Vor 150 Jahren stand das Kinderspital zwar noch nicht. Aber 1868 wurde die Eleonorenstiftung gegründet, die bis heute privatrechtliche Trägerin ist des Universitäts-Kinderspitals Zürich. Der in Mailand tätige Zürcher Arzt Conrad Cramer spendete 50'000 Franken zur Gründung der Stiftung, die den Namen seiner verstorbenen Frau tragen sollte. 1874 eröffnete das Kinderspital in Zürich Hottingen mit 30 Betten und trug der Erkenntnis Rechnung, dass kranke Kinder anders behandelt und betreut werden mussten als Erwachsene. So wollte man die erschreckend hohe Kindersterblichkeit senken und gleichziehen mit anderen Städten, wo bereits Kinderspitäler eröffnet worden waren.

Allerdings konnte nur ein Teil des geplanten Hauptgebäudes fertiggestellt werden, da die gespendeten Gelder nicht ausreichten. Geldnot und Kapazitätsknappheit ziehen sich durch die 150-jährige Geschichte des Kinderspitals, wie Martin Vollenwyder, heutiger Präsident der Eleonorenstiftung, gestern vor den Medien sagte.

Kranke Kinder abgewiesen

Die bewegte Geschichte um das Wohl der kleinen Patienten zeichnet ein neues Buch, geschrieben vom Historiker Matthias Wiesmann, nach. In Zeitepochen eingeteilt, feiert die Publikation nicht primär «die grossen Namen», wie Vollenwyder sagt. Vielmehr beschreibt Wiesmann die Entwicklungen in der Medizin und in der Pflege sowie den Wandel vom prioritären Behandeln von Krankheiten zum Familienspital. Dies hat stetige Neubaupläne und Anpassungen in der Organisationsform mit sich gebracht.

Die ersten Jahre des Kinderspitals waren geprägt von Infektionskrankheiten. So wurde 1874 die Hälfte der im Kispi gestorbenen Kinder Opfer der Diphtherie. Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpfte das Spital gegen Pocken, Masern, Keuchhusten und Kinderlähmung, da noch keine genügend grosse Isolierstation vorhanden war. Um 1910 mussten schwerkranke Kinder sogar abgewiesen werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten viele Krankheiten dank besserer Medikamente und Behandlungen schneller geheilt werden. So konzentrierte das Kispi sich auf kompliziertere Fälle wie Herzfehler, Schädel- und Gehirntraumata und Verbrennungen nach Unfällen. So wurde es bald zum heutigen Zentrum mit hoch spezialisierten Fachleuten.

Die Ärzte haben dabei einen Gesinnungswandel vollzogen: «Vom Heiler über den Instruktor zum Coach, der nicht mehr der Star ist, sondern den Patienten selber das Goal schiessen lässt», wie Felix Sennhauser, Medizinischer Direktor, sagte. Mit einher ging die Zunahme der Technik, die mehr Geld und Platz beanspruche, es aber möglich mache, Neugeborene abschliessend zu operieren, da die Instrumente für kleine Kinder angepasst wurden. Das Verständnis der Ärzte wandelte sich laut Sennhauser, dass «ein Kind heute als zufriedenes Individuum mehr ist als die Summe gesunder Organe».

Unehrenhafter Beruf

Eine sehr enge Beziehung zu den Patienten hatten bereits in der Anfangszeit die sogenannten Wärterinnen. Im Sinne von Stiftungsgründer Cramer setzte das Kinderspital zuerst auf konfessionsunabhängige Pflegerinnen. «Es war ein unehrenhafter Beruf, zu dem oft ehemalige Gefängnisinsassinnen oder Mittellose genötigt wurden», sagte Bettina Kuster, Direktorin Pflege am Kispi.

Das mangelnde Wissen der Wärterinnen führte dazu, dass bald in der Krankenpflege ausgebildete Diakonissen eingestellt sowie Pflegeschülerinnen ausgebildet wurden. Die Frauen arbeiteten pausenlos, lebten im Spital und hatten alle zwei Wochen einen Nachmittag frei. Kein Wunder, wurden sie oft zum Mutterersatz für die kranken Kinder.

Dies auch daher, weil die Eltern sehr lange nur dreimal eine Stunde pro Woche zu Besuch ins Spital kommen durften. Diese Besuchszeiten wurden zwischenzeitlich wegen des hohen Infektionsrisikos auch noch reduziert. Erst in den 1970er- und 1980er-Jahren wurden die Besuchszeiten stetig verlängert und schliesslich ganz abgeschafft. Heute werden die Angehörigen in die Behandlung miteinbezogen, was aber auch zur kommunikativen Herausforderung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde. Heute verstehe sich das Kispi ganz selbstverständlich als Familienspital, sagt Felix Sennhauser. Als solches wird es bald die drängendsten Kapazitätsprobleme lösen: Am 4. April findet der Spatenstich zum Neubau statt. Voraussichtlich 2022 wird das Kinderspital seinen alten Standort verlassen und in die Lengg ziehen.