Wenn die Schiffe der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) derzeit auf dem Zürichsee hornen, dann tun sie es lange: Vier Sekunden dauert das Tuten in Gefahrensituationen. Beim reinen An- und Ablegen dürfen die Schiffe ihr Horn hingegen nicht mehr betätigen. Diese 50-jährige Tradition hat durch die Beschwerde eines Stäfner Seeanrainers ein Ende gefunden: Die ZSG-Schiffe bleiben seit dem 5. Juli stumm, wenn sie die Schiffstationen anfahren.

Doch dass das Hornen beim An- und Ablegen ausbleibt, kann dazu führen, dass Bootslenker und Schwimmer erst spät Notiz von den Kursschiffen nehmen und so gefährliche Situationen hervorrufen. ZSG-Sprecherin Conny Hürlimann bestätigt auf Anfrage, dass es inzwischen öfters passiere, dass vier Sekunden lang gehornt werden muss. «Früher reichte der kurze Hornstoss, um die Aufmerksamkeit der Bötler zu erregen.»

Langer Bremsweg

Am Stäfner Steg, just in Nähe des Grundstücks des Beschwerdeführers, wird besonders oft gehornt. Hier hat sich eine Gruppe Schwimmer unter Sylvia Bachofen zusammengefunden, die gezielt in die Nähe der Schiffe schwimmen, um so das Hornen zu provozieren – ein Protest gegen das Verbot. «Mit besonderer Freude schwimme ich jetzt an jedem schönen Sommertag von unserem Gärtli, nahe dem Schiffssteg, als 80-plus-Frau, hinaus in den See direkt vor die ankommenden und wegfahrenden Schiffe und bewirke so das vier Sekunden lange Hornen als Warnung», hatte die 85-Jährige kürzlich in einem Leserbrief in der «Zürichsee-Zeitung» ihren Protest angekündigt.

85-Jährige wehrt sich gegen Hornverbot auf Zürichsee

85-Jährige wehrt sich gegen Hornverbot auf Zürichsee

Sylvia Bachofen versteht das Hornverbot vor dem Anlegen und Abfahren nicht. Aus Protest schwimmt sie vor das Kursschiff, sodass es hornen muss.

«Frau Bachofen weiss wahrscheinlich, was sie tut, sie ist ein Seemeitli», sagt Hürlimann dazu. Doch sie warnt davor, es der alten Dame gleichzutun: «Nachahmer können vielleicht das Risiko nicht so gut einschätzen wie Frau Bachofen und sich dadurch in Gefahr begeben.»

Hürlimann gibt zu bedenken, dass die Schiffe bei voller Fahrt einen Bremsweg hätten, der dreimal so lange wie das Schiff sei. Bei einem Dampfschiff bedeutet das fast 200 Meter. Von anderen organisierten Schwimmprotesten im Zürichsee hat sie keine Kenntnis: «Wir wissen natürlich nicht, welche Motivation dahinter steckt, wenn Schwimmer den Schiffen zu nahe kommen.»

Im Extremfall fahre man eine Station aber nicht an, wenn Stand-up-Paddler oder Schwimmer im Weg seien. Hürlimann meint damit aber explizit nicht die Gruppe um Sylvia Bachofen, wie sie betont: «Die schwimmen ja weg, sobald wir gehornt haben.» Dass ein Steg aus Sicherheitsgründen nicht angelaufen werde, passiere höchstens fünf bis zehn Mal pro Saison. «Unser Ziel ist es aber, den Fahrplan einzuhalten.»

Doch auch die ZSG nimmt das Hornverbot nicht untätig hin. «Es haben Gespräche stattgefunden: Wir haben versucht, uns mit dem Anwohner zu einigen», sagt Hürlimann. Erreicht wurde eine solche Einigung allerdings nicht. Bekannt ist inzwischen, dass es sich beim Beschwerdeführer um einen ehemaligen Militärpiloten handelt, der seinen Zweitwohnsitz in Stäfa in der Nähe des Schiffstegs hat. Dem Fernsehsender «Tele Züri» sagte der Mann, dass 50 Mal hornen am Tag mit 130 Dezibel alles andere als angenehm sei.

Unübersichtliche Situation

Auffällig ist jedoch, dass gerade in Stäfa die Schiffe auch ohne ersichtlichen Grund immer noch oft hornen. Wehren sich die Kapitäne damit auf unkonventionelle Weise gegen den Beschwerdeführer, wie im Dorf bereits gemunkelt wird? Hürlimann betont, das Hornen sei keinesfalls eine Form von Protest. Es gehe rein um die Sicherheit.

Denn direkt neben dem Steg liegt ein Hafen mit Motor- und Segelschiffen. Zudem verdecken Bäume die Sicht. Die Übersicht sei manchmal besser und manchmal schlechter, sagt Hürlimann. Um kein Risiko einzugehen, werde deshalb gerade in Stäfa aus den besagten Gründen auch ohne Schwimmer immer mal wieder gehornt.

Es hat sich ausgehornt

Es hat sich ausgehornt

50 Jahre hupten die Zürichsee-Schiffe beim An- und Ablegen kurz. Dies ist nur noch im Notfall erlaubt – weil sich ein einziger Anwohner beschwerte.

Die Stäfnerinnen und Stäfner wird es freuen. Im Bistro am Schiffsteg wird inzwischen nämlich geklatscht, wenn das Horn ertönt. Aber der Sturm der Entrüstung bezüglich des Hornverbots ist nicht nur dort gross. «Wir hatten Reaktionen auf allen Kanälen», sagt Hürlimann. «Es kamen Mails, Briefe, wir hatten Feedback auf Facebook.» Zwischenzeitlich sei die Zahl der Reaktionen etwas abgeflacht, aber mit der Aktion von Sylvia Bachofen habe sie wieder zugenommen.

Ob mit der Aufforderung des Bundesamts für Verkehr an die ZSG, auf die Schallzeichen beim An- und Ablegen zu verzichten, das letzte Wort gesprochen wurde, muss sich noch zeigen. Derzeit ist noch eine Anfrage von Nationalrat Gregor Rutz (SVP) an das Amt offen. Der gebürtige Zolliker will, je nachdem wie die Antworten ausfallen, allenfalls politisch aktiv werden, damit die Schiffe beim An- und Ablegen wieder hornen dürfen.