Zürich

Schweigen gebrochen: Missbrauchsopfer für Prix Courage 2018 nominiert

Der steinige Weg ist geschafft und so geniesst Markus Zangger das neue Leben nach der Veröffentlichung seines Buches in vollen Zügen – wie hier am «Chlostergumpen», unweit seines Wohnorts in Embrach.

Der steinige Weg ist geschafft und so geniesst Markus Zangger das neue Leben nach der Veröffentlichung seines Buches in vollen Zügen – wie hier am «Chlostergumpen», unweit seines Wohnorts in Embrach.

Der 60-jährige Embracher Markus Zangger redete über sein Schicksal als Missbrauchsopfer des bis dahin gefeierten «Lehrers der Nation». Nun ist er für den Prix Courage 2018 nominiert.

Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Aber Markus Zangger ist nicht wie manche seiner Weggefährten an seinem Schicksal zerbrochen. «Ich habe ein neues Leben gefunden, es ist alles aufgegangen», sagt er eineinhalb Jahre nach dem wohl mutigsten Schritt, den er bislang überhaupt zu gehen gewagt hat.

Der Embracher stand hin und hat sein Schicksal öffentlich gemacht. Und zwar so, dass er nicht überhört werden konnte. Denn er wusste, dass es Versuche geben würde, ihn zu übertönen, ihn nicht ernst zu nehmen, mundtot zu machen.

Zangger war mit zwölf Jahren an Jürg Jegge geraten, der für seine zukunftsweisenden Unterrichtskonzepte gepriesene Vorzeigelehrer konstatierte, dass beim Embracher Jungen eine Verkrampfung vorliege – und bekämpfte diese heimlich mit sexuellen Handlungen.

Noch Jahrzehnte später träumte sein mittlerweile längst erwachsenes Opfer davon, wie sich der «Superlehrer» neben ihn in sein Bett legt, ihn zwischen die Beine fasst und dabei onaniert. Genau solche Übergriffe wiederholen sich, bis Zangger 26-jährig ist und seinem Peiniger zu sagen wagt: «Mein Körper gehört mir.» Doch es sollte noch lange dauern, bis er wirklich damit klarkommt und einen weiteren Schritt schafft.

Erst spät konnte er sich öffnen

Heute sagt der 60-jährige Zangger: «Wenn du so weit bist, dass du reden kannst, hast du gewonnen.» Doch reden über das Unfassbare, das ihm passiert war, konnte er im Laufe seines Lebens lange nicht. Erst nach dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren konnte er sich mit dem dunklen Kapitel allmählich näher auseinandersetzen. «Meiner Frau gegenüber hatte ich nie etwas davon erzählt. Ich konnte den Mut dazu nicht aufbringen.» Daran sollte es ihm fortan aber nicht länger fehlen.

Vor acht Jahren offenbarte er, inzwischen 52-jährig, seiner Tochter, was ihm einst widerfahren war. «Ich hatte es lange genug in der Seele versteckt und weggedrückt», beschreibt der Embracher seine Strategie, die er bis dahin fuhr. Dass es der Postautochauffeur nun doch geschafft hat, mit seiner Vergangenheit aufzuräumen, verdankt er auch der Fachstelle Castagna, die ihn mit dem Journalisten und Buchautor Hugo Stamm zusammenbrachte. Der wiederum hat schon etliche ähnliche Missbrauchsfälle dokumentiert und zusammen mit den Opfern niedergeschrieben.

«Ich wollte meinen Fall andern erzählen und wurde auch zunehmend darin bestärkt», erinnert sich der immer selbstbewusster werdende Ex-Schüler Jegges. Klassenkameraden von damals, denen es ähnlich mies erging bei Jegge, erzählten ihm von ihrem Schicksal und ermunterten Zangger, sich nun definitiv Gehör zu verschaffen. «Sie hatten mir die Zusicherung gegeben, dass sie mich in möglichen Gerichtsverhandlungen mit Zeugenaussagen unterstützen würden.» Selber wollten sie aber im Hintergrund bleiben, was Zangger stets respektierte.

Mit Stamm arbeitete er während eineinhalb Jahren an seinem Buch «Jürg Jegges dunkle Seite – Die Übergriffe des Musterpädagogen». Vor der Veröffentlichung Anfang April 2017 war er unheimlich angespannt, nervös, ja sogar wieder etwas ängstlich. «Ich habe genau gewusst, dass jeder kleine Fehler, den ich mache, mindestens zehnfach auf mich zurückfallen würde.»

Anonymität war keine Option

Wohl noch nie sei ein Buch im Vorfeld von so vielen Juristen so genau durchgecheckt worden, erinnert sich der Verfasser und kann inzwischen wieder befreit lachen. «Es hat sich gelohnt», stellt er zufrieden fest. Einen Moment lang habe man vor der Veröffentlichung seiner Geschichte noch überlegt, ob Zangger besser anonym bleiben sollte. Doch dieser war inzwischen so weit gestärkt und entschlossen, dass er selber dies gar nicht in Betracht zog. «Es geht hier um Gerechtigkeit. Offen hinstehen zu können, war sehr wichtig für mich.»

Mit 59 Jahren hat es Zangger im vergangenen Jahr getan, ist hingestanden bei der Buchveröffentlichung und hat vor allen Medien mutig seine Geschichte erzählt. Dafür ist er jetzt nominiert worden für den diesjährigen Prix Courage. Dieser wird jeweils von der Zeitschrift «Beobachter» an besonders mutige Persönlichkeiten vergeben.

Der Unterländer unter den Nominierten ist somit keineswegs untergegangen. Im Gegenteil, er hat sich befreit und erfolgreich neu gefunden. «Es ist wie ein Märchen – ich wurde gehört», bilanziert er, ohne etwas an seinem Entscheid zu bereuen. Die Nomination für den Prix Courage ehrt ihn. Ob er diesen nun auch tatsächlich erhalte, sei ihm nicht so wichtig. «Ich habe sowieso schon ganz viel gewonnen», findet der Betroffene und meint damit vor allem Lebensqualität und eine gewisse Leichtigkeit. Seine Tochter erkennt ihn derweil fast nicht wieder, so aufgeblüht ist der Vater seit seinem Befreiungsschlag.

Nur manche Kommentare, gerade von Psychologen, die er im Fernsehen über seinen Fall reden hörte, hätten ihn schon befremdet. Gerade wenn man ihn zuweilen für sein offensives Vorgehen und den Gang an die Öffentlichkeit kritisierte, habe er oft gedacht: «Das kann doch nicht wahr sein.» Es war die Angst, wie so viele andere Opfer als unglaubwürdig abgestempelt zu werden. Das erwies sich aber angesichts der erdrückenden Beweislage und des Auftauchens weiterer Opfer als unberechtigte Sorge.

«Ich konnte alles aufräumen»

Ihm sei schon bewusst, dass nicht alle Opfer an die Medien gehen können, sagt Zangger, als ihn die Journalisten der Regionalzeitung daheim besuchen. Das solle auch nicht seine Botschaft sein. «Ich möchte andern Opfern einfach zeigen, dass es sich lohnt, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen.» Ganz wichtig ist für Zangger ein Punkt, den er besonders betont: «Die Betroffenen sollen spüren, dass sie sich nicht schämen müssen.»

Das habe ihn lange gehemmt, bis er erkannt habe, dass nicht er, sondern sein Lehrer von einst schuld ist. Im Gegensatz zu manch anderem Schüler von damals hat er seinen Weg gefunden. «Mein Ziel ist erreicht. Ich konnte alles aufräumen in meinem Leben.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1