Limmattal
Sehnsucht nach Sonne im Herzen

Seit 112 Jahren gibt es den Chor Missione Cattolica di Lingua Italiana und sorgt damit für ein Stück Italien in Zürich.

Gabriele Spiller
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Sehnsucht nach Sonne im Herzen

Sehnsucht nach Sonne im Herzen

Limmattaler Zeitung

Unter Gleichgesinnten fühlen sich Italienischsprechende nicht allein. Der fröhliche Chor ist nur eine der Aktivitäten der Missione Cattolica.

An einem trüben Donnerstagnachmittag, nur einen Steinwurf von der Langstrasse entfernt, kommt südländische Lebensfreude auf. Im Centro Familiare der Missione Cattolica di Lingua Italiana setzt der Chor «I Romantici» zum Gesang an. «Und singt mit geöffnetem Mund» instruiert der Chorleiter die zwölf Frauen und vier Männer, «wir sind auf einem Fest und nicht auf einer Beerdigung.» Es folgt das Lied von den «Scarpette ricamate», den bestickten Schuhen, mit denen die Senioren tanzen gehen wollen.

Unterstützt werden sie dabei von Lucio Poggiani, 85, dem Akkordeonspieler. Wie lange er schon dabei ist, weiss er nicht mehr, aber die zwei Proben wöchentlich sind Pflichttermine.

Stärke aus der Gemeinschaft

Als er 1949 aus Oberitalien nach Zürich kam, gab es die katholische Mission in Aussersihl schon 51 Jahre. Ihre Gründung ist auf die aggressiven Demonstrationen der Bevölkerung gegen die damals 18000 in Zürich lebenden italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter zurückzuführen.

Viele suchten ausserhalb der Stadt Zuflucht oder kehrten wieder in die Heimat zurück. Zwei Wochen später, am 15. August 1896, versammelte der Priester Don Luraghi die Immigranten zur Gründung eines katholischen Vereins, der seit 1898 als Gemeinde von Salesianer-Patern des Ordens Don Bosco geführt wird.

Die Missione Cattolica bietet Betreuung für Kinder und Jugendliche, Verlobte und Frischvermählte, Eltern und Ältere an. Alida Lironi ist die Leiterin des Familienzentrums, 40 Freiwillige unterstützen sie bei der Sozialarbeit. An diesem Nachmittag greift Lironi zum Mikrofon und betet mit den rund 90 Besuchern im Gemeinschaftsraum.

Ein Kruzifix und eine mit kleinen Lichtern umkränzte Madonna sind neben der Cafétheke angebracht. An den vorderen Tischen sitzen ausschliesslich Frauen, an den hinteren, wo eben noch heftig Karten gespielt wurde, die Männer. Die Anwesenden bekreuzigen sich.

Frau Lironi hebt eine Postkarte aus Rimini in die Höhe: Don Giovanni, der die Zürcher Mission jahrelang begleitet hat und jetzt weiterziehen musste, schickt einen Gruss. Applaus. Die Gemeinde stimmt für ihn die Melodie «Malinconia» an. Der Seelsorger war hier sehr beliebt. Die Ordensmänner bleiben normalerweise nur sechs Jahre bei einer Mission und müssen dann anderen Priestern Platz machen.

Leben für die Mission

Alida Lironi ist jedoch eine Konstante. In einer Chronik findet man die dreijährige Alida schon auf einem Foto des Kinderhorts. 1958 übernahm sie als Jugendbeauftragte administrative Aufgaben und lebt seitdem für die Mission. Eigene Kinder hat sie nicht. «Das ist mein Weg», sagt sie. Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, wäre das ein noch grösserer Raum für die Gemeinschaftsarbeit.

Ein Softdrink kostet hier einen Franken, Alkohol wird nicht ausgeschenkt, ausser einem Gläschen Wein an einem Festtag. Geraucht werden darf auch nicht, und schon gar nicht um Geld gezockt. «Darüber sind die Frauen froh», erzählt Lironi. In der Casa Italia, die das Konsulat betrieb, kam es beim Spielen häufig zu Streitigkeiten.

Im Zentrum ist jede Nation willkommen, jedes Alter und jede Religion. Nur italienisch sollte man können. «Unsere Leute sprechen kein Deutsch.» Aber es ist bezeichnend, dass Lironi bereits Schweizerdeutschkurse angeboten hat. Sie hält Kontakt zu Ärzten, die Vereinsamte ins Centro schicken. Nächste Woche will Lironi einen Mann aufsuchen, von dem sie gehört hat, dass er verwahrlose. Sie möchte versuchen, dass er ihr die Tür öffnet. «Ich allein mache gar nichts», sagt die resolute Frau, «ich hole meine Kraft aus dem Gebet.»