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Schulen setzen weiterhin auf Zivis – die Politik hat Vorbehalte

Zivildienstleistende entlasten die Lehrer.

Zivildienstleistende entlasten die Lehrer.

Als Assistenten der Lehrpersonen stehen in verschiedenen Gemeinden Zivildienstleistende im Einsatz: Die Einsätze werden ausgebaut

Die Schule Hittnau hatte im ersten Halbjahr 2015 zum ersten Mal einen Zivildienstleistenden angestellt. Die erste Bilanz fällt äusserst positiv aus. Schulleiter Thomas Ruppanner meint zumindest, dass «zufrieden» das falsche Wort sei. Er sagt: «Wir sind euphorisch.» Nach den Sommerferien startet deshalb der nächste, der zweite «Zivi».

Aus anderen Gemeinden liegen ähnlich positive Berichte vor. Der Zivildienstleistende sei «Gold wert gewesen», sagte Thomas Peter, der in Winterthur eine Schuleinheit leitet, kürzlich an einer lokalen Medienorientierung zum neuen Schuljahr. Nach dem ersten Testjahr, das auf einen Schulkreis beschränkt war, starten nun am Montag gleich 22 Zivis in allen Winterthurer Schulkreisen. Und an der Schule in Russikon, die seit mehreren Jahren von der Vollzugsstelle für Zivildienst als Einsatzbetrieb anerkannt ist, stehen die Verantwortlichen «absolut» hinter dem Projekt, wie Schulleiter Matthias Forster sagt. Als Versuch wird er im Herbst zum ersten Mal gleich zwei junge Männer einsetzen. «Zivis an der Schule», sagt Forster, «kann ich allen Gemeinden nur empfehlen.»

Die Zivildienstleistenden entlasten die Lehrpersonen, heisst es in allen angefragten Gemeinden. Die jungen Männer, die aus Gewissensgründen keinen Militärdienst leisten und ihre Dienstpflicht mit einem anderthalb Mal so langen Arbeitseinsatz im öffentlichen Interesse erfüllen, sind an den Schulen unter anderem als dringend benötigte Begleitpersonen bei Lagern dabei, helfen bei Projektwochen und im Turnunterricht aus, kümmern sich bei Bedarf um einzelne Schüler und stehen bei der Aufgabenhilfe mit Rat bereit.

Einsätze auf allen Stufen

Den Lehrer ersetzt der Zivi dabei natürlich nicht. «Er übt Assistenzaufgaben aus», sagt Thomas Ruppanner. Dennoch könne der Zivildienstleistende im Klassenzimmer viel bewirken. Etwa indem er sich um ein unruhiges Kind kümmere, das die anderen Schülerinnen und Schüler ablenke. Als weiteren Vorteil nennt Ruppanner den Umstand, dass der Zivi seinen Dienst in einem 100-Prozent-Pensum leiste. «Er steht uns von Montag bis Freitag von
8 bis 17 Uhr zur Verfügung.» Diesen Umstand hebt auch Matthias Forster hervor: «Wir können bei Bedarf immer reagieren und den Zivi sofort auf allen Stufen vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe dort einsetzen, wo gerade Not besteht.»

Zivildienstleistende sind für die Schulgemeinden auch aus finanzieller Sicht attraktiv. «Ein Zivi kann auf kostengünstige Art entlasten, betreuen, unterstützen, mithelfen, begleiten und anpacken», begründete die Hittnauer Schulpflege unter anderem ihren Entscheid, eine Einsatzstelle zu schaffen. Die Behörde rechnet, sofern die Stelle permanent besetzt werden kann, mit jährlichen Kosten von 20 000 Franken. Ein Zivi verursache monatliche Kosten von knapp 2000 Franken, betonte auch Stadtrat Stefan Fritschi aus dem unter Spardruck stehenden Winterthur. Das sei natürlich viel attraktiver, als wenn Klassenassistenten angestellt werden müssten, die das Drei- oder Vierfache kosten würden.

Nationalrat ist gegen Schul-Zivis

Einsätze von Zivis an Schulen sind politisch umstritten. Das Zivildienstgesetz sieht nur Einsätze an Schulen vor, wenn sie unter den Tätigkeitsbereich «Sozialwesen» fallen – wenn sie zur Integration von besonders betreuungsbedürftigen Kindern und Jugendlichen dienen.

Der Bundesrat will das eigentlich ändern. Er hat einen neuen Tätigkeitsbereich «Schulwesen» vorgeschlagen. «Zivis», betonte der Bundesrat, «dürfen dabei keine Fachkräfte ersetzen und nicht die Verantwortung im Schulzimmer übernehmen.» Der Nationalrat hat diese Änderung im Mai knapp abgelehnt. Bürgerliche Politiker fanden, Zivildienstleistende, die ja keinen Militärdienstleisten, seien keine guten Vorbilder für die Schüler. Der Einsatz in de Schulen wurde auch als «Schoggijob» bezeichnet.

Im Kanton Zürich arbeiten die Schulen mit dem integrativen Modell; leistungsschwache Schüler oder solche mit einer Behinderung werden in der Regel in den Regelklassen unterrichtet. Das ermöglicht, trotz des Neins des Nationalrates, den Einsatz von Zivis. Sie werden vorerst – eben unter dem Titel «Sozialwesen» – für die Betreuung, nicht aber für Erziehung und Bildung eingesetzt.

Die Vertreter von Zürcher Schulen, die auf ihre positiven Erfahrungen verweisen, hoffen nun auf den Ständerat. Die Winterthurer wollen zudem über den Städteverband eine Städteinitiative lancieren. Und gemäss eines Berichts des «Landboten» wird Bundesrat Johann Schneider-Ammann am 25. August eine Winterthurer Delegation empfangen; er will sich über deren gemachten Erfahrungen ins Bild setzen lassen und so sein Argumentarium pro Zivis an der Schule stärken. Ende Monat wird Schneider-Ammann dann vor der sicherheitspolitischen Kommission des Ständerates auftreten und sie zu überzeugen versuchen.

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