In 132 Artikeln haben Deutschschweizer Medien das Phänomen Jugendliche und Dschihadismus in den letzten zwölf Monaten thematisiert. Winterthur stand dabei mit aktenkundigen Fällen oft im Fokus. Bildungsstadtrat Stefan Fritschi (FDP) bleibt bei seiner Einschätzung, religiöse Radikalisierung sei an Winterthurer Schulen kein flächendeckendes Phänomen. Aber: «Es ist zum viel diskutierten Thema geworden. Wir gehen es nun sachlich an und vernetzen uns entsprechend.»

Als Präsident der Zentralschulpflege hat Fritschi eine neue Arbeitsgruppe einberufen, die sich bereits zu einer ersten Sitzung getroffen hat. Darin Einsitz nehmen Vertreter aus der Schulleitung, der Schulentwicklung und Profil (10. Schuljahr). «Ziel ist es, die Bedürfnisse und offenen Fragen der Schule zum Umgang mit Jugendlichen zu klären, die im Begriff sind, sich religiös zu radikalisieren», sagt Vera Vogt, die als Leiterin der Schulsozialarbeit die Gruppe koordiniert. Einig sei man sich dort, dass sich die Schule dem Thema nicht mehr verschliessen könne, wenn auch ihrer Verantwortung klare Grenzen gesetzt seien. «Lehrpersonen können lernen, erste Anzeichen besser zu deuten und einzuordnen», sagt Vogt. Um später in Gesprächen Schülern und Eltern auf Augenhöhe zu begegnen, brauche es zudem mehr Fachwissen zu den Themen Islam und Dschihad, laute der Tenor.

Schulinterne Kurse seien derzeit zwar nicht geplant. Doch das Departement Schule hat Ende März zwei Mitarbeitende an ein dreitägiges Seminar mit dem Titel «Herausforderung radikalisierter Islam» an der Hochschule Luzern geschickt.

Wissenslücken sind gross …

Dort hielten Experten aus Islam- und Religionswissenschaften, Ethnologie, Publizistik und Soziokultureller Animation Input-Referate zum Koran und zum Islam. Auch kulturelle Konfliktpunkte wie die Rolle der Frau oder Gewalt im Islam wurden thematisiert. Die Gruppe der 17 Teilnehmenden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum sei sehr gemischt gewesen. «Vom Jugendpolizisten bis zur Jugendarbeiterin, darunter auch muslimische», sagt Rebekka Ehret, die das Seminar leitete. Dieses sei schweizweit das erste und einzige dieser Art. «Dabei ist der Informationsbedarf riesig.»

Entscheidend gemäss ersten Erfahrungen sei, gefährdete Jugendliche nicht weiter zu isolieren, sondern sie über Gespräche aktiv zu reintegrieren. Überstürzte Reaktionen seien hingegen kontraproduktiv. «Wenn jemand eine IS-Flagge postet, sagt das noch nicht viel über den Grad seiner Radikalisierung aus», sagt Jasmin El-Sonbati. Die Mitbegründerin des Forums für einen fortschrittlichen Islam hat im Seminar erklärt, welche Signale tatsächlich alarmieren sollten: Wenn Jugendliche sich beispielsweise aus ihrem Freundeskreis ausklinken, sich verschleiern oder religiös kleiden, Männer den Frauen den Handschlag verweigern oder einen politischen Islam propagieren.

… doch der Kanton blockt ab

El-Sonbati stellt bei den Behörden eine «gewisse Ratlosigkeit» beim Umgang mit radikalisierten Jugendlichen fest. Sinnvoll fände sie Beratungsstellen nach dem Vorbild von Hayat-Deutschland in Berlin. Gefordert seien die Kantone. Doch weder das kantonale Volksschuldepartement noch die Pädagogische Hochschule Zürich planen spezielle Angebote oder Massnahmen.

Anders in Winterthur: Im September lädt das Schuldepartement Lehrpersonen, Schulleiter und Behörden zu einer Infoveranstaltung ein. Dort fliessen auch die Erkenntnisse der Arbeitsgruppe ein.