Mein Ding: Männerchor
Sechser machte er im Singen

In der Rubrik «Mein Ding» stellen Limmattaler ihre Leidenschaft vor. So auch Jürg Hiltmann, der ein passionierter Sänger ist und seit zwei Jahren als Präsident des Schlieremer Männerchors wirkt.

Fabienne Eisenring
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Jürg Hiltmann (57) mit seinen Notenblättern und Vereins-Shirt in Schlieren.

Jürg Hiltmann (57) mit seinen Notenblättern und Vereins-Shirt in Schlieren.

Fabienne Eisenring

«In einen Chor lasse ich mich nicht schleppen», sagte Jürg Hiltmann 1989 zu seinen Kollegen, als sie ihn auf die Schnupperproben des Männerchors Schlieren hinwiesen. Überreden liess er sich dann doch – zum Glück: «Es war ein berauschendes Erlebnis. Ich sass inmitten des Chors und hörte rund um mich 55 kräftige Stimmen singen. Das übermannt einen», erinnert sich Hiltmann. Seither ist der heute 57-Jährige, der heute mit seiner Frau in Uitikon wohnt, im Schlieremer Männerchor aktiv. Seit dem Jahr 2016 amtet er als dessen Präsident.

Hiltmann wurde in eine musikalische Urdorfer Familie hineingeboren. Zu Hause habe man viel gesungen. Der Vater, der einen kleinen Chor leitete, habe schon gesagt, wenn ein Ton falsch war. Wie seine vier Geschwister musste der kleine «Tschüge» ein Instrument lernen. Mit dem Klavier freundete er sich aber auch nach acht Jahren Unterricht nicht an: «Es ist nicht dasselbe, lernen zu müssen und lernen zu wollen.» Wenn er in der Schule einen Sechser machte, sei das im Singen gewesen – nicht in Mathematik. Hiltmann zündet sich eine Zigarette an und sinniert: «Vielleicht ist es ein Naturtalent?» Seine Stimme habe er in keinem Kurs geschliffen. Auch das Rauchen schade ihr nicht. Als neues Mitglied teilte ihn der Dirigent damals in den ersten Bass ein. Dann gab es eine Lücke im ersten Tenor. Doch: «Da musste ich immer würgen», so Hiltmann. Im Alter würde die Stimme tiefer, ihr Volumen und ihr Umfang kleiner. Heute singt er im zweiten Bass.

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Chorsänger auf Beizentour

Hiltmann mag Musik in vielen Facetten: als Pop, Schlager, Klassik, leicht, schwer – alle Stile haben ihren Reiz. Singen ist zu seinem Lebenselixier geworden. Der gelernte Uhrmacher führt seit 24 Jahren eine Bijouterie in Zürich. Wenn er jeden Dienstagabend nach der Arbeit im Singsaal der Schule Hofacker mit dem Chor proben geht, sei das eine Ablenkung. Er werde stimmlich gefordert und könne mit den anderen auf ein Ziel – auf die vielen Konzerte an kirchlichen Anlässen, Festen, Gesangstagen oder in Seniorenzentren – hinarbeiten, so Hiltmann. Monatlich treten die Sänger spontan in einer Beiz auf; etwa im Nassacker, in der Krone oder im Stürmeierhuus. Das Repertoire des Männerchors ist umfassend, mindestens 20 Lieder können sie auswendig – von lustigen Weinliedern bis zu sakralen Stücken. «Letztere singen wir aber nicht in der Schankstube», sagt Hiltmann und lacht. Der Chor habe einige Fans, bekannte Gesichter sieht Hiltmann immer im Publikum. Heute werde er in Schlieren teils auf der Strasse erkannt.

Seit rund 20 Jahren gibt er auch als Vizedirigent den Takt an. Dann liegt es an ihm, vor einem Auftritt die Klangmassen zu organisieren, sprich: alle Register gleichmässig zu besetzen. Das Anstimmen, mit Stimmgabel oder -pfeife, ab und an auch mit einer Smartphone-App, gehört ebenfalls zu seinen Aufgaben. «Mit der Stimmgabel am Ohr sieht man zwar aus wie ein Ausserirdischer», meint Hiltmann, doch mit dem Anstimmen stehe und falle ein Lied. «Wenn der Männerchor Schlieren auftritt, erwartet das Publikum Qualität.» Vor einem Konzert rauche er, das helfe gegen die Nervosität.

Er sucht die Herausforderung

Die Passion ihres Präsidenten für schwierige Stücke teilen nicht alle im Chor. Wenn er eines von Wagners Chorwerken vorschlage, stöhnen einige auf. Doch «La Montanara», ein 1927 vom Italiener Toni Ortelli komponiertes Volkslied, singen sie wie ihr Präsident besonders gern. Das Stück ist mehrstimmig, mit variierendem Rhythmus und unterschiedlichen Tonlagen. Die Töne erheben sich mal leise und schwellen dann an zu einem gewaltigen Chor. Nötig sei dafür eine Ausgewogenheit, die aber nur zu erreichen sei, wenn in jedem Register etwa gleich viele Männer mit gleichem Stimmvolumen singen – und sie die Töne treffen. Es brauche mindestens zwei Sänger, um den Misston eines anderen auszugleichen, sagt Hiltmann. Allzu streng sei man aber nicht. «Wir sind ein Laienchor, wir sind nicht perfekt.» Dafür komme das Gesellschaftliche nicht zu kurz. «Ich hätte nicht gedacht, dass es so lustig ist bei euch», bekommt Hiltmann oft von Neuzugängern zu hören.

Obwohl 50 Mann stark, will sich der 135-jährige Chor mit Nachwuchs auffrischen. «Es wäre schön, wenn sich die jüngeren Männer einen Schupf geben würden», sagt Hiltmann. Sie könnten zu einer Schnupperprobe vorbeikommen. So wie er damals.