Nur wenige Schritte trennen Rosa Szelig* von ihrem sicheren Tod. Mit der 18-jährigen Ungarin warten hier, im Konzentrationslager Dachau, Hunderte von Häftlingen darauf, ermordet und verbrannt zu werden. Viele sind schon auf dem Marsch vom Aussenlager-Komplex Kaufering hierhin gestorben. Wer die Tortur überlebt hat, soll vor dem Eintreffen der Alliierten im Hauptlager vernichtet werden.

Doch Rosa Szelig hat Glück: Minuten, bevor ihre Gruppe in die Todeskammer geschickt werden soll, treffen die Jeeps ein. Die Jeeps, in denen die Amerikaner sitzen, die das Lager am 29. April 1945 befreien.

Doch es war nicht nur Glück, das Rosa Szelig am Leben hielt. «Ich habe überlebt, weil ich naiv war», sagt sie fast 70 Jahre später in den Räumen der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich, wo sie sich zwei Tage vor dem heutigen Internationalen Holocaust-Gedenktag mit anderen Überlebenden aus der Schweiz trifft. «Ich war zu jung, um zu realisieren, was genau mit mir geschieht», erklärt Szelig. «Ich dachte immer, dass die Zwangsarbeit irgendwann ein Ende hat und ich meine Familie wiedersehe.»

Mit ihrem Bruder wurde sie tatsächlich wieder vereint. Er überlebte und wohnt heute in New York. Ihren Vater hat sie hingegen nie mehr gesehen. Er ist umgekommen — «wo und wann habe ich nie erfahren». Obwohl sie ihren Glauben an ein glückliches Ende heute als naiv beschreibt, hat er ihr damals doch geholfen: «Die Hoffnung hat mir die Kraft zum Überleben gegeben.» 

Das Konzentrationslager Dachau bei der Befreiung im April 1945. AP

Das Konzentrationslager Dachau bei der Befreiung im April 1945. AP

Die Überlebenden werden weniger

Viele sind es nicht mehr, die sich an den Erinnerungstreffen des offiziell bereits 2011 aufgelösten Vereins «Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust in der Schweiz» noch einfinden. Am Sonntag sind es noch etwa zehn. Und jedes Jahr werden es weniger, die sich aus erster Hand an den Terror des Nationalsozialismus erinnern können. Auch das Treffen in Zürich beginnt mit einer Schweigeminute — für jene, die seit dem letzten Treffen gestorben sind. 

Rosa Szelig ist eine von wenigen, die sich noch erinnern kann. Gerne spricht die dreifache Mutter nicht über ihre Erlebnisse. Sie habe ihrer Familie alles erzählt und für das Oral-History-Projekt der Shoah Foundation ihr Schicksal auf Band aufgenommen. Doch heute will sie sich auf das Gute konzentrieren: auf das Leben nach dem Holocaust, das Leben in der Schweiz, «wo ich die glücklichsten Zeiten meines Lebens verbringen durfte».

Glücklich begann Szeligs Leben damals auch: 1927 in gute Verhältnisse geboren, verlebt sie bis zum Tod ihrer Mutter eine sorglose Kindheit. Ihr Vater ist Bankbeamter, materielle Sorgen kennt die Familie nicht. Und: «Es hat nie eine Rolle gespielt, dass ich Jüdin bin.» Im Vergleich zu anderen europäischen Juden werden die ungarischen lange verschont. Das Land erlässt zwar schon 1938 «Judengesetze», die vor allem die wirtschaftliche und politische Diskriminierung zum Ziel haben, 1941 schliesst sich das Land dem deutschen Krieg gegen die Sowjetunion an. Doch Premier Miklós Kállay betreibt bis zur deutschen Besetzung im März 1944 eine Judenpolitik, die Hitler als unentschlossen und wirkungslos verurteilt.

Im Waggon mit Leichen

Die völlige Entrechtung, Ghettoisierung und Deportation der Juden wird in Ungarn erst danach grossflächig durchgesetzt — Jahre, nachdem die ersten Opfer in Vernichtungslagern getötet wurden. Doch als die Deutschen 1944 einmarschieren, um die «Endlösung der Judenfrage» auch in Ungarn endlich voranzutreiben, geht alles schnell. Das Tragen des Judensterns wird Pflicht, Rosa Szelig muss sich in Budapest in einem «Judenhaus» mit mehreren Familien eine Wohnung teilen. Mitnehmen darf man fast nichts, das Haus dürfen die Insassen kaum je verlassen. Kurz darauf beginnen die Deportationen.

«Die Reise war schlimm, schrecklich», erinnert sich Szelig. Nach einem zehntägigen Fussmarsch wird die 17-Jährige mit gut 80 anderen Menschen in einen Waggon gepfercht. Die Ankunft in Dachau in der Nähe von München erlebt nur ein Teil von ihnen. Andere verhungern, verdursten, sterben an Krankheiten. «Wir mussten uns den Waggon mit Leichen teilen», sagt Szelig. «Schrecklich war das» — und doch nur ein Vorgeschmack auf das, was nun folgen sollte. Der Tod steht fortan auf dem Tagesprogramm. Rund um sie herum sterben Menschen an Kälte, Krankheit, Hunger, Zwangsarbeit.

An die schwere körperliche Arbeit kann auch Szelig sich noch bildhaft erinnern. An die Bäume, die sie fällen, die schweren und vereisten Eisenstangen, die sie im Winter auf ihren Schultern transportieren musste. An die Angst, für Arbeiten für die Baufirma Moll eingeteilt zu werden, die sadistische SS-Offiziere als Aufseher einsetzt. Bei Arbeiten für die Firma Holzmann hingegen erlebt sie auch kurze Momente der Menschlichkeit inmitten des Grauens. Die zivilen Aufseher bringen den ausgemergelten Zwangsarbeitern regelmässig Lebensmittel mit. Sonst bekommen die Gefangenen ausser dünner Suppe kaum etwas zu essen.

Als Dachau im April 1945 befreit wird, wiegt Szelig noch 38 Kilo. Es folgt eine Zeit der Nachkriegswirren und des Wartens. Bis sie zurück in Ungarn ist, vergehen mehrere Monate. 1960 zieht sie mit ihrem Mann, einem Polen, nach Zug — «weil mein Mann sagte, in der Schweiz sei man weniger antisemitisch als in Wien, wo wir mittlerweile wohnten». Ihm ist der Schweizer Diplomat Carl Lutz in Erinnerung geblieben, der während des Kriegs über 60 000 ungarische Juden vor dem Tod bewahrt hatte.

Mit Steinen auf die Judenkinder

Am Treffen der Überlebenden findet sich an diesem Sonntag in Zürich auch Herta Melzer* ein. Sie ist 1923 geboren, in Polen, wo die Schrecken der Judenverfolgung viel früher begannen als in Ungarn. Mit 18 wird sie ins Arbeitslager deportiert, wo die Tochter aus gutem Hause — ihr Vater besass ein Herrenkonfektions-Geschäft — über dem Webstuhl brütet. 1944 wird sie nach Auschwitz, dann nach Bergen-Belsen verlegt, wo sie in derselben Baracke wie Anne Frank lebt. Im April 1945 wird das Konzentrationslager von den Briten befreit. Von der Familie überleben nur sie und ihr Vater; ihre Mutter und ihre drei Geschwister wurden ermordet.

Melzer, die seit 1981 in Zürich lebt, hat Mühe, das Erlebte zu schildern. «Die Erinnerung macht mich fertig», sagt sie nach ein paar Minuten Gespräch. An einzelne Dinge erinnert sie sich hingegen noch ganz genau. Etwa, wie die Mitschüler auf dem Pausenplatz Steine auf die Judenkinder geworfen haben. Oder wie ihr deutscher Aufseher ihr aus Mitleid manchmal gekochte Kartoffeln zugesteckt hat; auch, wie dessen Töchter ihm mit der Denunziation drohten, sollte er nicht sofort aufhören damit.

Bevor Herta Melzer den Raum verlässt, um von ihrem Sohn nach Hause gebracht zu werden, dreht sie sich noch einmal um. «Eine Jugend hatte ich nicht», sagt sie und verschwindet in der Dunkelheit — so, wie sie und ihre Generation bald gänzlich verschwinden werden. Ihre Erinnerungen werden in umfangreichen Datensammlungen fortbestehen. Und hoffentlich so schnell nicht vergessen gehen.

*Die Namen wurden auf Wunsch der Porträtierten geändert