«Nuggi-Kultur»
Schnulleralarm: Mit dem Baby ins Konzert und Kino

Das Zürcher Kammerorchester bietet klassische Konzerte für den kulturellen Genuss, die Kino-Kette Pathé zeigt Filme. Diese Tatsache alleine ist nichts Besonderes. Nur: Das Zielpublikum sind Eltern mit Babys.

Lea Durrer
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Mit den Kleinen ins Kino oder Konzert

Mit den Kleinen ins Kino oder Konzert

Zur Verfügung gestellt

Klassische Konzerte mit dem Baby geniessen - das schliesst sich seit Ende letztem Jahr nicht mehr aus. Das Zürcher Kammerorchester bietet im etwa zweimonatigen Turnus Vorführungen für Eltern mit bis zu 12-Monate alten Babys an.

Die Konzerte sind längt zum Publikumsrenner avanciert. Die bisherigen sechs Vorstellungen waren schnell ausverkauft. Wer noch ein Ticket ergattern will, muss sich früh bemühen. «Für Eltern ist es ein grosses Bedürfnis trotz Baby in den Kunstgenuss zu kommen», erklärt Bianca Veraguth den grossen Erfolg. Die PR-Verantwortliche des Kammerorchesters ist sich sicher: «Eltern mit ‹kleinen Würmchen› haben sonst keine Möglichkeit Konzerte zu besuchen».

Babygeschrei gehört dazu

Wohl wahr. Bei kulturellen Anlässen sind Babys unerwünscht. Bei den Nuggi-Konzerten stört sich jedoch niemand über Gebrabbel, Babygeschrei oder herumliegenden Schnuller. Denn das gehört dazu.

Für 20 Franken kommen Erwachsene inklusive Baby in den musikalischen Genuss von Franz Schubert oder Wolfgang Amadeus Mozart. Der Tonhalle-Saal wird für diesen Zweck mit Joga-Matten ausgelegt. Richtig gemütlich und entspannend soll das Erlebnis sein. Bei der Musikauswahl wird auf sanfte Klänge Wert gelegt, um den Baby-Ohren nicht zu schaden.

Grosse Nachfrage nach Babykonzerten

Das Zürcher Kammerorchester schliesst mit dem Angebot eine Marktlücke. Ähnliche Angebote gibt es nur noch in Deutschland.

Die Staatskapelle Weimar bietet seit September 2010 Babykonzerte an. Die acht Termine waren bereits Anfang der Spielzeit nach kürzester Zeit ausverkauft. Mami und Papi reisen mit ihren Schützlingen von weit her an. «Wir könnten die Babykonzerte viel öfter spielen», sagt Kerstin Klaholz, Medienpädagogin am Nationaltheater Weimar. Die Kapazitäten des Orchesters seien jedoch beschränkt.

«Alle Eltern freuen sich, gemeinsamen mit ihren Kindern etwas zu erleben, ihren Kindern im weitesten Sinne zu fördern und ihnen sinnliche Erfahrungen zu ermöglichen», sagt Klaholz. Die Babykonzerte würden einen Raum bieten, unbefangen und mit Spass erste Erfahrungen mit Musik und Klängen zu sammeln.

Sowohl die Staatskapelle Weimar als auch das Zürcher Kammerorchester rühren mit den Konzerten für Babys kräftig die Werbetrommel für ihre Ensembles - und für die klassische Musik im Allgemeinen.

Mit dem Baby ins Kino

Auf einen Werbefeldzug begab sich auch der Detailhändler Coop. Er lancierte 2005 das «Nuggi-Kino». Kinobetreiber zeigten hierzu einmal im Monat Filme, die auf Eltern mit Babys zugeschnitten waren. Der Ton war leiser als üblich, der Saal nicht total abgedunkelt.

Ausserdem fanden die Vorführungen zu Zeiten statt, an denen Eltern ihre Babys ins Kino mitnehmen konnten. Nebenbei stellte der Grossverteiler Babyprodukte gratis zur Verfügung und pflegte somit die Kunden fürs Babysortiment.

Enormer Aufwand

Ende 2008 beendete Coop die Zusammenarbeit mit den Kinos. «Das Projekt ist am enormen Aufwand gescheitert», erklärt Coop Mediensprecherin Denise Stadler. Denn an jedem Tag mit Nuggi-Kino hätten die Mitarbeiter von Coop mit den Produkten und Plakaten in die einzelnen Kinos fahren müssen.

Ausserdem sei die Nachfrage nicht besonders gross gewesen. «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis hat für Coop nicht mehr gestimmt», resümiert Stadler.

Die Kino-Kette Pathé wollte das Projekt nicht aufgeben. Filmvergnügen mit dem Nachwuchs ist darum auch heute noch in ausgewählten Kinosälen möglich.