Bezirksgericht Zürich
Schwere Vorwürfe gegen Eltern: Sie sollen ihre Kinder hungernd eingesperrt haben

Ein Vater und eine Mutter müssen sich ab Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten. Die Eltern werden beschuldigt, ihre Kinder auf brutalste Weise unterdrückt und misshandelt zu haben.

Michel Wenzler
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Vor dem Bezirksgericht Zürich beginnt am Mittwoch der Prozess gegen Eltern, die ihre Kinder schwer misshandelt haben sollen. (Archivbild)

Vor dem Bezirksgericht Zürich beginnt am Mittwoch der Prozess gegen Eltern, die ihre Kinder schwer misshandelt haben sollen. (Archivbild)

KEYSTONE/WALTER BIERI

Ein Paar soll jahrelang ein schier unfassbares Folterregime gegen seine Kinder aufgezogen haben, geprägt von Gewalt und Erniedrigungen. Nächste Woche stehen deswegen Vater und Mutter, ein kosovostämmiger Schweizer und eine Schweizerin, vor dem Bezirksgericht Zürich. Die Gräueltaten, die ihnen in der 22-seitigen dicken Anklageschrift vorgeworfen werden, wiegen schwer.

Ab 2003 sollen die beiden Beschuldigten, die mittlerweile seit gut zwei Jahren in Haft sitzen, ihre Kinder vernachlässigt und systematisch misshandelt haben. 2006 begannen sie offenbar damit, ihren damals siebenjährigen Sohn und die achtjährige Tochter Nacht für Nacht einzusperren – zuerst im Kinderzimmer, später sogar im Keller.

Nicht einmal der Gang aufs WC soll erlaubt gewesen sein

Die Tür war verriegelt, auf die Toilette konnten die Kinder nicht gehen. Am Wochenende schlossen die Eltern sie sogar auch tagsüber ein. Nur zweimal täglich durften sie aufs WC ­gehen. Häufig blieb den Kindern keine andere Wahl, als ihr Geschäft auf dem Boden ihres Zimmers oder im Keller zu verrichten.

Das Terrorregime dauerte jahrelang. Und es beschränkte sich nicht nur aufs Einsperren. Gemäss der Anklageschrift ­verweigerten die Eltern den ­Kindern regelmässig Nahrung. Tochter und Sohn waren so ausgehungert, dass sie in der Schule Esswaren ihrer Kolleginnen und Kollegen stahlen und diese im Kissenbezug in ihrem Bett versteckten, damit die ­Eltern es nicht bemerkten. Zu anderen Schulkindern erlaubten ihnen Vater und Mutter keine Kontakte, sie durften auch nicht an Klassenlagern und Schulausflügen teilnehmen.

Unvorstellbare Erniedrigungen

Auch sollen die Kinder regelmässig geschlagen worden sein – mit dem Kochlöffel auf die Hände, mit einem Bambusstecken auf die Arme, und manchmal gar mit einem Stock. Hinzu kamen unvorstellbare Erniedrigungen. Die Staatsanwaltschaft wirft etwa der Mutter vor, sie habe einmal die Tochter dazu gezwungen, ihr eigenes Erbrochenes aufzuessen. Der Sohn musste offenbar seinen Kot schlucken.

Über die Gründe für diese unfassbare Behandlung der Kinder wird wohl erst die Gerichtsverhandlung Aufschluss geben – wenn überhaupt. In der Anklageschrift steht nichts zu den Motiven der Eltern. Es bleibt auch offen, ob sie die Vorwürfe bestreiten.

Der Schule fiel das tiefe Gewicht der Kinder auf

Dass in der Familie etwas nicht stimmte, fiel mit der Zeit in der Schule auf. Die Schulärztin stellte fest, dass der Sohn im Alter von neun Jahren lediglich 18,5 Kilogramm wog. Und die ein Jahr ältere Schwester brachte bei einer Untersuchung im Kinderspital lediglich 21,8 Kilogramm auf die Waage. Die Lehrpersonen wurden auf Verletzungen – Hämatome und Schlagspuren an Rücken, Beinen, Armen und im Gesicht – aufmerksam.

2010, nach siebenjähriger Pein, wurden die Kinder ins Heim eingewiesen. Beide würden ein kleinkindliches Verhalten zeigen, das nicht der normalen Entwicklung eines Kindes in ihrem Alter ent- spreche, heisst es in der Anklageschrift. Sie verfügten über einen geringen Wortschatz und könnten keine zusammenhängenden Sätze sprechen. Sie benötigten eine psycho­therapeutische Behandlung.

Hat der Vater sexuellen Missbrauch begangen?

Die Eltern sind inzwischen ­geschieden, der Vater wieder verheiratet. Er hat weitere ­Kinder. Eine Tochter soll er ­sexuell missbraucht haben. Auch an seiner Stieftochter – die mitangeklagte Mutter hatte ein Kind aus einer früheren Beziehung – soll er sich ver­gangen haben. Seine Ex-Frau wirft ihm zudem vor, er habe sie gewürgt. Was von all dem stimmt, ist unklar. Der ­Vater hat seine ehemalige Lebens­gefährtin sowie die Stieftochter wegen falscher Anschuldigungen und Verleumdung ein­geklagt.

Die Staatsanwältin beschuldigt die Eltern der schweren Körperverletzung und der mehrfachen Freiheitsberaubung, den Vater darüber hinaus der mehrfachen sexuellen Nötigung, der sexuellen Handlung mit Kindern und der Gefährdung des Lebens.

Der zweitägige Prozess ­beginnt am Mittwoch und wird im September fortgesetzt. Im Verlaufe der Verhandlung wird die Staatsanwältin bekannt geben, welches Strafmass sie für die beiden Beschuldigten beantragt. Deren amtliche Verteidiger verzichteten am Freitag darauf, sich gegenüber dieser Zeitung zum Fall zu ­äussern. Sie werden ihre Standpunkte in ihren Plädoyers dar­legen.

Hier gibt es Hilfe:

Opferberatungsstellen für Kinder und Jugendliche in Zürich:

www.castagna-zh.ch

www.obzh.ch

www.kokon-zh.ch.