Zürich Flughafen

Schutzverbands-Präsident: «Flughafen jammert auf einem sehr hohen Niveau»

Thomas Hardegger hört in seiner Gemeinde Rümlang vor allem die startenden Flugzeuge. Flurin Bertschinger

Thomas Hardegger hört in seiner Gemeinde Rümlang vor allem die startenden Flugzeuge. Flurin Bertschinger

Flughafen SP-Nationalrat Thomas Hardegger präsidiert neu den Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Zürich. Der Rümlanger sagt, dass er offensiver als seine Vorgängerin agieren will.

Herr Hardegger, Sie sind Nationalrat, Gemeindepräsident, führen eine Firma und präsidieren diverse Gremien – seit kurzem den Schutzverband der Bevölkerung um den Flughafen Zürich. Sammeln Sie Ämter? 

Thomas Hardegger: Nein, überhaupt nicht. Ich war ja schon Vizepräsident. Zudem hätte ich das Amt abgelehnt, wenn wir nicht über eine gut funktionierende Geschäftsstelle verfügen würden. Das ist mir auch bei meinen anderen Vorsitzen wichtig. Ich hätte mir gut auch einen anderen Präsidenten oder eine andere Präsidentin vorstellen können.

Wieso?

Meine Vorgängerin, Ursula Moor, ist bei der SVP, ihr Vorgänger, Peter Staub, bei der FDP. Ihnen konnte niemand vorwerfen, sie seien wirtschaftsfeindlich. Bei mir wird jede kritische Frage gerne so ausgelegt.

Sie hätten die Wahl ablehnen können.

Ich sitze in der parlamentarischen Verkehrskommission und bekomme die den Bund betreffenden Flughafenthemen mit. Der Informationsfluss zum Verband ist damit einfacher. Und die Vernetzung ist wichtig.

Wird der Verband an Präsenz zulegen? Ihre Vorgängerin agierte eher zurückhaltend. 

Das liegt vielleicht auch am Temperament. Aber es könnte durchaus sein, dass der Verband offensiver agieren wird.

Die Bürgerprotestorganisationen – insbesondere jene im Süden und im Osten – sind wesentlich lauter.

Das hat zwei Gründe. Erstens sind wir eine Behördenorganisation, unsere Delegierten sind gewählte Exekutivmitglieder. Das ergibt einen anderen Stil. Zweitens suchen wir schneller den Kontakt zu Vertretern von Flughafen, Swiss oder Skyguide, um Fragen zu klären oder Interesse anzumelden. Wir wollen immer zuerst den Konsens finden und intervenieren erst dann, wenn wir uns nicht ernst genommen fühlen oder nicht weiter kommen.

Liegt die Zurückhaltung auch daran, dass der Verband die Interessen aller Himmelsrichtungen vertreten will – auch Sie als Gemeindepräsident einer «Westgemeinde»?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Kommt hinzu, dass die Interessen der weiter entfernten Gemeinden einbezogen werden müssen. Sie leiden ebenfalls unter Fluglärm, auch wenn er vielleicht nicht so stark ist wie in einer Flughafen-Anrainergemeinde.

Das macht die Aufgabe nicht einfacher.

Nein, überhaupt nicht. Der Verband hütet sich auch davor, Stellung zu beziehen, wo Massnahmen nur eine einzelne Region betreffen. Er hat sich aus diesem Grund beispielsweise nie für oder gegen die geplanten Südstarts geradeaus ausgesprochen. Wir haben aber von der Delegiertenversammlung verabschiedete Eckwerte, in denen die gemeinsamen Interessen gebündelt werden, wie etwa die Nachtruhe oder das Verhindern von Pistenausbauten.

Sind Sie sicher, dass die Delegierten der «Südgemeinden» gegen eine Verlängerung der Ost-West-Piste 10/28 sind? Sie würde zu mehr Landungen aus Osten führen und könnte den Süden entlasten.

Auch eine verlängerte Piste 10/28 wäre nicht rund um die Uhr für alle Flugzeuge verfügbar. Das heisst, es wird mit der aktuellen Verordnung oder dem allfälligen Staatsvertrag mit Deutschland immer Südanflüge und Starts Richtung Süden geben. Zudem erhöht ein Pistenausbau die Kapazität, das kann auch nicht im Interesse der Südgemeinden sein. Die Frage ist doch: Kann sich der Flughafen mit dem bestehenden Pistensystem weiterentwickeln? Wir sagen: Ja, er kann.

Der Kantonsrat hat eine Pistenverlängerung ohnehin aus dem Richtplan gestrichen.

Das hat uns natürlich sehr gefreut. Nebst SP, Grünen, GLP, EVP und EDU haben auch die bürgerlichen Unterländer gegen den Eintrag gestimmt. So ist eine sehr klare Mehrheit zustande gekommen. Nun müssen Bund und Kanton die Differenzen in ihren Richtplänen bereinigen. Ich bin der Meinung, dass dies nicht eilt. Das kann man auch dann machen, wenn über allfällige Pistenverlängerungen Klarheit herrscht.

Kommt es überhaupt dazu?

Das ist fraglich. Der Bund hat erklärt, er werde nicht über das Votum der Zürcher hinweg bestimmen. Wenn im Kantonsrat die Mehrheit gegen Pistenausbauten bestehen bleibt –und davon gehe ich aus –, wird es gar nicht erst zur Volksabstimmung kommen.

Es sei denn, sie wird durch eine Volksinitiative erzwungen. Wie sähe das Resultat an der Urne aus?

Die vergangenen Abstimmungen zeigen, dass es schwer für uns würde. In Regionen, die nicht in Flughafennähe liegen, fehlen Sensibilität und Solidarität mit den Lärmgeplagten. Vor allem dann, wenn Flughafen-Lobbyisten es schaffen, die Regionen gegeneinander auszuspielen. Indem sie beispielsweise dem Süden versprechen, er würde mit einer längeren Piste 10/28 entlastet.

Auch in den Anrainergemeinden ist der Protest gegen Pistenausbauten zaghafter als auch schon. Viele arbeiten am Flughafen oder haben Verwandte, die vom Arbeitgeber Flughafen abhängig sind. Zudem sinkt die Zahl der Flugbewegungen stetig und die Flugzeuge werden leiser.

Zum Glück hat sich die Situation etwas verbessert. Ein Airbus A380 ersetzt mit seiner Kapazität drei Maschinen und ist erst noch leiser als jede von denen. Das ist sicher ein Gewinn, und wir anerkennen diese positive Entwicklung auch.

Anders ist wohl auch nicht zu erklären, weshalb die Flughafenregion so stark wächst. Wieso dann der Kampf gegen den Ausbau des Flughafens?

Der Schutzverband wird häufig als Flughafengegner hingestellt, der den Luftverkehr gefährdet und Arbeitsplätze vernichtet. Das stimmt einfach nicht. Selbstverständlich haben wir Anrainergemeinden ein grosses Interesse an einem gut funktionierenden Flughafen. Aber wir müssen uns auch die Frage stellen, ob die Entwicklung des Flughafens sinnvoll, notwendig und siedlungsverträglich ist.

Was verstehen Sie darunter?

Unsere Region boomt, und damit entstehen Verkehrsprobleme mit Staus und Platzproblemen in Bus und Bahn. Darunter würde auch die Erreichbarkeit des Flughafens leiden. Es muss das Ziel aller sein, die Distanzen der Pendler zu verkürzen. Das geht aber nur, wenn die Leute qualitativ gute Wohnbedingungen in der Region vorfinden. Sonst ziehen sie in den Thurgau oder Aargau. Und es kann auch nicht sein, dass in Flughafennähe nur Menschen leben, die sonst keine bezahlbaren Wohnungen finden.

Was würde die Situation verbessern?

Gut wäre eine längere Nachtruhe. Wichtiger ist uns derzeit aber, dass die Nachtsperre ab 23.30 Uhr eingehalten wird und die Flüge in den Nachtrandstunden lärmschonend sind, indem lenkungswirksame Gebühren erhoben werden. Zudem sollte der Flugplan so gestaltet werden, dass die Zeit zwischen 23 und 23.30 Uhr tatsächlich dem Verspätungsabbau dient – und nicht wie heute quasi als ordentliche Betriebszeit genutzt wird.

Der Flughafen argumentiert, dass diese späten Abflüge wichtig seien, um Anschlüsse auf Langstreckenverbindungen anzubieten und konkurrenzfähig zu bleiben.

Mit der Einführung der Südanflüge wurde der Betriebsbeginn von einem Tag auf den anderen von 5 auf 6 Uhr verschoben. Keine einzige Verbindung wurde deswegen gestrichen. Auch nicht nach der Einführung der verlängerten Nachtruhe. Der Flughafen jammert da auf einem sehr hohen Niveau.

Der Schutzverband kämpft auch mit juristischen Mitteln für den Einsitz in jenem Gremium, das die Bewilligungen für die späten Starts und Landungen erteilt. Offenbar ist es doch nicht so einfach, im Dialog mit dem Flughafen einen Konsens zu finden.

Im Zuge der Flughafen-Privatisierung im Jahr 2000 haben Kanton und Bund hoheitliche Aufgaben an den Flughafen abgetreten, auch Bereiche der Aufsicht und der Bewilligungen. Ich behaupte, dass die Bevölkerung heute dieser Vorlage nicht mehr zustimmen würde, weil sie gemerkt hat, dass sie massiv an Einfluss verloren hat. Wir haben auch deshalb mehr juristische Verfahren, weil weniger politisch entschieden werden kann. Darum ist auch die Ablehnung der Pistenverlängerung im Richtplan ein Highlight. Da konnte die Politik noch einmal agieren.

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