Landschaftsarchitektur
Sechs Jahre lang Pflanzen getestet: Tunnel in Schwamendingen wird grün

Das Winterthurer Büro Krebs und Herde gehört zu den erfolgreichsten Landschaftsarchitekten der Schweiz. Derzeit plant das Team mit der Einhausung Schwamendingen die Begrünung der spektakulärsten Baustelle in Zürich.

Deborah Stoffel
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Visualisierung: Einhausung Schwamendingen
Langfristiges Projekt: Flussraum Töss in Winterthur.

Thi My Lien Nguyen

Sechs Jahre lang hat das Landschaftsarchitekturbüro Krebs und Herde Pflanzen getestet, um herauszufinden, welche Arten über dem grossen Tunnel in Schwamendingen wohl klarkommen würden – auf einer dünnen Humusschicht von 30 bis 80 Zentimetern und ohne Bewässerung.

Für ihre Versuche hatten die Landschaftsarchitekten in Oerlikon eine Fläche von Grün Stadt Zürich zur Verfügung. Und dieses Experimentierfeld verfehlte die Wirkung nicht. Nach langer Suche steht nun fest, dass es dort, wo die letzten Jahrzehnte über eine laute Schneise Schwamendingen trennte, bald eine Pflanzenwelt geben wird, wie man sie vielleicht aus dem Wallis kennt: knorrige Bäume und Blumen, die mit einem steinigen Boden klarkommen.

Erkenntnisse haben einen Nutzen über Projekt hinaus

Eine solche «Bemusterung» ist in der Landschaftsarchitektur im Gegensatz zur Architektur die Ausnahme. Sie setzt viel Zeit voraus, und die hatte man im Projekt der Einhausung Schwamendingen, das sich über rund 15 Jahre erstreckt.

Mit dem Resultat der Planung sind die beiden Winterthurer Matthias Krebs und Stephan Herde rundum zufrieden. «Es wird das ganze Jahr über spannend sein, durch den neuen Parkstreifen zu spazieren.» Und die Erkenntnisse, die durch die langen Tests gewonnen wurden, hätten einen Nutzen weit über das Projekt hinaus, umso mehr als Wassermangel und Hitze in unseren Breitengraden zunehmen dürften.

Die Einhausung ist ein komplexes Infrastrukturprojekt, das allein die Stadt Zürich über 80 Millionen Franken kosten wird. Seit der Lancierung wurde der Betrag bereits mehrmals angepasst, weshalb der Kredit nochmals vors Volk muss. Unter anderem plant man heute mit mehr Schattenflächen, einem Pavillon und WC-Anlagen auf dem rund einen Kilometer langen Park.

«Wir gewinnen nur jeden zehnten Wettbewerb»

Für das Landschaftsarchitekturbüro Krebs und Herde mit 20 Mitarbeitenden ist das Parkband in Schwamendingen indes nur eines von rund 50 Projekten, an denen es derzeit arbeitet. Auch wenn die beiden sehr bescheiden auftreten – schaut man sich das Portfolio an, festigt sich der Eindruck, dass man es mit dem Platzhirsch zu tun hat.

Ob Salzhaus- und Kesselhausplatz in Winterthur oder Europaallee und SRF-Mediengarten in Zürich – kaum ein prominenter Aussenraum, der nicht die Handschrift von Krebs und Herde trägt. Hat das Büro keine Konkurrenz? Der Schein trüge, sagt Krebs. «Wir haben sogar eine sehr gute Konkurrenz. Wir gewinnen nur etwa jeden zehnten Wettbewerb.»

Die Tätigkeit der beiden reicht auch über die Landesgrenzen hinaus. Von der Stadt Hamburg wurden sie eingeladen, einen Wettbewerbsvorschlag für die Gestaltung des Parks Mitte in Altona einzureichen – und konnten prompt die Jury überzeugen. Der Umgang mit Wettbewerben und Aufträgen im Ausland sei selektiv, sagen Krebs und Herde. Dort, wo sich eine Chance biete, etwas zu gestalten, das in der Schweiz kaum möglich wäre, nehme man gern teil. Sonst fokussiere das Büro aber auf das Inland.

Erste Brunnen in Wien seit 30 Jahren

Auch für die Stadt Wien planen die Winterthurer einen Platz. «Da haben wir schon viel gelernt», sagt Krebs und lacht. In ihrem Wettbewerbsbeitrag hatten sie fünf Frischwasserbrunnen geplant, an verschiedenen Ecken des Platzes, die alle unterschiedlich aussehen und plätschern sollten. Das habe sie fast den Kopf gekostet.

«In Wien hat man in den letzten 30 Jahren keine neuen Brunnen gebaut. Wir mussten die Stadt erst einmal von der Idee überzeugen – und auch davon, dass dort Frischwasser und kein chloriertes Wasser fliesst.» Jetzt freuten sich die Wiener aber darauf. «Mit unserer Aussensicht haben wir etwas vorgeschlagen, das von einem Wiener Büro vielleicht nicht gekommen wäre.»

Am meisten Freude macht es den beiden, Grünräume dort zu gestalten, wo sie sich täglich bewegen, also in der Stadt Winterthur. Der Neubau am Bahnhof Töss der Architekten Kilga Popp ist so ein Projekt. «Der liegt gleich um die Ecke von meinem Zuhause, da haben wir uns natürlich besonders Mühe gegeben», scherzt Krebs. Für den Flussraum der Töss hat das Büro ein Leitbild entworfen, um daraus einen wilden Park in unmittelbarer Nähe der Stadt zu machen – und wurde dafür mit dem Architekturpreis Winterthur ausgezeichnet.

Die Projekte ziehen sich über Jahre hin

Ziel des Vorhabens ist es, den Flussraum über weite Strecken zu verbinden und so zusammenhängend erlebbar zu machen. Umgesetzt ist erst ein Teil: der Quartierpark Nägelsee, Flusstreppen aus Schotterbeton sowie etwas flussabwärts ein Schwemmsteg, der sich bei Hochwasser in Fliessrichtung öffnet. Dass sich das Projekt über viele Jahre hinzieht, sei eine Herausforderung, sagt Herde. «Um die nächsten Schritte umzusetzen, braucht es wieder die Initiative von politischer Seite, von Stadt und Kanton, und auch die Offenheit der privaten Anstösser.»

Ein Langzeitprojekt war auch die Europaallee. 2005 gestartet, ist es jetzt fertig respektive fast fertig. «Zwei Bäume fehlen noch», sagt Herde. Besonders an dieser Gestaltung sei gewesen, dass sie den Freiraum planen mussten, noch bevor die Architektur der angrenzenden Häuser feststand. Zudem seien die Ansprüche der Anstösser sehr verschieden gewesen. Alles habe mit ihnen verhandelt werden müssen. «Dabei haben die Leute unterschiedlich grosse Anwaltschaften, und das zu berücksichtigen, sehen wir auch als unsere Aufgabe», sagt Krebs.

Der Freiraum Europaallee muss extrem viel leisten können, und manchmal kann man nicht alle Wünsche erfüllen», sagt Herde. Dabei sei das ja eigentlich der Bahnhofplatz von Zürich. «Der Platz ist wie eine Bühne für Passanten, er hat eine Grossräumigkeit, die wichtig ist, wenn man ankommt in einer Stadt und sich orientieren will.» Auf die Gingko-Bäume, die das Büro als Kontrapunkt zur mächtigen Architektur pflanzen konnte, sei man besondres stolz, sagt Krebs. «Der Baum ist ja ursprünglich heimisch, den gab es in der Schweiz vor der Eiszeit.» Er sei unglaublich robust, halte extremen Temperaturen und Abgasen stand – und sei dazu noch sehr schön anzuschauen.

Es braucht Geld, einen Park zu unterhalten

Wenn die Städte ihre Aufenthaltsqualität steigern wollten, sei ein Bekenntnis der Politik nötig, sagen die beiden Landschaftsarchitekten. Sprich: Es braucht Geld. So etwa für den Unterhalt der intensiv genutzten Parkanlagen oder für das Alleenkonzept, das Krebs und Herde für Winterthur ausgearbeitet haben und das zur Kühlung des Siedlungsraums beitragen sollte.

Für sie stehe in den immer dichteren Städten die Gebrauchsfähigkeit der Freiräume im Zentrum, sagt Krebs. Aber sie wollten auch «schöne Räume schaffen und herauskitzeln, wie wir die Natur in die Stadt bringen können». Beispiele, die diese Herangehensweise dokumentieren, gibt es nun auch in einem Buch zu entdecken.

Das Fachmagazin «Hochparterre» hat dem Winterthurer Gespann eine eigene Publikation gewidmet, die diesen Herbst erschienen ist. Der Band bietet einen hintergründigen Einblick in die Landschaftsarchitektur.