten nachgebaut. Seit das Teddybärspital vor sieben Jahren ins Leben gerufen wurde, sind Postenlauf und Instrumente stetig erweitert worden. An einer Kartonbox mit bunten Kabeln werden die Plüschtiere angeschlossen, um die Herzfrequenz zu messen. Auf einem Brett mit Rollen werden sie in die MRI-Röhre geschoben.

Pharmastudenten der ETH betreuen die Apotheke und versorgen die Patienten mit Sirups und Mailänderli in Tablettenform. Beliebtester Posten ist der Operationstisch. Mit grüner Schürze, Haube und Mundschutz ausgerüstet dürfen sich die Kinder fühlen wie Chirurgen. Beatmungsmasken und Infusionsstangen sind in Griffnähe, damit Berührungsängste abgebaut werden.

Von der Begegnung mit den Kindergärtlern profitieren auch die Dr. Teds. Dan Busenhart, Student der Zahnmedizin im vierten Jahr: «Die Kunst besteht darin, in kurzer Zeit mit dem Kind kommunizieren zu können – und dabei das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.» Sein Rezept? «Ich habe keins. Ich glaube einfach, dass man ein gewisses Flair dafür mitbringen muss.»

Mehr Erfahrung hat Pflegeberaterin Chantal Etter. Der Umgang mit jungen Patienten ist ihr Alltag. Ideal sei, wenn sich Kind und Eltern auf den Spitalaufenthalt vorbereiten könnten, sagt Etter. In der Kardiologie, wo sie tätig ist, können Kinder vor geplanten Eingriffen die Intensivstation besuchen, Herzkatheter anfassen oder einen Ärzte-Spielkoffer nach Hause nehmen.

Die Rolle der Eltern

Bei mehr als der Hälfte aller Eintritte kommen die Kinder jedoch notfallmässig ins Spital. Dann ist es von Vorteil, wenn die Kinder schon einmal bei Dr. Ted waren oder ein vergleichbares Angebot nutzten (siehe Kasten). «Je früher, desto besser», sagt Etter.

In Situationen, in denen wenig Zeit bleibt, um auf das Kind einzugehen, sind ein gutes Gespür und Erfahrung gefragt. «Manche Ärzte benutzen Plüschtiere, andere einen gewöhnlichen Kugi – jeder hat seine eigene Methode.» Ein weiterer Trick, etwa bei einer Blutentnahme: Zuerst Mami oder Papi die Hand hinstrecken lassen. Der Einbezug der Eltern sei entscheidend. Nicht selten hätten sie mehr Angst als das Kind. «Was sie brauchen, müssen wir genauso bedenken. Eltern und Kind sehen wir als Einheit.»

«Ja, es wird wehtun»

Je nachdem, welches Spitalbild Eltern ihrem Kind vermittelten, verhalte es sich beim Eintritt. Etter hat schon Kinder erlebt, die sich auf das Spital freuten. Andere hingegen verweigerten die Behandlung. In solchen Fällen würden manchmal nur noch Beruhigungsmittel helfen. Wichtig sei, niemandem etwas vorzumachen. Auf die Frage nach den Schmerzen ehrlich zu antworten: «Ja, es wird wehtun.»

Das verarztete Plüschtier unter dem Arm, verlassen die Kindergärtler nach eineinhalb Stunden intensiver Behandlung den Teddybärspital. Draussen wartet der letzte Posten auf sie. Der Rettungssanitäter des Kinderspitals ist mit seinem Fahrzeug vorgefahren. Jedes Kind darf einen Blick in den Wagen und die Führerkabine werfen. Und natürlich darf auch das Sirenengeheul nicht fehlen.