Pisa-Studie
Schule tat zu wenig um «Mint»-Berufe den Schülern schmackhaft zu machen

Nachwuchs in Berufen, die mit Mathematik, Technik, Naturwissenschaft und Informatik zu tun haben, ist rar. Gleichzeitig steigt jedoch die Nachfrage nach gut ausgebildeten Leuten in diesen Bereichen stetig an.

Adrian Portmann
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Am Festival de Robotique in Lausanne werden Kids an technische Berufe herangeführt.

Am Festival de Robotique in Lausanne werden Kids an technische Berufe herangeführt.

Keystone

Schweizer Schülerinnen und Schüler zählen in Sachen Mathematik und Naturwissenschaften zu den besten im internationalen Vergleich. Dies zeigen die Ergebnisse der Pisa-Studie, die letzte Woche präsentiert wurden. Jedoch scheint sich dies nicht direkt auf die Berufswahl auszuwirken. In den Berufen, die mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (kurz Mint) zu tun haben, fehlen die Fachkräfte.

Zu wenig Jugendliche entscheiden sich für eine Ausbildung zum Geomatiker, Verpackungstechnologen oder Zimmermann - oder für ein Studium an der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät. Die stetig wachsende Nachfrage nach gut ausgebildeten Leuten in den Mint-Bereichen verschärft die Situation zusätzlich.

KV nach wie vor auf Platz eins

Eine Erhebung der Bildungsdirektion des Kantons Zürich zeigt, dass im Sommer 2013 von knapp 13 000 Schulabgängern 55 Prozent eine Berufslehre gewählt haben. Bei den zugesicherten Lehrstellen entfielen 35 Prozent auf die Bereiche Handel und Wirtschaft. An zweiter Stelle stehen Tätigkeiten im Gesundheitsweisen. Ein Blick auf die beliebtesten Berufe bei jungen Frauen und Männern verrät, dass bei beiden Geschlechtern die kaufmännische Ausbildung nach wie vor auf Platz eins steht.

Darauf folgen bei jungen Männern Ausbildungen zum Informatiker, Elektroinstallateur und Detailhandelsfachmann. Bei den Frauen sind Lehrstellen in den Bereichen Betreuung, Gesundheit und Detailhandel beliebt.

Die Jugendlichen haben oft keine klaren Vorstellungen vom Berufsbild der technischen und naturwissenschaftlichen Berufe. Handlungsbedarf sieht da Carla Mom, Leiterin des Berufsinformationszentrums Oerlikon, bei den Schulen. «Die Schule tat bisher zu wenig, um den Schülerinnen und Schülern diese Berufe näherzubringen», sagt Mom. «Viele entscheiden sich für eine kaufmännische Berufslehre, weil sie sich vorstellen können, was da auf sie zukommt.» Das KV gilt immer noch als breite Grundausbildung mit vielfältigen Weiterbildungsmöglichkeiten.

Gerade auch Jugendliche mit ausländischer Herkunft wünschen sich laut Mom eine Tätigkeit im Büro. Oft haben sie ein negatives Bild von handwerklichen Berufen, weil ihre Eltern den Lebensunterhalt etwa als Hilfsarbeiter auf dem Bau verdienen.

Hinzu kommen die verschiedenen Geschlechterrollen, die bei Berufs-, Profil- oder Studienwahl entscheidend sind. Wie die Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich schreibt, unterscheiden sich die Präferenzen der Geschlechter bei der Profilwahl an der Mittelschule deutlich. Während junge Männer vermehrt Profile wählen, in denen Mathematik, Physik, Biologie, Chemie oder Informatik wichtig sind, entscheiden sich junge Frauen öfter für moderne Sprachen, Musik und bildnerisches Gestalten.

Stefan Arquint, Generalsekretär von Swiss Engineering, nennt es denn auch nach wie vor eine Herausforderung, mehr Frauen für die technischen Berufe zu begeistern. Hier gebe es noch ein grosses Nachwuchspotenzial.

Im Übrigen müssten das Bild des Ingenieurberufs und die grundlegende Bedeutung der Technik in der Öffentlichkeit besser dargestellt werden, sagt Arquint. «Bei Bauwerken zum Beispiel steht meist der Architekt im Rampenlicht. Von den Ingenieuren, die ihre Arbeit im Hintergrund verrichten, weiss man nur wenig.» Zudem seien sich viele nicht bewusst, welche Rolle der Ingenieur bei Entwicklungen in der Informatik, Energieversorgung oder Medizin einnimmt. «Ohne sie gäbe es kein Internet, keinen Strom und kein Röntgengerät.»

Interessen stehen früh fest

Die Nachfrage nach Mint-Fachkräften ist hoch und die beruflichen Perspektiven sind entsprechend rosig. Wie eine Hochschulbefragung des Bundesamts für Statistik zeigt, übernimmt fast jeder vierte Mint-Absolvent bereits beim Berufseinstieg eine Führungsfunktion. In anderen Fachbereichen ist es nur jeder sechste. Fünf Jahre nach Berufseinstieg sind rund die Hälfte der Mint-Absolventen in leitenden Positionen tätig.

Zudem stiegen die Löhne bei den Mint-Fachkräften zwischen 2007 und 2009 um 2,7 Prozent, während bei den Absolventen übriger Fachdisziplinen ein Lohnwachstum von 0,7 Prozent verzeichnet wird.

Den Fachkräftemangel hat auch der Bund erkannt. In einem Bericht von 2010 weist er darauf hin, dass die Interessen der Studienanfänger bereits am Ende der obligatorischen Schulzeit feststehen. Das bedeutet, je früher Kinder und Jugendliche Interesse an den Mint-Bereichen entwickeln, desto eher wählen sie ihren Beruf auch danach aus.

Mittlerweile gibt es unzählige Projekte von Hochschulen, Universitäten und Privaten, welche versuchen, die Welt der Technik, der Informatik und der Naturwissenschaften auf spielerische Art zu vermitteln.

Anlässlich des jährlich stattfindenden Festival de Robotique an der ETH Lausanne beispielsweise bauen und programmieren bereits Zehnjährige ihre eigenen Roboter. Sofern die Rechnung aufgeht, werden die Nachwuchskonstrukteure später, wenn sie älter sind, die Lego-Bausteine gegen einen Mint-Beruf eintauschen.