Im Kanton Zürich steht die Politwelt kopf. Die viel besagte «Richtungswahl» zeigte hier in eine andere Richtung als auf eidgenössischer Ebene: Zwar konnten auch im bevölkerungsstärksten Schweizer Kanton SVP und FDP Sitzgewinne verzeichnen; die grosse Wahlsiegerin heisst aber unbestritten SP. Nicht nur konnte sie am Sonntag dank Proporzglück gleich zwei Nationalratssitze gutmachen. Mit Daniel Jositsch schaffte zum ersten Mal seit 32 Jahren auch ein SP-Politiker den Sprung ins Stöckli – auf Anhieb.

Einer hat davon besonders profitiert: Angelo Barrile, 39 Jahre alt, schweizerisch-italienischer Doppelbürger, oder, wie er sich selber gerne vorstellt: «schwuler, linker Kantonsrat und Hausarzt aus Zürich». Vom siebten Listenplatz gestartet, landete er am Ende auf dem zehnten Platz – wäre es bei den bisherigen sieben Nationalratssitzen der SP geblieben und wäre Jositsch die historische Wahl nicht gelungen: Barrile wäre abgeschlagen auf dem dritten Ersatzplatz gelandet.

Freilich: Seine Wahl auf Zufall und Glück zu reduzieren, würde Barriles langjährigem Engagement in der Politik nicht gerecht. Doch obwohl er seit 2010 für die SP im Zürcher Kantonsrat politisiert, ist sein bisheriger Bekanntheitsgrad, sagen wir mal, bescheiden. Dass er auf der Website des «Tages-Anzeigers» gestern als «Angelo Barille» angeschrieben wurde, erstaunte ihn deshalb wenig. Zumal sich viele Leute seinen Namen nur via Eselsbrücke mit dem berühmten italienischen Pastahersteller merken können. Selbst boykottiert Barrile die Marke, seit deren Chef mit schwulenfeindlichen Äusserungen einen weltweiten Shitstorm provozierte.

Fantasievolle_Giveaways_von_Politikern, Angelo Barrile teilt Spritzen-Kugelschreiber aus.

Fantasievolle_Giveaways_von_Politikern, Angelo Barrile teilt Spritzen-Kugelschreiber aus.

Einer, den alle mögen

Barrile ist ein ausgesprochen fröhlicher Mensch; er hat eine herzliche, gewinnende Art. Das sei auch ein Vorteil in der Politik, räumt er ein: «Es gibt einfach wenig Leute, die mich nicht mögen», sagt er lachend. Doch an diesem Montag nach der Wahl, scheint es, hat er besondere Mühe, die Mundwinkel unten zu behalten. Für seine Mutter, wie er später bemerken sollte, ist das künftige Nationalratsmandat ihres ältesten Sohnes zwar nicht gerade ein Aufstieg – «sie macht sich eher Sorgen darüber, dass ich deshalb mein Pensum als Hausarzt von 70 auf 50 Prozent reduzieren muss». Doch für einen, der als Sohn italienischer Arbeiter schwierigere Startbedingungen hatte als viele seiner künftigen Ratskollegen, ist die Wahl in die grosse Kammer schlicht überwältigend.

Nur einen Moment habe es bisher in seinem Leben gegeben, der ihn mit dem gleichen Glück erfüllt hatte wie jener, in dem die Stimmen endlich definitiv ausgezählt waren: der Moment, in dem er den roten Pass in Empfang nehmen konnte. Damals war er 20 Jahre alt. Seit seiner frühen Jugend am Weltgeschehen und seiner Umwelt interessiert, hatte es ihn immer gestört, als Ausländer in der Schweiz kein Mitbestimmungsrecht zu haben. «Ich selbst fühlte mich hier zwar immer zugehörig. Doch bis zur Einbürgerung sagte mein Status eben etwas anderes aus.»

Seine Eltern, beide aus dem Dorf Pietraperzia «in der tiefen sizilianischen Provinz», kamen in den 1970er-Jahren in die Schweiz. Barrile wuchs in Pfungen bei Winterthur auf, wo sein Vater bei der Ziegelei Keller am Fliessband arbeitete, bis diese geschlossen und er schliesslich ausgesteuert wurde. Auch die Mutter, in der Schule in Italien jeweils noch Jahrgangsbeste, war zeit ihres Lebens eine Chrampferin – als Angestellte in Spitalwäschereien, später als Putzfrau. Seine Familie beschreibt er als «relativ unpolitisch, aber weltoffen – wenn auch sehr wertekonservativ». Sein Coming-out als Schwuler war für die Eltern deshalb «ein harter Schlag». Mittlerweile hätten sie akzeptiert, dass ihr Sohn nie eine Frau nach Hause bringen wird – wie sie auch Marco Hardmeier, den Vizepräsidenten des Aargauer Grossen Rates, in der Familie vollständig akzeptiert haben. Seit über 17 Jahren sind die beiden liiert.

«Alle Menschen sind gleich»

Wie viele Secondos kennt Barrile die Hin- und Hergerissenheit zwischen alter und neuer Heimat, seit er klein ist: In Italien ist er der Schweizer, in der Schweiz der Italiener. Die gelegentlichen Misstöne dieses Umstands haben ihn geprägt. Und so steckt denn auch hinter all seinem politischen Handeln die tiefe Überzeugung, dass alle Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihrer Lebensweise, gleich sind – und gleiche Chancen verdienen. Für Barrile sind diese Sicht der Welt und ihre politischen Konsequenzen so selbstverständlich wie unverhandelbar. Auf der Wahlplattform Smartvote brachte ihm das gar den Rang als linkster aller Zürcher SP-Nationalratskandidaten ein.

In der Tat sind viele von Barriles Positionen im gegenwärtigen politischen Klima wenig mehrheitsfähig. Der 39-Jährige, der seine Schwerpunkte in der Gesundheits- und Migrationspolitik setzt, befürwortet etwa das Ausländerstimmrecht auf kommunaler Ebene oder die automatische Einbürgerung aller in der Schweiz geborenen Kinder. Auch will er sich in Bern für einkommensabhängige Krankenkassenprämien oder eine Entschärfung des Spitalwettbewerbs einsetzen. Wofür er hingegen schon eher Partner finden könnte, ist der Ausbau der medizinischen Ausbildung in der Schweiz, um dem Fachkräftemangel Einhalt zu gebieten.

SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr – in deren Fussstapfen Barrile als Zürcher SP-Gesundheitspolitiker im Nationalrat treten wird – ist zuversichtlich, dass er sich in Bern als «starke Stimme für ein soziales Gesundheitswesen» etablieren wird. «Er kennt sich als Arzt mit der Praxis aus und handelt stets aus Sicht der Patienten», sagt sie auf Anfrage. Fehr ist «überzeugt, dass er im Nationalrat bald eine prägende Rolle in diesem komplexen Dossier einnehmen wird» – etwa, wenn es darum gehe, «das Profitdenken im Gesundheitswesen in Schranken zu halten».

Skeptischer ist da FDP-Kantonsrätin Linda Camenisch, die Barrile aus der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (KSSG) kennt. Dort schätze sie ihn zwar «sowohl als Person als auch als Fachmann sehr»; seine Wahl in den Nationalrat sei «schade für die Kommission». Doch in Bern werde Barrile es kaum einfach haben – gerade, was eine Mitgliedschaft in der beliebten Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit, dem nationalrätlichen Pendant zur KSSG, betrifft. «Da wird er sich als Neuer hinten anstellen müssen – wie alle anderen auch.»

Dass ihm in der kommenden Legislaturperiode ein kalter Wind entgegenwehen wird, weiss Barrile selbst. Nach dem Rechtsrutsch vom Sonntag werden viele seiner Positionen von keiner Mehrheit geteilt werden. Beirren lassen will er sich davon aber nicht. «Ich bin kein Fähnchen im Wind», sagt er. Auch sei er sich ähnliche Kräfteverhältnisse von seiner Arbeit im Zürcher Kantonsrat gewohnt. Dort habe er auch gelernt, darob nicht zu verzweifeln. Denn «das Schlimmste» liesse sich häufig doch noch abwenden, «wenn man in den Kommissionen überzeugen kann».