Amie Zürich
Schwanger und ohne Ausbildung: «Abtreiben kam für mich nicht in Frage»

Sarignia Bonfà ist 21 Jahre alt und hat eine abgebrochene Lehre hinter sich, als sie schwanger wird. Sie entscheidet sich für das Kind. Als sie mit ihrer Tochter erneut vor Problemen steht, findet sie beim Hilfsprogramm AMIE Unterstützung.

Sandra Hohendahl-Tesch
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Sarignia Bonfà wurde mit 21 Jahren Mutter, trennte sich von ihrem Freund und sucht nun eine Lehrstelle.

Sarignia Bonfà wurde mit 21 Jahren Mutter, trennte sich von ihrem Freund und sucht nun eine Lehrstelle.

David Baef

Als der Schwangerschaftstest positiv ausfiel, war Sarignia Bonfà nicht nur begeistert. Die zierliche junge Frau war damals 21 Jahre alt. Ihre KV-Lehre hatte sie abgebrochen wegen familiärer Probleme und weil sie in der Schule nicht richtig mitkam.

Als Hilfsgärtnerin und Kellnerin hielt sie sich über Wasser. Ihr Leben war alles andere als konventionell: Die Winterthurerin mit thailändisch-italienischen Wurzeln hauste mit ihrem mehr als zehn Jahre älteren Freund in einem Zelt auf einem Campingplatz in Solothurn.

Für ein Kind fühlte sie sich noch nicht bereit. Und dennoch kam eine Abtreibung für sie nicht infrage. Nie, sagt sie mit starker Stimme, hätte sie dem Menschen, der da in ihrem Körper heranwuchs, so etwas antun können.

So entschied sie sich, das Kind trotz schwieriger Bedingungen zu behalten. Ihrer Familie verschwieg sie die Schwangerschaft anfänglich. Als sie ihrem Vater im fünften Monat zufällig über den Weg lief, reagierte dieser aber positiv. Zu diesem Zeitpunkt bemühte sie sich sehr um eine Lehrstelle, erhielt jedoch eine Absage nach der anderen.

Ihre Tochter Sue Allen kam am 28. Januar 2008 auf die Welt. Von diesem Tag an sollte sich alles ändern. Die junge Familie fand in Solothurn eine Wohnung, die der im Strassenbau tätige Partner finanzierte. Er arbeitete, sie kümmerte sich um das Kind.

Doch mit dem Babyglück kam auch die Isolation. «Ich war viel zu Hause und beschäftigte mich den ganzen Tag mit mir selber.» Weil sie nicht für jeden Rappen zu ihrem Freund gehen wollte, arbeitete sie nachts als Kellnerin in einer Bar.

Die Doppelbelastung war für beide zu viel. Die Streitigkeiten nahmen zu und Zukunftsängste plagten die junge Mutter. Zudem war die abgebrochene Lehre wie eine «offene Wunde» für sie. Sie wollte etwas machen, sie wollte ihrem Leben neuen Schwung geben. Aber wie?

Als ihre Tochter ein Jahr alt war, reiste sie mit ihr nach Thailand, der Heimat ihrer Mutter. Bei ihren Verwandten hatte sie Zeit und Ruhe, nachzudenken. Sie stellte sich die entscheidende Frage: «Bin ich überhaupt glücklich?» Die Antwort war Nein. Da war ihr klar, dass sie etwas an ihrem Leben ändern musste.

Amie Zürich: Neues Hilfsangebot

«AMIE Zürich» ist ein Angebot des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH Zürich. Seit Anfang 2012 unterstützt es junge Mütter auf der Suche nach einer Lehrstelle. Die Teilnehmerinnen werden während maximal 18 Monaten auf schulischen Unterricht und den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet. Sie erhalten professionelle Hilfe beim Schreiben von Bewerbungen und die Möglichkeit, sich in Erziehungsfragen auszutauschen. Aktuell nehmen im Kanton Zürich 14 Frauen am Programm teil. Davon haben 12 bereits eine Anschlusslösung gefunden.
«Für viele Ausbildungsbetriebe gehören junge Mütter schlicht nicht zu den Wunschkandidatinnen», sagt Projektleiterin Tisha Philip. Sie hätten es darum besonders schwer, eine Lehrstelle zu finden. Viele Ausbildner befürchteten, dass es mit der Kinderbetreuung nicht klappen könnte und die Frauen überfordert seien. Ohne qualifizierte Ausbildung sei es jedoch schwierig, Arbeit zu finden. Somit seien die Betroffenen oft langfristig von der Sozialhilfe abhängig, was den Staat viel Geld koste. Nur wenn der Schritt ins Berufsleben gelinge, kann den Betroffenen laut Philip ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden. (tes)
Weitere Infos unter www.sah-zh.ch/angebote-im-ueberblick/amie-zuerich/

Wieder in der Schweiz eröffnete sie ihrem Freund, dass sie sich von ihm trennen und mit dem gemeinsamen Kind ausziehen werde. Obwohl er alles unternahm, sie vom Plan abzubringen, setzte sie sich durch und bezog mit Unterstützung der Sozialhilfe eine eigene Wohnung. «Es war eine schwierige Zeit», sagt sie rückblickend. «Ich kam einfach nicht in die Gänge». Zudem hatte sie Heimweh nach ihrer Stadt Winterthur.

Es war ihre «Nonna», die sie auffing: Sie nahm Enkelin und Urenkelin in ihrer Wohnung in Winterthur auf und gab emotionalen Halt. Sarignia Bonfà meldete sich beim Winterthurer Sozialamt an. Zwei Jahre später, nach intensiver Suche, fand sie eine eigene Wohnung.

Hilfe bei der Lehrstellensuche

Nun, da sie für sich und ihre Tochter so viel erkämpft hatte, machte sie sich an die nächste Herausforderung, stets angetrieben vom Wunsch, finanziell unabhängig zu sein. Ihre Sozialarbeiterin machte sie auf das neue Programm von AMIE Zürich aufmerksam (siehe Kontext). Dieses soll alleinerziehenden jungen Müttern bei der Lehrstellensuche behilflich sein und sie gleichzeitig auf die Mehrfachbelastung vorbereiten. «Ich fand das sofort spannend und wollte mitmachen.»

Endlich hatte sie die Möglichkeit, den Schritt zurück ins Berufsleben zu tun. Während eines Jahres besuchte sie täglich in Zürich von 9 bis 12 Uhr den Unterricht in Deutsch, Mathematik und Allgemeinbildung. Für ihre Tochter fand sie einen Krippenplatz. Sie lernte gleichaltrige Frauen kennen, die sich in einer ähnlichen Lebenssituation befanden.

«Neue Perspektiven taten sich auf.» Sie entdeckte ihre kreative Ader und wusste jetzt, welchen Beruf sie dereinst ausüben wolle: Dekorateurin, in der heutigen Bezeichnung Polydesignerin 3D.

Mit ihrem Exfreund versteht sie sich gut. Alle zwei Wochen kann er die Tochter sehen und auch Ferien mit ihr verbringen. Die 26-jährige Sarignia Bonfà möchte bald auf eigenen Beinen stehen.

Derzeit macht sie ein Praktikum bei einem Dekorationsbetrieb und hofft, danach eine Lehrstelle auf diesem Gebiet zu finden. Töchterchen Sue Allen, bereits im zweiten Kindergartenjahr, soll dereinst stolz auf ihr Mami sein.